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Arbeit im hohen Sinn - wie soll man davon leben?

Ralph Grüneberger erzählt von Künstlern in prekärer Lage

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

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Er ist ihnen nah, den Männern und Frauen in seinen Geschichten: Maler, Musiker, Dichter. Auch ein Geigenbauer ist dabei. Diesen Alexander Snitkowski gibt es wirklich; im Internet findet man sogar seine Adresse in Lyon. Sein Handwerk hat er in St. Petersburg gelernt. Er weiß, dem toten Holz Leben einzuhauchen. Aber die meisten, die in seinen Laden kommen, kaufen billige Instrumente aus China. Wenigstens hat er Reparaturaufträge zu Hauf. Und seine Jugendliebe Anuschka, die in Moskau geblieben ist, schickt ihm alle Jahre zum 1. Mai eine Postkarte, um ihm zum »Tag der Arbeiterklasse« zu gratulieren. Dabei, so meint er, sei er doch längst Kleinunternehmer. - Allerdings einer in fast schon prekärer Lage, wie viele andere Künstler im Buch.

Arbeit im hohen Sinn leisten sie und dürften erwarten, dass dies auch gewürdigt würde. Doch müssen sie ihre Schöpferkraft oft genug allzu billig verkaufen, um überhaupt ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ralph Grüneberger erzählt sprachgenau, anschaulich von der Leidenschaft des Schaffens, dem Glück der Erleuchtung, von diesem Nicht-Anders-Können als Klavier zu spielen, Gedichte zu schreiben, zu malen. Von dem Unverständnis, dem Künstler immer wieder begegnen, von ihrer oft schwierigen Situation - und von ihrem Stolz, in der »Ruhe einer Sekunde« sich selbst die Treue zu halten.

Wenn einer Hartz IV-Empfänger ist wie Laurenz Schröder, einst Leiter eines Kammerorchesters, dann steht ihm mit seiner Frau eben nur eine 60-Quadratmeter Wohnung zu; umziehen muss er, ohne seinen Flügel. Aber vielleicht bringt er ihn ein letztes Mal noch zum Klingen - oder er nimmt die Kettensäge ...

Hundert Jahre früher endet der künstlerische Weg einer Pianistin, weil es in ihrer Familie dafür kein Verständnis gibt. Sie hätte sich durchsetzen können, meint man vielleicht heute, aber manches Talent ist fragil. Mancher Mensch kann an seiner Verletzung zerbrechen. Versteht doch!, scheinen die Texte zu rufen. Aber dass sich ein sozialistischer Staat um das Wohlergehen der Künstler kümmerte (nicht ganz selbstlos natürlich) und dass die »Kunstschaffenden« per se in der Öffentlichkeit Anerkennung fanden, währte nur ein paar Jahrzehnte in der Geschichte. Vorher und nachher war es so, dass, von einigen Berühmtheiten abgesehen, die Masse der Künstler nicht von ihrem Werk leben konnte. Dass einer Prospekte verteilt oder zum Broterwerb Hausmeister ist, in seinem Selbstverständnis aber Schriftsteller - Grünebergers Erzählung »Der Juror« handelt davon -, das dürfte heutzutage gar nicht so selten sein.

Manchmal hat Ralph Grüneberger sich realen Personen zugewandt, wie der Lyrikerin Selma Merbaum, die mit achtzehn Jahren in einem ukrainischen Zwangsarbeitslager an Typhus starb. Manchmal hat er wirkliches Geschehen auch verfremdet oder strikt die Fiktion gewählt. Da geschieht in der letzten Geschichte »Der Maler und das Mädchen« sogar etwas Wundersames, Märchenhaftes. Aber weil der Maler seinem Auftraggeber willig sein will, statt darauf zu hören, was das Mädchen auf seinem Gemälde von ihm wünscht, verschwindet sie, und er verliert sein ganzes Vermögen. Eine Parabel auf das Unerbittliche, auf die hohe Forderung, die von der Kunst selbst erhoben wird. Ein Künstler ist seinem Werk verpflichtet und darf sich nicht korrumpieren lassen.

Ralph Grüneberger: Die Ruhe einer Sekunde. Künstlergeschichten. Mit einem Kupferstich von Baldwin Zettl. Quartus-Verlag. 112 S., br., 12,90 €.

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