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Das Cottbus-Projekt

Eine Stadt und ihre Bewohner auf der Bühne

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Viele Wege führen nach Rom, aber nur zwei auf die Bretter, die Welt bedeuten. Der geläufigste Weg ist wohl, dass ein Regisseur einen fertigen Text nimmt und diesen mit Hilfe von Schauspielern und all den anderen Künstlern hinter den Kulissen auf die Bühne bringt. Gelingt die Inszenierung, so trifft ein alter Text in neuem Kostüm den Nerv der Zeit. Dass Texte aus jeglicher Ära heute anrühren, liegt ausschließlich darin begründet, dass der Mensch sich in den knapp viertausend Jahren, seit es Theater gibt, nicht geändert hat.

Am Theater Cottbus hat das Cottbus-Projekt, ein Kernstück des diesjährigen Schauspielthemas »Deutsch- land - Wunder und Wunden«, Premiere. Das Stück beginnt mit den Ereignissen der Jahre 1989/90 und schlägt einen Bogen bis ins Heute.

Auf die Frage, warum sie kein fertiges Theaterstück nehmen, antworteten Christiane Wiegand und Harald Fuhrmann: »Weil es das Stück, das uns interessiert, noch nicht gibt; weil es erst geschaffen werden, weil es sich aus dem Jetzt speisen muss, weil es aus der Stadt und aus den Leuten heraus entstehen soll.«

Und da haben wir nun den zweiten Weg: Theaterleute gehen in die Stadt und sprechen mit Leuten aller Couleur. Natürlich gehen sie nicht ziellos, während der Vorbereitung des Projekts hatte die Dramaturgie des Theaters nach Personen gesucht, die in zugigen Kehrtwendezeiten eine besondere Rolle gespielt haben, und nach solchen, die selbiges heute tun. Und wie das in solchen Fällen ist, jeder kannte noch jemanden und der wieder den nächsten. Es gab auch einen Hinweis aus dem Stadtarchiv. Dort lagert der Nachlass von Peter M.: drei Kartons mit Papieren aus der Zeit um 1989/90, Dokumente von unschätzbarem Wert.

Aus den Geschichten, die ihnen erzählt werde, und Fiktionalem, das sie dazutun, entsteht das Stück. Dieser Weg der Entwicklung wird selten gewählt, was daran liegen mag, dass der Arbeitsaufwand hoch ist, schließlich braucht man zu der Probenzeit von vier bis sechs Wochen auch noch zwei, drei Monate Zeit für Recherche; außerdem ist diese Produktionsweise mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet. Bei einem fertigen Stück weiß man, wo man ankommen will; bei einem Stück, das aus just aufgefundenem Material entsteht, ist der Ausgang ungewiss, man muss offen für Entdeckungen und Überraschungen sein. Das ist nicht jedermanns Sache.

Allerdings zeigt die Erfahrung, dass sich dieser Aufwand lohnt, weil das Publikum die Unmittelbarkeit des Stoffes und die Nähe zu seinen Problemen zu schätzen weiß und sich schnell herumspricht, dass auf der Bühne das eigene Leben verhandelt wird.

Wiegand und Fuhrmann - sie sind Regisseure, Dichter und Dramaturgen in einer Person - haben Erfahrung mit solcherart Projekten. Nach dem Studium zogen sie mit der Theatercompagnie Fliegende Fische ein Dreivierteljahr durch Indien und Nepal. Am Abend spielten sie den Leuten vor, was sie am Tag gesehen und erlebt hatten. Wegen der fremden Sprachen und Dialekte verlegten sie sich auf ein sehr körperliches Spiel, das auf jedem Platz und an jedem Ort verstanden wurde. Es war nicht nur eine Reise auf einen anderen Kontinent, sondern auch eine zu den Ursprüngen des Theaters, zur Arbeitsweise der Schausteller früherer Zeiten.

Wenn einer eine Reise tut, kann er viel erzählen; nicht nur, weil er viel erlebt, sondern auch, weil er unterwegs intensiv über seine Heimat nachgedacht hat. So fanden die Erlebnisse und Reflexionen der Reise ihren Niederschlag in dem Stück »Götter Guru Germany«, das die Compagnie mit nach Hause brachte, um es hierzulande aufzuführen.

Besonders nahe am CB-Projekt aber ist das Stück »Die Weber von Augsburg«, das Aufstieg und Niedergang der Textilindustrie in Augsburg zum Thema hat. In den siebziger Jahren waren dort noch zwanzigtausend Menschen in Lohn und Brot. »Einmal Texschtil, immer Texschtil«, sagte man. Mit der Verlagerung der Produktion ins Ausland fand die Ewigkeit ihr Ende, heute gibt es noch sechshundert Jobs in der Branche. Von solcherart Einschnitten und Veränderungen können wir im Osten nicht nur ein Lied singen. Für die Augsburger Inszenierung waren zehn Aufführungen geplant, es wurden mehr als vierzig, und mittlerweile denkt das Theater über eine Wiederaufnahme nach.

Szenenwechsel. Probe in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus. Der dritte Teil steht auf dem Plan. Die Assistentin kommt mit der überarbeiteten Fassung etwas später - noch ändert sich der Text nach jeder Probe -, also müssen die Blätter mit Strichen und Zusätzen von gestern zur Hand genommen werden. Das ist nicht weiter schwierig, denn die Schauspieler haben einen großen Teil ihrer Rollen schon drauf. Zunächst kommt es den Regisseuren darauf an, sich an den Rhythmus der Szene, das Ineinandergreifen der verschiedenen Figurenpaare heranzutasten.

Larissa, mit Kopfhörern, sie ist mit ihren Gedanken irgendwo, aber nicht bei ihrem Großvater. Der steht neben ihr und schaut in die Ferne.

Herr Noch: »Guck mal, da hinten, da ist Sandow. 1972 haben wir die fuffzehntausendste Wohnung übergeben und 1977 schon die fünfundzwanzigtausendste. Zehntausend Wohnungen in fünf Jahren. 1989 wohnten über achtzig Prozent der Cottbusser in Platte. Dahinten, guck mal, Ströbitz, Schmellwitz, Sachsendorf. Wird alles zurückgebaut. Ich versteh das. Wohnt keiner mehr. Damals kam se ausm ganzen Land wegen der Arbeit her. Und jetzt haun se alle ab, wegen der Arbeit.«

Ein methodischer Aspekt ist bemerkenswert und soll nicht unerwähnt bleiben: Die Erfahrung aus den vorangegangenen Projekten hat gezeigt, dass es zwar nett ist, mit Leuten zu plaudern, aber es dauert oft lange, bis man zu einem Problem vorstößt, das nach Umsetzung auf der Bühne verlangt, und es dauert noch länger, bis verwertbares Material auf dem Tisch liegt. Das Zauberwort heißt Tischtheater. Wiedemann und Fuhrmann bereiten mit Schauspielern kleine Szenen vor, die den Gesprächspartnern vorgespielt werden, und sofort verhalten diese sich in irgendeiner Weise, beziehen Positionen und äußern Meinungen.

So ungewöhnlich die Erarbeitung des Stücks, so ungewöhnlich wird die Aufführung. Der Abend beginnt in einem Raum für alle Besucher: ’89 - Eine Stadt träumt Zukunft. Was wollten die Menschen, die sich im Herbst vor der Stadthalle und vor der Oberkirche versammelten? Was ist aus ihren Träumen geworden, welche der Fragen, die damals gestellt wurden, blieben unbeantwortet?

Eine Anekdote am Rande: Die braven Cottbuser gingen später als alle anderen auf die Straße. Das führte dazu, dass man ihnen an Tankstellen in Dresden den Sprit für Trabi und Wartburg mit dem sanften Hinweis verweigerte: Macht ihr erscht mol eure Demo!

Nach dem ersten Bild geht es in kleinen Gruppen zu verschiedenen Spielstätten, in unterschiedliche Spielsituationen, zu Geschichten und Schicksalen. Wir lernen eine Journalistin kennen, die unter Druck gesetzt wird, damit sie einen Artikel nicht veröffentlicht; einen Unternehmer, der noch immer nicht gewillt ist, mit seinem Sohn über seine Arbeit beim MfS zu sprechen, und wir erleben, wie die Tochter einer arbeitslosen HO-Gaststättenleiterin ihre Mutter zurück ins Leben holen will.

Zum Schluss trifft sich das Publikum am Ausgangsort. Die Bühne, einer Arena gleich in der Mitte, das Publikum rundherum. Und nun geschieht etwas Wunderbares: Die Autoren nehmen das Traummotiv vom Beginn wieder auf und stellen die Frage, wie Cottbuser sich ihre Stadt in ein paar Jahren vorstellen. Es interessiert sie nicht nur die Vergangenheit oder das Jetzt und Hier, sie wollen auch wissen, wie sich Cottbuser ihre Stadt in ein paar Jahren vorstellen.

Eine Zeitkapsel wird gefüllt. Jeder kann, was ihm wichtig ist oder von Bedeutung scheint, hineintun, so dass künftige Generationen, die die Kapsel öffnen, etwas über unsere Zeit und über unsere Vorstellungen von der Zukunft erfahren können.

Mit dieser Weiterung des Stoffes nehmen die Autoren des Stückes Gedanken des Soziologen Harald Welzer auf, der postulierte, wenn es einen Realitätssinn gibt, muss es auch einen Möglichkeitssinn geben. Es kommt nicht nur darauf an, das Jetzt zu leben, man muss es stets hinterfragen, man muss ständig über andere Formen des Zusammenlebens nachdenken. Letztlich scheint dieser Gedanke die Quintessenz für ein sinnerfülltes Leben darzustellen. En passant wird die Grundfrage nach dem Sinn der Kunst beantwortet: Realität vorspielen, um sie sichtbar und fassbar zu machen und Möglichkeiten vorzudenken.

Nach den Vorstellungen wird es Publikumsgespräche geben, und wir dürfen gespannt sein, wie die angesprochenen Themen reflektiert werden. Ich bin besonders neugierig darauf, wie Cottbuser sich ihre Stadt in zehn oder zwanzig Jahren wünschen. Sicher werden die Vorstellungen sich sehr von dem unterscheiden, was im Rathaus erdacht wird.

Hätte ich drei Wünsche frei, ich wünschte mir die Fußgängerbrücke, die Mokka-Milch-Eisbar und das Cubana, in das man von der Brücke so nett hinunterlinsen konnte, zurück. Warum? Weil eine Stadt, in der das Geld knapp ist, nicht noch einen Einkaufstempel braucht, sondern Orte der Begegnung. Ich werde meinen Wunsch auf einen Zettel schreiben, mit ins Theater nehmen und in die Zeitkapsel schmuggeln. Vielleicht stellt das Theater aber auch einen Kasten hin, in den jeder seine Wünsche und Träume werfen kann, und bringt den, wenn das Stück abgespielt ist, ins Rathaus. Denn dass Abgeordnete ins Theater gehen, um sich das Stück anzusehen und Diskussionen zuzuhören, ist eher unwahrscheinlich.

Dieser Theaterabend ist unkonventionell erdacht und umgesetzt, er kommt unbekümmert leicht und gleichwohl von Nachdenklichkeit getragen daher. Er ist von jungen Leuten hauptsächlich für junge Leute gemacht, schließlich sind sie diejenigen, die die Chance haben, ihre Träume zu verwirklichen.

Am Ende soll ein Satz der arbeitslosen Gaststättenleiterin Frau Linde stehen, ein Imperativ, von dem man sich nur wünschen kann, dass jeder den Mut und die Kraft zu seiner Umsetzung aufbringen möge:

»Ich gebe dir einen Rat: Wenn du einen Traum hast - Mach!«

Weiter: 25.4./28.-30.4./2.5./3.5/5.5. jeweils um 19.30 Uhr; 26.4. um 19 Uhr

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