Raff, Struve, Boßdorf & PC

Die ARD-Intendanten berieten in Schwerin nicht nur Personalien

  • Von Rainer Braun
  • Lesedauer: ca. 4.0 Min.
Durchaus ungeachtet der massiven Kritik an den exclusiv-Verträgen mit Jan Ullrich und dem ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf, zog der Senderverbund keine personellen Konsequenzen aus den Affären um die Verquickung von Sportberichterstattung und Kommerz. Stattdessen beschlossen die ARD-Intendanten auf ihrer Tagung in Schwerin das vorgesehene Personalpaket. Zum 1.1. 2007 wird der Intendant des Saarländischen Rundfunks, Fritz Raff, turnusgemäß den ARD-Vorsitz von Thomas Gruber (Bayerischer Rundfunk) übernehmen. Hagens Boßdorfs Vertrag wird um fünf Jahre bis 2012 verlängert, ARD-Programmdirektor Günter Struve soll weitere 18 Monate bis 2008 bleiben. Pikant daran ist nicht nur, dass alle drei Herren auch maßgeblich am Deal mit Ullrich beteiligt waren. Die PR-Abteilungen des Senderverbunds sind in den nächsten Wochen und Monaten kaum zu beneiden. Denn die ohnehin schon beträchtlichen Imageverluste der ARD dürften mit diesen Entscheidungen vom Dienstag noch größer werden. Offensichtlich war den Senderchefs nach außen hin eine demonstrative Geschlossenheit, an der jede noch so begründete Kritik abperlt, wichtiger als das ohnehin schon lamentable Bild in der Öffentlichkeit. Während intern massiv die Sparkommissare im Senderverbund ausrücken, Honorare und Etats gekürzt werden, haben die Senderchefs nach eigenen Angaben einen Vertrag mit Ullrich beschlossen, den sie selbst - und auch ihr Programmdirektor Struve - nicht gelesen haben. Der wiederum bescherte dem Pedalritter Ullrich, dessen Salär sich allein beim Team T-Mobile auf jährlich eine Millionen Euro summiert, ein Zubrot von rund 1,3 Millionen Euro in sechs Jahren. Ein sorgfältiger Umgang mit Gebührengeldern sieht anders aus. Schließlich stellte die ARD Ullrich ab 2003 zum Sockelbetrag von 195 000 Euro noch satte Prämien für Etappensiege ( 20 000 Euro) und den Gewinn der Tour (65 000 Euro) in Aussicht - mithin für Leistungen, die Ullrich ohnehin extra honoriert hätte bekommen. Dafür trat Ullrich in Home-Stories, Sportgalas und Quiz-Sendungen auf und füllte Sendeplätze, was wiederum die ohnehin nicht besonders kritischen Berichterstattung zur Tour de France weiter beförderte. Dass die ARD selbst für sich in Anspruch nahm, die Verträge nicht aus Gebührengeldern, sondern aus Erlösen ihrer eigenen Werbetöchter bezahlt haben zu wollen, lässt tief blicken. Denn selbstredend hätten die Gelder der »Sales & Services« auch für andere Projekte innerhalb der ARD verwendet werden können als zur Alimentierung eines mittlerweile höchst umstrittenen Radsportlers. Es passt ins Bild dieses verantwortungslosen Geschäftsgebarens, dass nun verbal viele der leitenden Herren »Verantwortung« übernahmen, was hier aber nur als leere Geste zu verstehen ist. Konsequenzen blieben erneut aus. Das galt nicht zuletzt bei der umstrittendsten der drei Personalien. Nun war auch den Senderchefs bekannt, dass Hagen Boßdorf (mit dem ehemaligen SR-Sportchef Werner Zimmer) auch die Details des letzten Vertrages mit Ullrich im Jahr 2003 ausgehandelt hat. Interessant ist das schon deshalb, weil Boßdorf selbst 2004 als Ghostwriter der Ullrich-Biografie »Ganz oder gar nicht« in Erscheinung trat. Dass sich hier zwei fanden, die sportliche und kommerzielle Interessen teilten, liegt auf der Hand. Andererseits ist der ehrgeizige Boßdorf bekanntlich schon seit Jahren zu einer Dauerbelastung für die ARD geworden. Seine lukrativen Nebentätigkeiten als Moderator und Diener anderer Herren brachten ihm einst eine Abmahnung ein. Zudem werden Boßdorfs »Verstrickungen« mit der Staatssicherheit der DDR auch in Zukunft die Gerichte beschäftigen. In Hamburg ermittelt ein leitender Oberstaatsanwalt gegen ihn wegen vermeintlich falscher eidesstattlicher Versicherung. Ebenfalls an der Alster steht am 21. September ein Termin mit dem NDR vor dem Arbeitsgericht an. Der Sender hatte Boßdorf bekanntlich als NDR-Sportchef verpflichten wollen und den Kontrakt rückgängig gemacht, wogegen der Sport-Koordinator klagte. Womit wir zugleich beim Schlüssel für die Erklärung sind, warum ein Mann Sportkoordinator der ARD bleiben kann, der aus gutem Grund nicht Sportchef des NDR werden sollte: Bleibt Boßdorf in München, hat der NDR ein Problem weniger. Die ARD wiederum hat sich eine Auflösungsklausel für den Fall in Boßdorfs neuen Vertrag schreiben lassen, dass Boßdorf in Hamburg angeklagt und verurteilt wird. In Kauf genommen haben die Senderchefs damit, dass Glaubwürdigkeit und Integrität gebührenfinanzierter Sportberichterstattung auf der Strecke bleiben. Verdrängt haben sie, dass es nicht von ungefähr in diesem Bereich vor kurzem die »bedauerlichen Einzelfälle« Emig und Mohren gab - die Sportchefs des Hessischen und Mitteldeutschen Rundfunks wurden bekanntlich geschasst, weil ihre Verquickungen von Sport und Kommerz auch strafrechtlich relevant schienen. Dem Führungspersonal der ARD, das ohnehin kaum effizienter Kontrolle unterliegt, stellt das insgesamt kein gutes Zeugnis aus, hat doch dem Vernehmen nach nur die RBB-Intendantin Dagmar gegen die Verlängerung von Boßdorfs Vertrag gestimmt. Ungeachtet dessen wurden in Schwerin nicht nur Personalfragen erörtert. Als Folge aus den umstrittenen exklusiv-Verrägen mit Jan Ullrich wird künftig eine »Clearing Stelle« beim WDR angesiedelt, die sämtliche »Mitwirkungsverträge« überprüfen soll. Entsprechende Verträge mit aktiven Sportlern sollen gekündigt werden. Außerdem schlagen die ARD-Intendanten eine abgespeckte PC-Gebühr in Höhe von 5,52 Euro für »neuartige Rundfunkempfangsgeräte« vor. Die Ministerpräsidenten der Länder hatten bekanntlich im Rahmen der Änderung des letzten Rundfunkstaatsvertrages die Einführung der vollen Gebühr ...

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