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Arbeiten ohne Leistungsdruck

Ein Tag in einer sozialtherapeutischen Einrichtung für beeinträchtigte Menschen

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.
In der »Werkgemeinschaft für Berlin-Brandenburg« in Zehlendorf arbeitet niemand für den Profit oder als Selbstzweck. Erlaubt ist, was dem seelischen Befinden hilft.

Eigenartig an diesem Ort ist, dass hier kaum jemand mehr als 60 Jahre auf dem Buckel hat. Überall junge Erwachsene und Menschen mittleren Alters. Auf der Holzbank vor dem Hauptgebäude der »Werkgemeinschaft für Berlin-Brandenburg« am Teltower Damm sitzt eine Gruppe feixender Mittzwanziger, im Foyer stehen juvenile Männer, die jeden freudig begrüßen. Auf dem Weg zur Designwerkstatt im vierten Stock des Nebentraktes lugen aus allen Zimmern mitten im Erwerbsleben stehende Mitarbeiter heraus. Da betritt eine ältere Dame den Aufenthaltsraum. Sabine Baumann, die wie alle hier ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, beginnt sofort einen Plausch: »Oh, ein Gast? Wie heißt du denn? Was machst du so?«

Seit einer Erkrankung im Kindsalter fällt es der charmanten Frau mit dem schneeweißen Kurzhaarschnitt und der rundlichen Brille ausnehmend schwer, komplexe Zusammenhänge zu erfassen, weshalb sie nie auf dem regulären Arbeitsmarkt ankam. Jahrelang übte sie Aushilfstätigkeiten aus, bis sie hier in der Designwerkstatt rundum glücklich wurde. Zwei Jahre noch, dann geht sie in Rente. »Mit 63«, findet sie, »hab ich dann genug gearbeitet.«

Während sie sich ihrer Arbeit zuwendet und sorgfältig Designerleuchten mit weißen Federn drapiert, steckt Markus Lieber seinen Kopf herein. Das wilde Gewusel hier fasziniert ihn ebenso wie die angeregten Unterhaltungen nebenan, wo mit der japanischen Kumihimo-Flechttechnik und mit dem silbernen Edelmetall-Material »Art Clay« verschiedener Schmuck hergestellt wird. Lange kann er sich aber nicht in den Räumen aufhalten. Markus ist Autist und braucht Rückzugsmöglichkeiten. Er arbeitet gegenüber in einem Zimmer für sich allein.

Nachdem er sich kurz vorgestellt hat, kehrt der 35-Jährige wieder dorthin zurück und setzt sich an seinen Tisch ans halb offene Fenster. Von draußen ist der Lärm spielender Kinder zu hören. Für Markus sind die Geräusche eine Inspiration. Denn vormittags reißt er Papier in Fetzen, aus denen später neues Papier geschöpft wird. Das verleiht seinem Tag eine Struktur, lässt ihm aber auch genug Ruhe zum Nachdenken.

Seine Lieblingsbeschäftigung: Er beobachtet das Geschehen drinnen wie draußen und überlegt sich ein Thema, über das er nachmittags schreiben kann: »Ich greife täglich zwischen 13 und 15 Uhr zu Schreibblock und Feder.« Zur Feder? Markus muss lachen und erklärt seinen Witz: »Mit Federn arbeiten doch auch die Kolleginnen drüben bei den Lampen.« Er zögert, wenn er stotternd, aber gewählt seine Sätze formuliert. Gespräche strengen ihn sichtlich an, aber er genießt sie. Blickkontakt kann er nicht halten. Wenn Markus aber seinen Kopf schief legt, seine Augen sich zu einem freundlichen Lächeln verengen und er seine Texte vorliest, zeigt sich, wie viele Gedanken er sich über unsere Gesellschaft macht.

Meist schreibt er Abhandlungen, die häufig in dem Betriebsjournal »Werkzeit« veröffentlicht werden. Ein Text, der sogar gerahmt im Aufenthaltsraum an der Wand hängt, endet so: »Ich finde es sehr wichtig, dass es geschützte Arbeitsplätze gibt. Geschützte Arbeitsplätze waren nur in der DDR möglich.« Ob er als gebürtiger Sachse einen Unterschied zu heute erkennt? »Wir in der Werkgemeinschaft sind noch geschützt, aber die anderen Menschen leider nicht mehr.«

Ein kurzer Blick auf die Uhr, und Markus dreht ab, um den Raum kommentarlos zu verlassen. Gleich ist Mittagspause. Dina Schelling atmet tief durch. Während sie Nudeln auf die Gabel rollt, spricht die Werkstattleiterin und Heilpädagogin davon, wie schweißtreibend der Job ist. Sie sagt aber auch, fast jeder Tag fühle sich emotional bereichernd an: »In unserer Werkstatt herrscht kein Leistungsdruck. Arbeit ist für uns nie Selbstzweck, wir arbeiten auch nicht profitorientiert. Jeder soll tun, was seinem seelischen Befinden hilft.«

Wie konsequent das umgesetzt wird, zeigt sich nachmittags: Da ist jene Kollegin, die nach einem Unfall ihr Kurzzeitgedächtnis verloren hat. Sie verbringt den Arbeitstag meist mit Lesen: Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich Bücher von Astrid Lindgren und Ken Follett. Oder die eloquente Kollegin, die einen Schal strickt und gerne Comics liest. Oder eben Markus, der »Schriftsteller der Werkgemeinschaft«.

Besonders viel Kraft aber scheint Dina in der Zusammenarbeit mit Sabine zu finden: »Sie ist gelassen und glücklich. Einfach, weil sie mit lieben Menschen zusammen sein darf.« Deren Renteneintritt blickt Dina mit Sorge entgegen. Bisher gibt es in Deutschland wenige körperlich, mental oder seelisch Beeinträchtigte über 60, weil viele von ihnen im Nazi-Faschismus als »unwertes Leben« ermordet wurden. »Diese Generation«, sagt Dina, »ist eine Herausforderung für unsere Gesellschaft.« Eine Gesellschaft, die nun zeigen müsse, ob sie beeinträchtigten Menschen einen ihren Bedürfnissen angemessenen Lebensabend bereiten wolle oder nicht.

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