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Der schmeichelnde Hermes-Götterbote

Meine Freundin Christine, nicht mehr ganz jung - aber sie wissen ja, die Alten werden bekanntlich immer jünger -, erzählte mir ein Erlebnis, um das ich sie beneidete. Ich plaudere jetzt mal ziemlich detailliert aus dem Nähkästchen. Sie hat es mir erlaubt, weil sie metaphorisch meinte, frühlingsgrünen Rasen betrete sie in ihrem Alter nicht mehr, auf ausgetretenen Sommerwegen gehe sie sicherer.

Was war geschehen? Für einen bevorstehenden Theaterbesuch hatte Christine bereits in den Vormittagsstunden alle Sachen, die sie anziehen wollte, griffbereit auf ihr Ehebett gelegt. Dazu gehörten ein schwarzer Rock und ein schickes Oberteil. Sie begann mit ihrer Generalprobe, wie sie die nun folgende Aktion nannte, nahm sich den Rock, schlüpfte mit den Füßen zuerst in den Rock. Gott sei Dank, der passte noch, obwohl ihre Hüften in den letzten Monaten sichtlich fülliger geworden waren. Das mit einer Blumenranke bedruckte schwarze Oberteil hatte sie auch angezogen. Sie stellte sich vor den großen Spiegel, betrachtete sich vom Kopf bis zu den Hauspantoffeln und wusste nicht, ob sie weinen oder lachen sollte, über das, was der Spiegel ihr zeigte. Nein, das war nicht das Erwartete! Ihr immer noch dichtes Haar kringelte sich wirr auf ihren Kopf. Auch das elegante Oberteil konnte nichts Positives ausrichten, weil sie zu Hause »oben ohne« ging. In den Pantoffeln waren ihre schmalen Füße zu breiten Entenfüßen mutiert.

Es gelang ihr einfach nicht, sich vorzustellen, welches Bild sie am Abend abgeben würde. Der erste Akt der Generalprobe war also völlig danebengegangen. Rock und Oberteil wurden wieder ausgezogen, und die gesamte Anprobe begann noch einmal von vorn, diesmal aber gründlichst.

Sie begann den zweiten Akt im Bad. Duschte, schminkte, kämmte, und parfümierte sich. Vergaß auch nicht ihren tollen BH anzulegen, zog Rock und Oberteil wieder an, stieg in die Pumps, Stöckelschuhe oder High Heels - ganz wie Sie wollen. Selbst ihren edlen Perlenschmuck hatte sie angelegt. Jetzt fühlte sie sich besser. Wieder stand sie vor dem großen Spiegel, drehte sich nach allen Seiten, war mit ihrem Äußeren zufrieden. Ja, so wird sie sich heute Abend in der Runde der Theaterbesucher sehen lassen können.

Plötzlich klingelte es an der Haustür. »Nanu, wer wird uns in den Vormittagsstunden besuchen wollen?«, fragte sie sich. »Ja, bitte«, flötete sie in die Sprechmuschel des Türöffners. »Hier ist der Hermes Paketdienst. Würden Sie ein Paket für Ihre Nachbarin annehmen?« Eine angenehme, männliche Stimme erreichte ihr Ohr. »Ja, natürlich.«

Sie stöckelte frisch gestylt zur Wohnungstür, öffnete, hörte den Paketboten mit schnellen Schritten, zwei Stufen auf einmal nehmend, zu ihr hinaufkommen. Auf dem Treppenpodest vor ihrer Wohnungstür blieb er stehen, schaute sie mit großen Augen an. Unter seinem linken Arm klemmte das Paket, in der rechten hielt er das elektronische Gerät, auf dem man für gewöhnlich den Empfang quittieren muss. Für wenige Zehntelsekunden sagte er gar nichts, schaute sie nur an, doch schon versprühte er Komplimente, wie: »Sie sind eine wunderschöne Frau, Sie haben eine tolle Ausstrahlung. Ich bin fasziniert.« Christine war sprachlos, was eigentlich selten bei ihr vorkam.

Upps, ist das ein charmanter Mann, sieht gut aus, ist ansehnlich gebaut. Das dachte sie aber nur. Sein Alter taxierte sie auf Mitte Ende fünfzig. Am liebsten hätte sie diesbezügliche Bemerkungen an ihn gerichtet, aber das gehört sich wohl nicht.

Es ist schon eine Ewigkeit her, seit sie solche Komplimente bekommen hat. Doch in diesem Moment fühlte sie sich nicht nur geschmeichelt, sondern so gut, wie lange nicht mehr. Jedenfalls bis zu dem Augenblick, als unbemerkt ihr Ehemann Martin angeschlichen kam, der die Situation im geflächdn Säggs’sch mit einer ganz lapidaren Ansage beendete: »Nu gäm se mir ma das Baged, schunger Mann. Guggen se nich so erschdaund, die is nich so schung wie se aussied. Die war bei de Gosmedig und mir feiern heide ihrn 70. Geburdsdach«, log er.

Christine schaute den Paketboten an, atmete hörbar ein, seufzte, zuckte mit den Schultern, was soviel bedeutete, wie: Ich kann’s nicht mehr ändern. Christine hätte dem Hermes -Götterboten viel lieber und auch noch länger gelauscht, denn bekanntlich ist man im Alter Schmeicheleien viel zugänglicher als in der Jugend. Daran hat sich Gott sei Dank nichts geändert.

Vera Richter, Gera

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