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Meister des Jugendstils

Hans-Christiansen-Retrospektive im Bröhan-Museum

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Bärtig, mit schmalem Gesicht, schon schütterem Haar, und aus kränklich sorgenvollen Augen blickt Hans Christiansen auf dem Selbstbildnis in Öl von 1912 den Betrachter direkt an. Wie die unausweichliche Bitte um Hilfe wirkt, was der einst gefeierte Künstler, wohl gerade nach dem Zuzug in Wiesbaden, malend über sich preisgibt. Kaum sichtbar als Tondo und in eher düsteren Farben ist dieses selbstanalytische Brustbild einem Hochformat eingelegt.

Dass Christiansen, 46 Jahre alt, ein Exponent und Großmeister des Jugendstils ist, scheint hier kaum mehr auf. Dabei liegt hinter dem 1866 in Flensburg geborenen, dort zum Dekorationsmaler ausgebildeten Kaufmannssohn eine glanzvolle Karriere als »Gesamtkunstwerker« von hohen Graden. Schon früh saugt er begierig auf, was ihm an Einflüssen nützlich scheint. In Abkehr vom Historismus plädiert er, damit eine Tendenz der Zeit aufgreifend, für eine neue Volkskunst, die sich an der heimischen Natur orientiert. Und entwirft in den Folgejahren Neues für alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens, vom Zeitschriftentitel bis zum Glasfenster, vom Möbel bis zum Damenkleid, von der Tapete bis zur Tapisserie und dem Etui für Zigaretten oder Visitenkarten, vom Gedeck bis zum Besteck.

Christiansen studiert in München, bereist Italien ohne tiefere Nachwirkung, findet eine Anstellung in Hamburg, wo er Plakate bereits mit floralen Ornamenten entwirft, fährt 1883 mit einem Stipendium zur Weltausstellung in Chicago. Hier empfängt er prägende Eindrücke: Amerikas Gebrauchsgrafik, Glas der Firma Tiffany, Japans Kunsthandwerk begeistern ihn und spiegeln sich in jenen Plakaten wider, die er als Mitglied des Hamburger Kunstgewerbevereins entwirft, durchaus auch in scherzhafter Lockerheit, etwa für »Hamborger Postkorten«. Und Christiansen experimentiert mit verschiedensten Techniken, so Zinkätzungen.

Um jedoch »in’s richtige Fahrwasser« zu kommen, geht er auf vier Jahre nach Paris, ins Mekka der Kunstmoderne. Dort sieht er Werke angewandter Kunst von Mucha und Toulouse-Lautrec bis Bonnard, schreibt sich an der privaten Académie Julian ein, wo Vallotton, Corinth, Slevogt studiert hatten, und stellt in der Galerie aus, die einst auch van Gogh zeigte. In Paris heiratet er, entwirft die Möbel für die neue Wohnung selbst, versendet Arbeiten zu Ausstellungen - und stößt auf das Interesse des Großherzogs von Hessen. Der lädt ihn ein, Gründungsmitglied der Darmstädter Künstlerkolonie zu werden. Erfüllt von den Pariser Anregungen, kann er hier zusammen mit Peter Behrens und dem Wiener Architekten Joseph Maria Olbrich seine neue Formensprache für die angewandte Kunst etablieren.

Beispielgebend wird dabei das Haus, das Olbrich für ihn auf der Mathildenhöhe entwirft und Christiansen ausgestaltet: Jene Villa »In Rosen« ist bis ins Detail ein einzigartiges Gesamtkunstwerk des Jugendstils, mit einer stilisierten Rose als wiederkehrendem Emblem. Besuchern stehen diese Häuser offen, Ausstellungen präsentieren die Kreativität der angesiedelten Künstler und popularisierten so den Jugendstil. Dessen Name geht zurück auf die Zeitschrift »Jugend«, für die Christiansen hinreißende Titelbilder beigesteuert hatte, ob Badende in Wellen, von Drachen umflammte oder von Lilien umblumte Frauen, all das in lebensvoll leuchtenden Farben, schwingenden Linien.

Weil die meisten Aufträge von außerhalb kommen, zieht Christiansen 1911 nach Wiesbaden, wo er bis zu seinem Tod 1945 bleibt. Hatte ihn der Erste Weltkrieg tief bewegt, wird die Nazi-Ära ein Trauma. Da er die Scheidung von seiner einer jüdischen Familie entstammenden Frau verweigert, folgen Mal- und Ausstellungsverbot, Not und Krankheit. Wenige Monate vor dem Ende der Barbarei stirbt er, schon damals vergessen.

Es ist das Verdienst von Museen in Darmstadt, Flensburg, München, dass das Bröhan-Museum nun erstmals eine so repräsentative wie umfassende Schau zum Werk dieses vielseitigen Hauptvertreters des Jugendstils zeigen kann. Rund 250 Exponate weisen ihn als einen Ruhelosen aus, dem die Ideen sprudelten und der seine Philosophie einer naturdurchtränkten, vegetabil ornamentierten Alltagskunst singulär umgesetzt hat. Vasendekor wächst üppig der Hand des Nutzers entgegen; in bewegten Linien schlängeln sich Frauenhaar, werden Rauchschwaden zum Schriftzug; Tropfen erzeugen Kreise im See, kehren als Motiv auf Fayencen wieder. Dass ihn die Schleier der berühmten Pariser Serpentintänzerin Loïe Fuller immer neu inspirierten, in Glas und als Design für eine Bonbonniere, liegt nahe. Wunderbar!

Bis 24. Mai, Bröhan-Museum, Schloßstr. 1a, Charlottenburg

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