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Das schwere Trauma der Teilung

Weit nach Westen: Moskauer Siegerwille schob Polen in fremd gewordene geografische Räume

  • Von Holger Politt , Warschau
  • Lesedauer: 3 Min.

Entscheidendes Ergebnis des Krieges, noch bevor Berlin bezwungen war, waren die neuen Staatsgrenzen, vor allem aber die kürzeste Linie, die Polen und Deutsche nun zunächst einmal trennte. Niemand in Polen stellt diese Grenzen heute in Frage, obwohl alle wissen, wie sehr die Grenzziehung dem Willen Stalins folgte. Über den Verlauf ihrer Ostgrenze hatten die Polen nicht zu entscheiden. Doch dass es so weit nach Westen ging, hatte viel zu tun mit jenen politischen Kräften, die bis 1989 im Lande die Macht übernommen hatten.

Wenn viele Jahre nach dem Ende des sowjetischen Einflusses in Polen Leute wie der Ex-Premier Mieczysław F. Rakowski oder Ex-Präsident Wojciech Jaruzelski auf den wichtigsten Beitrag der Volksrepublik zur polnischen Geschichte verwiesen, zeigten sie auf die Alternative: Ein Rumpfstaat ohne breiten Zugang zur Ostsee, so etwas in Gestalt des Herzogtums Warschau, mit dem einst Napoleon seine polnischen Verbündeten ruhigzustellen suchte. Die Beteiligung polnischer Soldaten am Sturm auf Berlin bedingte, dass das Land nach sowjetischem Siegerwillen in geografische Räume geschoben wurde, die ihm jahrhundertelang fremd geworden waren.

Wichtiger als der 8. Mai 1945 sind im erinnerungspolitischen Kalender aber der 1. und der 17. September 1939, vor allem jedoch der 1. August 1944. Der Warschauer Aufstand gilt weithin als zentrales, als Schlüsselereignis der Okkupationszeit. Der heroische Kampf des aufständischen Warschaus, wiewohl militärstrategisch für die Anti-Hitler-Koalitionäre in Ost wie West bedeutungslos, stützt entscheidend das Bild des widerständigen Polens. Das scheint sich nahezu bruchlos in die tragisch-schillernde Aufstandstradition des 19. Jahrhunderts zu fügen. Der tatsächlich wertvolle Beitrag polnischer Soldaten an allen Fronten zur Befreiung von Heimat und Kontinent steht weniger im strahlenden Licht der Öffentlichkeit.

Der Aufstand hatte die Selbstbefreiung Warschaus zum Ziel, als Faustpfand des bürgerlich geführten Polens, um in der sich bereits abzeichnenden Nachkriegsordnung die Wiedergeburt des 1939 untergegangenen Polens zu ermöglichen. Die dramatische Niederlage des größten Stadtaufstands gegen die Hitlerokkupation mit über 200 000 Todesopfern auf polnischer Seite machte nicht nur einen Strich durch die Rechnung, die Westalliierten verloren auch ihren treuesten Verbündeten.

Das Londoner Exillager Polens speiste sich in seinem Widerstand aus dem tiefen Trauma der erneuten Aufteilung des Landes, die nach dem Willen Hitlers und Stalins im September 1939 vollzogen wurde. Als Deutschland die Sowjetunion überfiel und der Roten Armee später die entscheidende Rolle bei der Befreiung des Kontinents zufiel, waren nirgends unter den Alliierten die Vorbehalte gegenüber Moskau so groß und manifest wie in Polen. Die Aufdeckung Katyns 1943 ausgerechnet durch die verhassten Deutschen wirkte wie ein moralischer Sturzbach auf die Mühlen des Exillagers.

Lange hieß es, die Sicherheit von Polens neuer Westgrenze werde allein durch die Sowjetunion garantiert, deren 600 000 Rotarmisten auf deutschem Boden darüber wachen. Dass aber in Berlin die Mauer errichtet werden musste, wurde in Polen immer als Ausdruck von Schwäche, nicht als zusätzlicher Schutz verstanden. Es kam der Initialzündung gleich, die Aussöhnung mit dem gesamten deutschen Volk und unabhängig von der Sowjetunion zu suchen. Kaum jemand, der heute über die Oderbrücke bei Frankfurt fährt, ahnt indes, dass sich unter ihm eine der wichtigsten Stützen der Europäischen Union befindet - die Oder-Neiße-Grenze.

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