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Das «Sujet Auschwitz»

Eine Ausstellung in Krakau zeigt Werke nachgeborener Künstler aus Polen, Israel und Deutschland

  • Von Harald Loch und 
Johanna Reinicke
  • Lesedauer: 5 Min.
Der Tod hat nicht das letzte Wort. Für welchen Ort muss dieses Diktum mehr Geltung beanspruchen als für Auschwitz? Eine Ausstellung in Krakau zeigt jetzt Werke junger Künstler aus Polen, Israel und Deutschland.

Der Tod hat nicht das letzte Wort« hieß eine von Jürgen Kaumkötter zusammengestellte Ausstellung im Deutschen Bundestag, in der »Kunst in der Katastrophe 1933 - 1945« gezeigt wurde. Dort waren Bilder von Künstlern zu sehen, die selbst in den Lagern der Nazis gelitten hatten. Ihre Werke entstanden entweder während dieser Zeit oder kurz danach, aus dem Gedächtnis wieder ins Bewusstsein hervorgeholt. Die Generation dieser unmittelbar Betroffenen kann heute und in Zukunft nicht mehr zu den Menschen sprechen, ihnen keine Bilder mehr zum Nachdenken und Nachempfinden zeigen. Wie gehen die nachgeborenen Künstlergenerationen mit dem Völkermord an den europäischen Juden, mit dem »Sujet Auschwitz« um?

Dieses Thema steht im Mittelpunkt einer wiederum von Jürgen Kaumkötter und seiner polnischen Kollegin Delfina Jalowik kuratierten Ausstellung im Krakauer Museum für Gegenwartskunst MOCAK. Sie wurde soeben eröffnet und ist bis Ende Oktober zu sehen. Polnische, israelische und deutsche Künstler stellen ihre Werke zur Diskussion. Parallel dazu zeigt das deutsche Generalkonsulat in Krakau prägnante Ausschnitte der Bundestagsausstellung.

So lässt sich eine künstlerische Ahnenreihe über beide Ausstellungen verfolgen: Der 1919 geborene Peter Kien, ein Freund von Peter Weiss, hatte im KZ Theresienstadt eine Art Malschule eingerichtet. Er selbst hat das Lager nicht überlebt, aber sein Leben und früh abgebrochenes Werk ist von Jürgen Serke in dem Buch »Böhmische Dörfer« überliefert. Einer seiner Schüler in Theresienstadt war der 1929 geborene Yehuda Bacon, der später nach Auschwitz kam, das Lager überlebte und zur Gründergeneration des Staates Israel gehörte. Als Zeuge sagte er im ersten Frankfurter Auschwitzprozess und im Jerusalemer Eichmannprozess aus. Er wurde Künstler und schuf aus dem Gedächtnis zunächst eher dokumentarische Zeichnungen aus dem Lager. Im Laufe seines Schaffens entwickelte sich seine Bildersprache weiter zu narrativen, verfremdenden Darstellungen. In einigen blitzt künstlerischer Humor auf.

Bacon lebt heute in Israel und setzt sich für die Verständigung zwischen Israel und Deutschland ein. Einige seiner Bilder sind im deutschen Generalkonsulat und im MOCAK zu sehen. Eine von Bacons Schülerinnen ist die 1969 als Tochter von Überlebenden des Holocaust geborene Sigalit Landau, die das deutsche Publikum u.a. mit der viel beachteten Arbeit »Resident Alien« auf der Documenta X im Jahre 1998 kennenlernen konnte. Sie steht politisch weit links und ist die wohl bekannteste Künstlerin Israels. Im Jahre 2011 stand sie im Mittelpunkt im offiziellen Pavillon Israels auf der Biennale in Venedig. An der Linie von Peter Kien über Yehuda Bacon zu Sigalit Landau kann man die Entwicklung der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Topos »Auschwitz« gut verfolgen. Sigalit Landau ist mit vier »Schuhwerken« in Krakau vertreten, u.a. einem großen Kreis in Bronze gegossener Schuhe, über die Schnürsenkel miteinander verbunden. In einem anderen Werk hat sie Schuhe ins Tote Meer getaucht, so dass sie sich mit dicken Salzkristallschichten überziehen. Berge von Schuhen der Ermordeten sind in Auschwitz heute zu besichtigen.

Die Performance des 1954 in Belgien geborenen Künstlers Michel Kichka aus Israel in der Bibliothek des MOCAK ist ein Höhepunkt der Eröffnung. An einer Wand entsteht beim Dialog mit Besuchern eine Zeichnung aus seiner Hand: Neben den Schienen zum Tor von Auschwitz-Birkenau, einem Wachturm und dem Lagerzaun lacht über einer Schlucht, am Stacheldraht hängend, der Künstler selbst ... als Comic-Held!

Kichkas Auftritt ruft beim Publikum Empathie hervor. Seine Comic-Biografie »Zweite Generation« - 2012 in Form der traditionellen »bande dessinée« zuerst auf Französisch, später auch auf Hebräisch und auf Deutsch erschienen - verbindet die Verarbeitung der Shoa mit jener eines lange scheinbar unauflöslichen Familientraumas: Kichkas väterliche Familie wurde durch die Nazis vernichtet. Die Großmutter und zwei Tanten ermordeten sie im Lager. Während allein der Vater den Todesmarsch von Auschwitz Richtung Buchenwald überlebte und dort befreit wurde, verstarb der Großvater kurz nach dem Marsch in Holzschuhen an einer Fußinfektion.

Der Comic-Künstler Michel Kichka hat einen Weg gefunden, die Sprachlosigkeit aufzuheben, die Kindheit, Jugend und sein Erwachsenenleben überschattet hat. Nach über zehn Jahren innerer Vorbereitung hat er Bilder, Worte und auch Witz gefunden, um das Familientrauma auf den Tisch zu legen.

Der Tourismus nach Auschwitz inspirierte andere Künstler zu einer kritischen bildnerischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Die 1979 in der DDR geborene Fotografin Sarah Schönfeld, Tochter einer katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters, steuert mit dem Schwarz-Weiß-Foto einer vor dem Stacheldraht in Auschwitz posierenden Schauspielerin das ausdrucksstarke Plakatmotiv der Krakauer Ausstellung bei und erinnert daran, dass heute viele derartige Erinnerungsfotos von »Holocaust-Touristen« gemacht werden. Dasselbe Thema greift der 1966 geborene polnische Künstler Mikołaj Grynberg mit seiner anonymisierten Fotoserie »Auschwitz - What Am I Doing Here?« auf. Grynberg fragte dafür Auschwitzbesucher nach ihren Motiven, hierher zu kommen.

Diese Frage hat sich der »deutsche« Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch im Mai 2006 vielleicht auch gestellt. Das Video des 1958 geborenen polnischen Künstlers Miroslaw Balka zeigt den Audi des Papstes auf den Wegen des Lagers fahren. Das Leben des deutschen Papstes ist von zwei Dutzend Sicherheitsleuten an einem Ort geschützt, an dem wenige Jahrzehnte zuvor das Leben von Millionen Menschen schutzlos den deutschen Tätern ausgeliefert war.

Eine eher wuchtig moralisierende Auseinandersetzung mit Auschwitz ist das 1960 entstandene Triptychon des Dresdner Malers Otto Schubert (1892 - 1970) während die Aquatinta-Radierungen des 1983 in Ostberlin gestorbenen Leo Haas über Theresienstadt eine hochsensible Annäherung an das Thema sind. Der politische Künstler Ernst Volland, 1946 in Franken geboren, ist mit zwei »eingebrannten Bildern« vertreten, in denen historische Fotos, u.a. von Hitler, künstlerisch verändert sind und sich dem Betrachter als Frage aufdrängen. Überhaupt: Fragen sind die eigentliche Antwort dieser Ausstellung. Auf das »Sujet Auschwitz« gibt es vielleicht auch keine endgültigen Antworten. Deshalb ist es wichtig, dass jede Generation von Künstlern ihre eigene Auseinandersetzung mit dem Thema führt, dass in jeder Generation des Publikums diese Auseinandersetzung lebendig bleibt. Am Eröffnungstag der Ausstellung im Krakauer MOCAK kamen über 2000 Besucher - gefühltes Durchschnittsalter 25 Jahre!

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