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Traum und Albtraum

Wie aus dem Deutschen Heinz Hadrossek der Russe Gennadi Gajew wurde.

Auf dem Namensschild an der Tür in Berlin-Steglitz steht Heinz Hadrossek. In der Wohnung duftet es nach frisch gebrühtem Kaffee und Kuchen. Auf dem löwenfüßigen Couchtisch stehen Sammeltassen, aus der gleichen Ära scheinen die Ölgemälde an den Wänden und die Schrankwand zu stammen. Heinz Hadrossek, fast 88, spricht von »Komfort«. Er sagt es auf Russisch, obwohl er schon vor 23 Jahren nach Berlin zurückkehrte. »Er versteht Deutsch problemlos«, sagt Olga, die Schwester seiner Schwiegertochter. »Jedes einzelne Wort. Aber er kann nicht sprechen. Die Angst hat sich im Krieg zu tief in ihm eingebrannt.« Die Angst, tief im sowjetischen Hinterland als Spion des Feindes enttarnt zu werden - obwohl er damals noch ein halbes Kind war.

Olga nennt den alten Mann Onkel Gena, die Kurzform von Gennadi. Als Gennadi Gajew füllt er 1992 bei der deutschen Botschaft in Moskau den Fragebogen für Spätaussiedler aus. »Gennadi Gajew«, sagt Heinz Hodrossek, »war mein bester Schulfreund in Kunzewo«, damals ein Vorort, heute Stadtteil von Moskau. Dort arbeiteten in den dreißiger Jahren rund 200 deutsche Spezialisten. Stalin holte sie für die Industrialisierung der jungen Sowjetunion ins Land. Die meisten waren Kommunisten, auch Luise und Wilhelm Hadrossek, die Eltern von Heinz. Die sowjetische Handelsvertretung in Berlin, wo beide seit 1922 arbeiteten, erledigte ihre »Vorgänge« im Schnellgang. Die Hadrosseks waren beim Mitteldeutschen Aufstand 1921 mit dabei und 1923 beim »deutschen Oktober«. Wilhelm hat bei dessen Vorbereitung mitgewirkt und Luise war unter dem Namen Rosi Stiller als Kurierin tätig. Gegen das Ehepaar wurde ermittelt, die Ausreise ist daher eigentlich eine Flucht. Doch für Wilhelm und Luise Hadrossek wird damit ein Traum wahr. Sie werden am Aufbau einer gerechten Gesellschaft mitwirken, die sie in Deutschland nicht erreicht haben. Sohn Heinz wird 1927 in der Wolgadeutschen Autonomen Sowjetrepublik geboren.

1936 wird aus dem Traum ein Albtraum. Fast alle deutschen Spezialisten in Kunzewo werden als »Volksfeinde« verhaftet, Wilhelm wird 1938 erschossen, Luise, Sekretärin bei Wilhelm Pieck, 1937 abgeholt. »Die Leute vom NKWD kamen mit zwei Autos vorgefahren. Mutter setzten sie in das eine, mich in das andere. Senta hat jämmerlich geheult und wollte mit.« Die Schäferhündin, die den kleinen Heinz beschützen wollte. Sie sei immer wiedergekommen, werden ehemalige Nachbarn ihm viele Jahre später erzählen.

Luise Hadrossek kommt in ein Lager in Nordkasachstan. »Vier Monate waren sie unterwegs«, sagt Heinz. »Zu Fuß und bei klirrender Kälte. Als sie einmal erschöpft ein paar Schritte zurückblieb, hat ein Hund sie in den Knöchel gebissen.« Das Auto mit Heinz fährt nach Kalinin (heute Twer) und hält vor einem Kinderheim. »Zuerst haben sie mich fotografiert, dann Fingerabdrücke gemacht und mir ein Pappschild mit Vor- und Nachnamen auf der Brust befestigt.« Für die Erzieher ist der Name Hadrossek ein Zungenbrecher. In Kalinin sollen die Kinder ausländischer »Volksfeinde« - neben jenen von Aufbauhelfern auch von Kominternmitarbeitern - umerzogen werden. »Wir hatten es besser als andere Heimkinder. Abends saß oft ein Erzieher an meinem Bett. Manchmal steckte er mir einen Bonbon zu. Er sagte, ich solle mir einen russischen Namen zulegen. Ich würde es dann leichter haben.«

Der Druck wächst, als Hitler im Juni 1941 die Sowjetunion überfällt. Ein Teil des Heims wird Lazarett, die Kinder pflegen Verwundete, bis sie im Spätherbst evakuiert werden. Es wird eine lange Reise mit vielen Etappen: Die Front rückt immer weiter nach Osten vor. Endstation ist schließlich das Gebiet Tscheljabinsk im Südural. Heinz, inzwischen 14, beginnt eine Lehre als Zimmermann, noch bevor er sie abschließen kann, wird er zum Barackenbau für die Arbeitsarmee eingesetzt. »Uns standen pro Tag 500 Gramm Brot zu und ein Teller Suppe. Die bestand fast nur aus heißem Wasser, in dem ein paar Makkaroni schwammen. Die Menschen starben wie die Fliegen. Die Leichen wurden in Schuppen in mehreren Schichten übereinander gestapelt. Begraben konnte man sie in dem steinhart gefrorenen Boden nicht.«

Flucht ist beschlossene Sache, seit ein Vorarbeiter Heinz in der Mittagspause zur Seite nahm: »Hier kann man nicht überleben. Lauf, solange die Beine dich noch tragen. Und leg dir eine andere Identität zu.« Der Vorarbeiter war ein Wolgadeutscher, das Gespräch mit ihm das letzte, das Heinz auf Deutsch führte.

Der Schneesturm heult, als er und fünf andere halbwüchsige Arbeitsarmisten auf einen Güterzug mit Kohle für Magnitogorsk aufspringen. Das Hüttenkombinat ist ihr Ziel: Stahlkocher bekommen mehr und besseres Essen. Die Reise geht quälend langsam voran. Das letzte Stück des Weges legen sie auf den Trittbrettern eines Personenzugs zurück. Heinz, der sich mit steif gefrorenen Fingern am Türgriff festkrallt, fühlt die letzten Kräfte schwinden. »Ich hab in meiner Angst laut geschrien, da ging wirklich eine Tür auf und eine Hand zog mich hinein.« Es war die Hand eines NKWD-Mannes. »Die suchten nicht nur nach Deserteuren, sondern auch nach solchen, die sich vor der Arbeitsarmee drücken. Ich habe ihm erzählt, ich sei ein Heimkind, das im Schneesturm von der Kolonne abgekommen ist. Weil ich so klein war, hat er mir geglaubt.« Geglaubt wird ihm die Legende auch auf dem Bahnhof von Magnitogorsk und bei der Arbeitsverwaltung. Für die Hochöfen ist er zwar zu schmächtig und zu jung. Doch er darf eine Lehre als Maschinenschlosser beginnen, bekommt einen Platz im Wohnheim und regelmäßig zu essen. Auf dem Ausweis und dem Zertifikat, das ihm sechs Monate später den erfolgreichen Abschluss der Ausbildung bescheinigt, steht der Name seines Schulfreundes aus Kunzewo: Gennadi Gajew. Endlich hat er sie - eine neue Identität, die ihn zum Sowjetbürger macht. Im Ausweis steht in Spalte fünf: »Nationalität - Russe«.

Doch die Angst, sich zu verraten, wird für Heinz-Gennadi zum ständigen Begleiter. Zur Psychose. Endlos lang kommt ihm die Feierstunde am 9. Mai 1945 im Sowchos von Lopatki im Gebiet Kurgan vor, wo er inzwischen als Mechanisator arbeitet. »Wir haben gesiegt, hat unser Vorsitzender gesagt.« Das »wir« schließt auch Heinz mit ein. Er starrt auf seine Füße und denkt: »Wenn die wüssten.« Nach der Mutter sucht er daher erst, als der XX. Parteitag der KPdSU 1956 Stalin vom Piedestal stößt. Anfang der sechziger Jahre kommt Nachricht vom Suchdienst des Roten Kreuzes. Luisa Kurtjewna Gadrossek, wie sie jetzt heißt, lebt in einem Dorf in Nordostkasachstan. »Du bist doch Heinz?«, fragt ein Einheimischer, als er sich dort nach der Mutter durchfragt. Alle im Dorf kennen das Kinderfoto von ihm, das Luise, die zuerst in einem Steinbruch, dann in einem NKWD-Haftkrankenhaus gearbeitet hat, all die Jahre am Leib versteckt hielt.

Erst 1963 kann die Mutter in die DDR ausreisen. Hat er sie je gefragt, wie man angesichts ihrer Tragödie bei klarem Verstand bleiben kann? Heinz Hadrossek starrt in die Blümchentasse mit längst dem kalt gewordenen Kaffee: »Sie hat in der DDR den Vaterländischen Verdienstorden bekommen und ein Grab in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde«, sagt er leise. Über die Zeit nach Verhaftung und Deportation habe sie nie gesprochen und schon gar nicht geklagt. »Sie war zu stolz dafür.«

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