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»Still, jetzt kommen die Russen!«

Das Erleben einer Achtjährigen in der Erinnerung einer 78-Jährigen

Es war so ein angenehmes Frühlingswetter in den letzten Apriltagen des Jahres 1945. Im Garten blühten die Kirschbäume. Von unserem Grundstück am Ende der Straße reichte der Blick weit über die Felder bis zur Kirche von Schildow und hinüber bis zum Naturschutzgebiet Arkenberge im Norden Berlins. Ich war gerade acht Jahre alt. Und meine (Pflege-)Eltern hatten mir gesagt, bald würde der Bombenkrieg zu Ende sein. Der Keller unseres Häuschens und der Erdbunker im Garten gegenüber waren längst für uns und Nachbarn tägliche und nächtliche Heimstatt. Immer öfter brausten nun sowjetische Tiefflieger Richtung Berlin.

Dann saßen wir dicht an dicht im Keller - so um den 21. April herum - meine Eltern und ich, das jüdische Ehepaar Schönthal, das unter falschem Namen bei uns wohnte, der jüdische Arzt Dr. Hugo Jacobsohn und seine Frau Dita, die dank der Solidarität so vieler Schildower auf dem Grundstück nebenan im Stall versteckt den Faschismus überlebten. Es war alles so unwirklich für mich. Dann hörten wir das Gartentor splittern. Meine Mutter sagte:»Still, jetzt kommen die Russen.« Gewehrkolben schlugen an die Haustür.

Da geschah etwas, was ich mein Lebtag nicht vergessen werde: Meine Mutter, 48 Jahre alt, ostpreußische Bauerntochter, von kräftiger Statur und furchtloser Energie, Sternzeichen Löwe (!) sagte: »Die werden die Tür kaputt schlagen. Das geht nicht«, ging die Kellertreppe hoch und rief durch die Tür in polnischem Kauderwelsch (viele Ostpreußen sprachen so), wir wären keine Nazis, sie sollten aufhören. Sie schloss die Tür auf und stand Sowjetsoldaten, »den Russen«, gegenüber, die die Gewehre auf sie richteten. Ein kleiner Leutnant, der die Truppe anführte, musste sie verstanden haben! Vielleicht war er Bjelorusse oder Pole. Er forderte Aufklärung, wer noch im Hause sei, die Soldaten stürmten herein, durchsuchten Zimmer (und Möbel) und besetzten alle Räume. Wir blieben im Keller.

Damit hatten wir für Wochen Einquartierung. In den Vorgarten wurde ein Lkw mit einem Geschütz darauf postiert - unser Haus bot ja strategisch günstig freies Schussfeld nach (und von) Berlin. Auf dem Feld entstanden kirschblütengeschützte Unterstände. Gottlob geschah nichts, und am 8. Mai war der Krieg vorbei.

Solange wir Einquartierung hatten, brauchten wir nichts zu fürchten. Meine Mutter kochte für Soldaten und wir aßen mit. Oft saß ein junger Soldat stumm, reglos in unserer Kellerküche und beobachtete meine Mutter. Die Faschisten hatten seine ganze Familie ermordet und das Dorf verwüstet. Vielleicht sah er in meiner Mutter auch die seine. Meine Eltern wussten, was das bedeutete. Sie waren keine Kommunisten oder Gläubige. Sie verschlossen nur nie Augen und Ohren vor dem, was unter Hitler geschah.

Und sie bewahrten sich ihre Menschlichkeit im Großen wie im Kleinen - in Hilfe für verfolgte Juden. Mein Vater, als Dachdeckergeselle viele Jahre in Frankreich auf der Walz, sprach oft mit französischen Kriegsgefangenen, die bei Schildower Bauern arbeiteten. Wenn meine Eltern Jude oder Russe oder Franzose sagten, so waren das immer Synonyme für das Wort Mensch.

Als die Einquartierung abzog, hinterließ sie uns und den Nachbarn ihre requirierten Essensvorräte. Nun erst schwärzten die Frauen sich die Gesichter und zogen die Kopftücher tiefer. Es half nicht immer gegen durchziehende Soldaten.

Bei uns fanden die Verhandlungen statt, nach denen den Jacobsohns ein Haus zugewiesen wurde, in dem der Arzt bis zu seinem Tod 1958 praktizierte. Die Schönthals bekamen eine größere Wohnung und später ihr Textilgeschäft in Berlin-Neukölln zurück. Ich war acht Jahre alt und wusste nichts von Befreiung. Zu uns Kindern waren die Sowjetsoldaten freundlich. Wir spielten in ihren Unterständen. Wir konnten nachts wieder schlafen, ohne dass Fliegeralarm durch die Luft gellte. Für meine Eltern aber, für die Jacobsohns und die Schönthals war es die Befreiung von der Barbarei.

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