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Herbarium der Deindustrialisierung

Verschwundene Welten: Der Fotograf Fritz Fabert, die Vergangenheit der Fabriken und eine »Archäologie der Arbeit«

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 4 Min.

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Rostige Federn. Ein zerbrochenes Reglerrad. Eine kaputte Bürste: »In einer Produktionshalle des Backwarenkombinates Brandenburg an der Havel«, hat der Fotograf Fritz Fabert zu einer Aufnahme aus seiner Reihe »Archäologie der Arbeit« notiert (siehe Seite 4 der gedruckten nd-Ausgabe). Es sind die Reste einer verschwundenen Welt - in doppeltem Sinne.

Faberts Fotos erzählen von einer Vergangenheit der Fabriken und großen Maschinen, eines Zeitalters, das sich zur modernen Welt der Industrieroboter, der Reinräume und blitzblanken Bänder, der durch- automatisierten Fertigungsprozesse verhält wie das erste motorisierte Dreirad zu Googles selbstfahrendem Mobil der Zukunft. Sie sind in einem ganz allgemeinen Sinne archäologische Dokumente einer immerwährenden Verwandlung der Welt durch neue Technologien, die alte ablösen, durch neue Produktionsregimes, die überkommene ersetzen, durch politische Entscheidungen, die ihre Spuren in der industriellen Welt hinterlassen.

Sie erzählen aber auch die Geschichte einer ganz speziellen Verwandlung - die der Deindustrialisierung des Ostens. Die begann weit vor der Wende noch in der DDR, wo jahrelang die Investitionen in den Sachkapitalstock vernachlässigt wurden (oder in wenige Prestigeprojekte flossen). Die teils veralteten Produktionsanlagen waren - neben dem Wegbrechen der osteuropäischen Absatzmärkte - aber nicht der einzige Grund für den abrupten Schock: Wer von mangelnder Wettbewerbsfähigkeit der DDR-Betriebe spricht, sollte nicht von der Konkurrenzausschaltung schweigen, welche die wirtschaftliche Wiedervereinigungspolitik prägte. Von den rund 14.000 Betrieben, welche die Treuhandanstalt verwaltete, wurden 4000 bis 1994 geschlossen.

Die Folgen: Das Bruttoinlandsprodukt brach gegenüber den Daten des Jahres 1989 drastisch ein, die Industrieproduktion schrumpfte um zwei Drittel, drei Viertel der industriellen Arbeitsplätze gingen verloren. Was noch wuchs, war die Erwerbslosenquote: über 10 Prozent 1991, über 15 Prozent 1993, über 19 Prozent 1997, über 20 Prozent 1998. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wurden zwischen 1989 und 1991 im Osten über 2,5 Millionen Menschen arbeitslos.

Faberts Arbeiten zeigen diesen Bruch, gerade indem sie davon kein bloßes Abbild erzeugen, wie man es aus der sozialkritischen Wende-Fotografie kennt - mit ihren schwarz-weißen Bildern von grimmig dreinblickenden ostdeutschen Arbeitslosen vor sich schließenden Toren der ehedem volkseigen genannten Kombinate.

Bei Faberts Bildern erschließt sich der Wandel durch das, was man nicht sieht - was aber da ist: die Erinnerungen an das Geräusch, das beim Auflegen des Hörers auf die Gabel des Telefons Marke Alpha (oder war es Variant) entsteht (Seite 7); das unheimliche Wiederaufsteigen jenes leicht beißenden Geruchs der roten Wärmeflasche (Seite 11); den Phantomschmerz jener wunden Stelle ganz vorn auf dem Fuß, die der Germina-Sportschuh hinterließ.

Seine Arbeit, so beschreibt es der 1970 bei Magdeburg geborene Künstler, »ist eine Art fotografische Bestandsaufnahme von Relikten einer Industriekultur, die sich im Prozess des Verschwindens befindet«. Selbst ursprünglich zum Elektrohandwerker ausgebildet, ging Fabert 2006 an die Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung in Berlin, wo er bei der legendären Sibylle Bergemann (1941 bis 2010) studierte. Später folgte ein Meisterkurs bei Arno Fischer (1927 bis 2011), ebenso eine Legende und Ehemann von Bergemann. Ausstellungen und Veröffentlichungen folgten.

Faberts »Archäologie der Arbeit« ist eine Art Herbarium der Deindustrialisierung, in dem eine Ordnung von etwas geschaffen wird, was schon vergangen ist. Ihn habe die archäologische Herangehensweise gereizt, sagt Faber. Auch der spielerische Umgang mit den Objekten, die wie Fundstücke zusammengetragen, geordnet und dort fotografiert wurden, wo sie einst »lebten«, zeichnet die Serie aus.

In dem Prozess, den Fabert zeigt, bleibt das Alte aber nicht für sich allein, es wird überformt, ergänzt, verändert. In den verlassenen Fabrikhallen »vermischen sich die verbliebenen Dinge mit Zivilisationsmüll und den Abfallprodukten der sich ausbreitenden Natur«, so Fabert. Auch die Deindustrialisierung ist nicht einfach irgendwann zu Ende. Nicht einmal in den Umkleideräumen des Reichsbahnausbesserungswerkes Kirchmöser, in den Resten des Fahrzeugwerkes Treuenbrietzen oder in der verlassenen Produktionshalle des Backwarenkombinates Brandenburg an der Havel. Es kommt immer etwas Neues.

Zwischen rostigem Zahnrad und einer technischen Zeichnung von einem Bauteil, das sich schon lange nicht mehr dreht: ein Pflänzlein, zartes Grün. Ein Farn. Das Blühende in den Landschaften.

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