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Kaum einer glaubt an eine Tat der PKK

Attentat im südosttürkischen Diyarbakir verrät die »Handschrift von Faschisten«

  • Von Claudia Wangerin
  • Lesedauer: 2 Min.
Zwei Wochen nach den Anschlägen in den türkischen Ferienorten Antalya und Marmaris wurde Diyarbakir im Südosten des Landes Schauplatz eines blutigen Terroraktes. Während die Massenmedien die PKK beschuldigen, sprechen kurdische Einwohner von der Handschrift faschistischer Kräfte.
Der Sprengsatz detonierte am Abend des 12. September in der Nähe einer Bushaltestelle am Kosuyolu-Park, dessen Teegärten an lauen Sommerabenden gut besucht sind. Der Knall soll in der ganzen Stadt zu hören gewesen sein. In der näheren Umgebung zerbarsten mehrere Fensterscheiben. Es war der Jahrestag des türkischen Militärputsches vor 26 Jahren. Acht Menschen starben noch am Ort des Anschlags, 16 Verletzte wurden in die Universitätsklinik gebracht. In der Nacht erhöhte sich dort die Zahl der Todesopfer auf elf. Für ein einjähriges Baby kam jede Hilfe zu spät, ein sieben- bis achtjähriges Kind soll sich noch in kritischem Zustand befinden. Zunächst bekannte sich niemand zu dem Attentat. Der Verdacht wurde in den türkischen Massenmedien sofort auf die kurdische Arbeiterpartei PKK gelenkt. Wo mehrheitlich Kurden leben, müsse man auch von Kurden als Täter ausgehen, war die seltsame Logik der Berichterstattung, die bei vergleichbaren Anschlägen in der Westtürkei jedoch nicht gegolten hatte. Sicherheitskräfte äußerten dagegen die Vermutung, dass die Bombe lediglich zu früh hochgegangen sei und das eigentliche Anschlagsziel ein ganz anderes gewesen sein könne. Andere Quellen gehen davon aus, dass die Bombe mit einem Handy ferngezündet wurde. Der Kosuyolu-Park ist auch deutschen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten, die an Delegationsreisen zum kurdischen Neujahrsfest teilgenommen haben, als beliebter Treffpunkt ihrer kurdischen Ansprechpartner bekannt. Oft sind dies Mitglieder und Sympathisanten legaler und zivilgesellschaftlicher Organisationen, denen jedoch von türkischer Seite regelmäßig unterstellt wird, Vorfrontorganisationen der PKK zu sein. Während der blutigen Straßenkämpfe im Frühjahr wurde der Park aus diesem Grund sogar von der Polizei abgesperrt, um alle Anwesenden zu überprüfen. Das angrenzende Stadtviertel Baglar gilt als ärmster Bezirk der Millionenstadt Diyarbakir. Viele Inlandsflüchtlinge, die in den 90er Jahren von der Armee aus ihren Dörfern vertrieben wurden, leben hier auf engstem Raum mit ihren Familien. Kaum jemand glaubt hier an einen Anschlag aus dem Umfeld der PKK. Anwohner nennen das Anschlagsziel untypisch und sprechen von der »Handschrift der Faschisten«. Gemeint sind jene Kräfte, die auch hinter dem Anschlag auf eine linke Buchhandlung in Semdinli am 9. November 2005 gesteckt haben. Nach Aussage der kurdischen Firat-Nachrichtenagentur hielten sich zum Zeitpunkt des Anschlags in Diyarbakir seit ungefähr drei Wochen Mitglieder von Spezialeinheiten und des Militärgeheimdienstes JITEM zu einem gemeinsamen Lehrgang mit PKK-Überläufern in der Stadt auf. Einen Tag vor der Explosion hatte der Vorstand der größten legalen pro-kurdischen Partei DTP (Demokratische Gesellschaftspartei) die gesamte kurdische Befreiungsbewegung zu einem Waffenstillstand aufgerufen. DTP-Bürgermeister Osman Baydemir sprach anschließend von einer Provokation, die den Friedensprozess sabotieren solle.

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