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Vom Ende der Bescheidenheit

Ein Streiktagebuch aus Saarbrücken, erster Eintrag

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Auf dem Weg ins Streiklokal begegne ich am Mittwoch meinem Nachbarn Jean-Pierre, dem ich erkläre, seit Freitag befände ich mich im »unbefristeten Erzwingungsstreik« der kommunalen Kita-Erzieher.

Daraufhin prophezeit er: »Es wird bald eine Revolution kommen.«
Ich lächle: »Da hast du gut reden als Franzose.«

Im Streiken ist Frankreich Europameister, Deutschland auf einem der untersten Plätze. Beim Streiken sind wir Deutschen fast so brav wie die Schweizer. Doch, obwohl nur wenige Arbeitstage pro Jahr streikbedingt ausfallen, ist das Geschrei in den Boulevard-Medien immer gleich groß: Was der Wirtschaft schadet, ist das Böse schlechthin.

Streikende Erzieher tun ausgerechnet den Menschen weh, mit denen sie sich idealerweise in einer harmonischen »Erziehungspartnerschaft« zum Wohle des Kindes befinden - den Eltern. Erziehern ein schlechtes Gewissen zu machen, ist leicht.

Während ich in der Schlange darauf warte, mich in eine der Streiklisten einzutragen, höre ich zu, was die Kollegen sagen. Überall haben sie versucht, die Folgen des Streiks abzumildern, indem sie Elternbriefe verteilten, Not-Kitas organisierten; niemand verliert ein böses Wort über die Kollegen, die nicht streiken.

Eine streikende Kollegin aus einer Ganztagsgrundschule bedauert es sehr, dass sie mit den Kindern zu einem Fest nicht auftreten kann, obwohl sie wochenlang Lieder einstudierten. »Ihre« Kinder - wie werden sie enttäuscht sein? Andere raten ihr, »konsequent durchzustreiken«.

Auf der großen Kundgebung vorm Kommunalen Arbeitgeberverband gab ein Elternvertreter zu bedenken, dass ausgerechnet die »kinderfreundlichen Auszubildenden« fürchten müssten, als Erzieher keine eigene Familie ernähren zu können. Er rief den etwa 700 Demonstrierenden zu: »Haltet durch. Es ist für eine gute Sache.«

Nachdem ich mich in die Streikliste eingetragen habe, frühstücke ich noch im Streiklokal. Es gibt Kaffee, kalte Getränke, Baguette und Käse. Die Sessel sind rot, es ist nett hier.

Hier sind alle in der Gewerkschaft, alle haben sich bewusst für den Streik entschieden, einige der Organisatoren wirken geradezu glücklich. Stefan Schorr und Thomas Müller vom ver.di Bezirk Saar Trier erzählen stolz, dass in diesen Tagen ganze Kita-Besetzungen geschlossen bei ver.di einträten.

Weil es sich um einen so grundsätzlichen Streik handelt, erklärt mir Thomas Müller, hätten neue Mitglieder vom ersten Tag an sowohl Streikrecht, als auch Anspruch auf Streikgeld. Er sagt: »Wir werden durchhalten. Das ist keine Drohung. Sondern ein Versprechen.«

Auf einem Plakat der ver.di Jugend steht: »Feel the power of solidarity«.

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