Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

In den Grundfesten erschüttert

Das Saale-Unstrut-Gebiet hat nach problematischen Antrag kaum noch Welterbetitel-Chancen

  • Von Hendrik Lasch, Naumburg
  • Lesedauer: 3 Min.
Ende Juni wird in Bonn über weitere Stätten des UNESCO-Welterbes entschieden. Das Naumburger Saaletal wird nach einem vernichtenden Gutachten nicht auf der Abstimmungsliste stehen.

Alte Burgen, liebliche Flusstäler, dazu Weinberge und pittoreske Städte - die Region an Saale und Unstrut um Naumburg und Freyburg verzaubert ihre Besucher. Die meisten jedenfalls. Ana Luengo blieb nüchtern. Die Landschaftsarchitektin aus Spanien besuchte das Gebiet im Süden Sachsen-Anhalts als Gutachterin im Auftrag von Icomos. Das internationale Gremium für Denkmalpflege berät die UN-Kulturorganisation UNESCO, wenn es um Anträge auf Anerkennung als Welterbe geht. Das Gebiet um Saale und Unstrut wollte bei der 39. Sitzung des Welterbekomitees, die am 28. Juni in Bonn beginnt, auf diese Liste gesetzt werden - doch die Chancen sind nach einem vernichtenden Gutachten von Icomos extrem gesunken.

Die Region sieht sich als »Modelllandschaft des europäischen Hochmittelalters«. Verwiesen wird auf mittelalterliche Herrensitze: Neuenburg, Rudelsburg, Goseck und Saaleck; dazu auf Handelsstraßen wie die Via Regia. Ins Feld geführt werden Spuren Jahrhunderte alter Agrarnutzung, dazu Weinberge, Klöster und Dörfer. In der Bewerbung wird auf die Dynamik des Wandels verwiesen, die wechselnde politische Machtverhältnisse bewirkten. Im Titel des Antrags ist von einer »Herrschaftslandschaft« die Rede, die - wie die UNESCO für die Vergabe des Titels fordert - einzigartig und von universellem Wert sei.

Von derlei hohen Ansprüchen lässt der Internationale Denkmalrat wenig übrig. Zwar bescheinigt er, dass es sich um eine Landschaft von »friedlich-ländlichem Charakter« handelt. Doch ansonsten wimmelt es in dem 15-seitigen, detaillierten Bericht von Kritik. Sichtbare Belege für die mittelalterliche Landschaft gebe es »nur in relativ wenigen Fällen«; die meisten seien seither überformt und verändert worden. Zeugnisse des 12. und 13. Jahrhunderts wiesen »nur« vier Burgen auf. Das Gebiet sei durchzogen von neueren Straßen, Felder hätten nicht mehr mittelalterliche Maße; die »sichtbare Landschaft wurde in späteren Jahrhunderten neu modelliert, verändert oder rekonstruiert«.

Auch das Argument der Einzigartigkeit lassen die Gutachter nicht gelten. Sie verweisen auf Südtirol oder Regionen um das französische Carcassone und das englische Canterbury, in denen wechselnde Mächte ebenfalls viele Burgen, Klöster und historischen Straßen hinterließen. Sie wiesen ebenfalls Merkmale der »Gebiete wechselnder Herrschaften« auf, eines gedanklichen Ansatzes, den man an Saale und Unstrut zum Dreh- und Angelpunkt des Antrags gemacht hatte.

Dieser angeblich einzigartige Ansatz wird von den Gutachtern beinahe genüsslich zerpflückt. Er sei bisher womöglich vor allem deshalb nicht verwendet worden, weil er »keine ausreichende Unterscheidung« erlaube und »weil man in Europa kein Gebiet identifizieren kann, das immun ist gegen Einflüsse widerstreitender Mächte«. Die Definition, heißt es, habe »nicht genug Stärke«, um das Gebiet als einzigartig zu beschreiben. Der zusätzliche Hinweis, dass das europäische Mittelalter auf der Welterbeliste bereits gut vertreten sei - nicht zuletzt durch deutsche Erbestätten - fällt da kaum noch ins Gewicht.

Klein beigeben will man in Sachsen-Anhalt trotzdem noch nicht. Man werde die offenen Fragen »mit Sicherheit schlüssig beantworten können«, sagt Landtagspräsident Detlef Gürth (CDU); es bestünden weiterhin »große Chancen« auf den Titel. Der Landrat Götz Ulrich (CDU) beziffert diese recht mutig auf 50 zu 50 und erklärt, man könne »sachliche Fehleinschätzungen« der Gutachter korrigieren. Auch der Kulturpolitiker Stefan Gebhardt (LINKE) ermuntert die Beteiligten, an der Bewerbung festzuhalten - und fügt an, schon diese sei eine »gute Eigenwerbung« für die Region gewesen. Dass diese Region mit ihrem »friedlich-ländlichen Charakter« einen Besuch verdient, bestreitet freilich auch der Denkmalrat nicht.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln