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Themen muss man spüren

Der Dichter Ulrich Grasnick über 40 Jahre Arbeit im Lyrikseminar Köpenick

Auf der Schlossinsel Köpenick wurde 1975 das Köpenicker Lyrikseminar gegründet. Wie kam es dazu?

Der Leiter eines früheren Zirkels, Helmut Meyer, Autor von »Herz des Spartakus«, hatte aus Altersgründen die Leitung abgegeben. Einige Autoren erinnerten sich an mich als Lyriker. Mein 1973 erschienener Band »Der vieltürige Tag« war ihnen bekannt. Ich wurde gefragt, ob ich die Leitung übernehmen würde. Es war für mich eine Herausforderung, die ich gerne annahm.

Wie wurden in der DDR die Lyrik und Seminararbeit gefördert, welche Probleme gab es und was änderte sich nach der Wende?

Jeder Zirkel hatte einen künstlerischen Leiter, oft einen Schriftsteller oder eine Schriftstellerin, der für diese Arbeit ein Honorar erhielt. Für die Teilnehmer blieb es kostenlos. Wir lasen unsere eigenen Texte vor und dann diskutierten wir darüber. Als Reinhardt Jirgl, frühes Mitglied unseres Lyrikseminars, den Georg-Büchner-Preis verliehen bekam, charakterisierte er in einem Interview des rbb-Kulturradios unsere Arbeit folgendermaßen: »Es wurde in der Tat wirklich nur am Wort gearbeitet (…) Das war (…) eine gute, aber ziemlich harte Schule (…) Es wurde also Maß genommen, es wurde diskutiert und man blieb sachlich, aber sehr streng.« Er erwähnt dabei auch das von mir empfohlene Westbuch »Kitsch, Konvention und Kunst« von Karlheinz Deschner als Lektüre für die Zirkelteilnehmer. Ich meinte damals, an diesem Buch müsse man sich unbedingt ästhetisch orientieren. Seit der Wende leiteten meine Frau Charlotte Grasnick (bis 2009) und ich den Lyrikzirkel ehrenamtlich.

Eine enge Zusammenarbeit gibt es auch mit lateinamerikanischen Dichtern. Sie sind dafür mit der Goldmedaille des Peruanischen Schriftstellerverbandes »Haus des Peruanischen Dichters« (Lima) und der damit verbundenen Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet worden.

Richtig, diese enge Zusammenarbeit mit lateinamerikanischen Dichtern hat Tradition. Besonders unsere peruanischen Dichter José Pablo Quevedo und sein Dichterfreund Victor Bueno Roman pflegen Kontakte zu lateinamerikanischen Autoren. In unserer Anthologie »Seltenes spüren« sind beide wie auch die chilenische Lyrikerin Marcela Ximena Vasques Alarcón vertreten. José Pablo Quevedo übersetzte die Gedichte meiner Frau Charlotte ins Spanische für eine Veröffentlichung in Lima. Wir nahmen mit ihnen am internationalen Dichtertreffen in Paris teil. Dort waren wir mit unserer Anthologie »Am Leben gewinnen wir« vertreten und zugleich hatte ich Gelegenheit, meinen Gedichtzyklus für René Char vorzustellen. Es war das Jahr, in dem der französische Dichter und Résistancekämpfer René Char mit einer umfassenden Ausstellung in der französischen Nationalbibliothek geehrt wurde.

Das Köpenicker Lyrikseminar brachte mehrere Anthologien heraus, aktuell den Band »Seltenes spüren«. Wie kann man sich die Arbeit in so einem Lyrikseminar vorstellen?

Unser Lyrikseminar und die Lesebühne geben die Möglichkeit, sich mit allen Kunstformen des Schreibens vertraut zu machen. Schreiben ist immer ein Schaffen von Räumen für andere und sich selbst. Das wertvollste aber ist der gedankliche Austausch, die Möglichkeit, mit anderen über seine Arbeit zu sprechen. Wir halten Kontakte zu unseren Lyrikfreunden und bieten ihnen die Möglichkeit für Veröffentlichungen. Alle bisher erschienen Anthologien geben Zeugnis davon, dass sich die Autoren bis auf den heutigen Tag in unserem Kreis zu Hause fühlen. Die Anthologie »Seltenes spüren« ist zugleich ein unterhaltendes, schönes Beispiel dafür, dass immer wieder Autoren, darunter Günter Kunert, hinzukommen.

Auch in Graal-Müritz pflegen Sie engen Kontakt zu einem Lyrikkreis.

In den Sommermonaten treffen sich Einheimische und Touristen unter der Lyrikbuche im Rhododendronpark und lesen dort ihre Gedichte. Nach jeder Lesung wählt die Runde das Gedicht der Woche aus, das die Parkbesucher anderentags unter der Lyrikbuche einem kleinen gläsernen Briefkasten entnehmen können. Das ist ein besonderes Angebot des Hauses des Gastes der Kurverwaltung Graal-Müritz. Anfänglich habe ich dort als Juryvorsitzender für den laufenden Wettbewerb für die jährlich erscheinende Publikation mitgewirkt, heute freue ich mich, die Zeit zu finden, mich in die Runde der Autoren einzureihen.

Zuletzt erschien von Ihnen der Band »Im Klang einer Geige geborgen ein Traum«. Neben Natur- und Liebesgedichten spielen Kunst und Malerei eine große Rolle in Ihrer Lyrik. Welche Themen beinhalten Ihre neuen Gedichte?

Karl Schmidt-Rottluff und Marc Chagall autorisierten meine Gedichtbände »Pastorale« und »Liebespaar über der der Stadt«, mit Abbildungen von ihren Grafiken und Bildern, noch persönlich. Zurzeit bin ich dabei, meine Zyklen zu Leben und Werk von Käthe Kollwitz abzuschließen. Ich habe ein erstes Manuskript gerade der Leiterin des Käthe-Kollwitz-Museums, Frau Dr. Bernd, zur Einsichtnahme übergeben. Auch eine Ausstellung mit einzigartigen Keramiken des Urenkels von Käthe Kollwitz hat mich zu einem Gedichtzyklus »Variationen über die Fliehkraft« inspiriert. Meinen Gedichtband »So viel Leben im Stein« habe ich abgeschlossen. Welche neuen Themen mich bewegen? Da geht es mir nicht anders als unseren Zirkelteilnehmern - Themen kommen aus Konfrontationen, man muss sie spüren.

Autorenlesung des Köpenicker Lyrikseminars und der Lesebühne der Kulturen Adlershof am 21. Mai, 19.30 Uhr, im Bürgersaal des Kulturzentrums Alte Schule Adlershof, Dörpfeldstraße 54.

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