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Das Bargeld wird angezählt

Einige Ökonomen fordern die Abschaffung. Wem würde dies nützen?

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Einige Zentralbanken lassen über das Ende von Geldscheinen und Münzen diskutieren, denn dies könnte das Finanzsystem stabilisieren helfen. Doch es gibt auch gewichtige Gegner dieser Idee.

Es gibt Anzeichen, dass Zentralbanken drastische Einschränkungen beim Zahlungsverkehr planen. Zunächst hatten einige Vordenker die Idee einer Abschaffung des Bargeldes lanciert. Vor allem der frühere IWF-Chefvolkswirt Kenneth Rogoff und Willem Buiter, Ökonom bei der US-amerikanischen Großbank Citigroup, haben in viel beachteten Papieren dargelegt, wie man Bargeld aus dem Geldkreislauf herausnimmt. Am Montag trafen sich nun Währungsexperten auf einer von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) initiierten Konferenz in London, um darüber zu debattieren, wie so etwas umgesetzt werden könnte.

Als Hauptargument für die Abschaffung von Bargeld wird häufig die Eindämmung illegaler Geschäfte und der Schattenwirtschaft genannt. Der deutsche »Wirtschaftsweise« Peter Bofinger etwa spricht von einem »Anachronismus«, der nicht mehr zeitgemäß sei. Ohne Bargeld könnten die Märkte für Schwarzarbeit und Drogen ausgetrocknet werden.

In der teilweise skurrilen Diskussion wird sogar die durch verschmutzte Scheine und Münzen gefährdete Hygiene ins Feld geführt. Und die Kosten. Doch beide Argumente gelten als eher schwach. Eine aktuelle Studie der Wirtschaftsuniversität Wien zeigt vergleichsweise geringe Kosten des Bargeldumlaufes. Würde dieser mit Hilfe eines flächendeckenden digitalen Systems ersetzt, wären erhebliche Investitionen fällig.

In einem lückenlosen E-Bezahlsystem gäbe es auch Probleme mit dem Datenschutz. Bargeld ist dagegen anonym. Lars Feld, der ebenfalls dem Regierungsberatergremium der »Fünf Weisen« angehört, kritisiert denn auch seinen Kollegen Bofinger mit dem russischen Dichter Dostojewski: »Geld ist geprägte Freiheit.« In Deutschland wird noch 55 Prozent des Einzelhandelsumsatzes mit Münzen oder Scheinen bezahlt. Laut Bundesbank wurden 2014 fast 80 Prozent aller Transaktionen im Handel bar abgewickelt. Im Internet dürften allerdings elektronische Bezahlsysteme wie Paypal bereits die Oberhand gewonnen haben.

Tiefere Beweggründe sieht Robert Halver, Chefanalyst der Baader Bank, in dem Vorstoß einiger Notenbanken: »In Wahrheit soll sich niemand mehr gegen Negativzinsen wehren können.« Daniel Stelter, ehemaliger Partner der renommierten Beratungsgesellschaft Boston Consulting, schreibt: »Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass Regierungen und Notenbanken mit ihrem Latein am Ende sind: Hier ist er.«

Geld dient nämlich nicht allein als Zahlungsmittel, sondern auch als Recheneinheit und als - im Bankerjargon - »Wertaufbewahrungsmittel«. Es dürfte kein Zufall sein, dass ausgerechnet die Schweizer Notenbank nach London einlud. Die SNB hatte im Januar als erste Notenbank Negativzinsen eingeführt, um gegen den starken Franken vorzugehen. Dies soll Investoren abschrecken, Geld aus anderen Währungsräumen in die Schweiz zu transferieren, um es dort auf die hohe Kante zu legen. »Wir sind mit Negativzinsen von minus 0,75 Prozent schon relativ weit gegangen und für den Moment zufrieden mit deren Wirkung«, erklärte SNB-Vizepräsident Fritz Zurbrügg kürzlich gegenüber der »Berner Zeitung«.

Ganz so zufrieden dann wohl doch nicht. Wegen der Negativzinsen wird verstärkt Bargeld im Banktresor gelagert. Dadurch drohen die niedrigen Leitzinsen bei der Bekämpfung der Währungskrise zu verpuffen. Ähnliche Sorgen macht man sich in der Eurozone, in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten. Auch dort sind die Leitzinsen schon auf einem Tiefpunkt angekommen.

Der Finanzinfodienst »Gevestor« geht davon aus, dass es zunächst nur zu einer Begrenzung der Bargeld-Nutzung kommt und erst in einem zweiten Schritt zur Abschaffung. So schlägt auch Vordenker Rogoff zunächst vor, lediglich die Ausgabe großer Scheine zu stoppen. In einzelnen Staaten wurden bereits konkrete Maßnahmen ergriffen, die als Testläufe verstanden werden können. So dürfen in Italien seit 2011 nur noch Beträge bis zu 1000 Euro bar bezahlt werden. Frankreich verschärft ab Sommer seine Bestimmungen drastisch. In Griechenland wird ebenfalls eine Einschränkung diskutiert. Schweden (Leitzins: minus 0,1 Prozent) ist seit jeher Vorreiter des elektronischen Zahlungsverkehrs. In vielen Bereichen kann nur noch per Kundenkarte, Handy-App oder Kreditkarte bezahlt werden. Die Mehrzahl der Banken hat sich von ihrem Bargeschäft getrennt.

Das Bargeld-Aus wird auch nach dem Ende der historischen Niedrigzinsphase, das viele Ökonomen für 2016 erwarten, auf der Tagesordnung bleiben, denn dafür sprechen handfeste geschäftliche Gründe. Banken müssten sich dann kein Geld mehr gegen Zinsen von der Zentralbank leihen. Mit einem digitalen Geldsystem ließe sich dagegen viel verdienen - etwa durch Gebühren für Zahlungen, die beim Kauf mit Bargeld nicht anfallen. Und wer sein Geld auf dem Konto liegen lässt, um mit der Kreditkarte zu zahlen, vergrößert kostenlos die Einlagen seiner Bank.

Gegen die Abschaffung von Noten und Münzen ist hingegen die Bundesbank, die selbst »Restriktionen für die Bargeldhaltung« ablehnt. Der gewerkschaftsnahe Ökonom Bofinger fordert dagegen die Bundesregierung auf, beim G7-Gipfel Anfang Juni in Elmau für eine Abschaffung des Bargelds zu werben.

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