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Konfrontiert mit Stereotypen

Die Ausstellung »Distanz und Begehren« in der Galerie C/O Berlin stellt sich der kolonialen Fotografie

  • Von Felix Koltermann
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie geht man mit dem Erbe kolonialer Fotografie um? Wie zeigt man diese Bilder, ohne die Fotografierten erneut dem Voyeurismus des europäischen Betrachters auszusetzen? Einen tollen Ansatz, wie mit diesem Thema umgegangen werden kann, zeigt die Ausstellung »Distanz und Begehren: Begegnungen mit dem afrikanischen Archiv«, die derzeit in der Berliner Galerie C/O Berlin zu sehen ist. Sie wurde von Tamar Garb kuratiert und versammelt Arbeiten aus der privaten Sammlung Walther. Die Ausstellung fährt dabei zweigleisig: Zum einen werden historische Arbeiten kolonialer Fotografie kritisch kontextualisiert, zum anderen werden ihnen Werke zeitgenössischer afrikanischer Fotografen gegenübergestellt. So entsteht ein spannender Dialog.

Eines der Ziele von »Distanz und Begehren« ist aufzuzeigen, wie die Fotografie im Kontext der Kolonialherrschaft als Mittel für typologische und ethnografische Studien genutzt wurde. Menschen in Afrika wurden im Zuge des Kolonialismus zum Gegenstand »wissenschaftlicher Untersuchungen«. Bestimme visuelle Topoi wie der Krieger, die halbnackte Frau oder die Mutter mit Kind wurden gezielt genutzt, um die europäische Vorstellung eines primitiven, exotischen Afrika zu nähren. Darüber hinaus sollte die Theorie gestützt werden, dass die fotografisch festgehaltene äußere Erscheinung »ein verlässlicher Indikator für Identität sei«, wie es im Begleittext zur Ausstellung heißt.

Lehrreich ist die Ausstellung vor allem dort, wo sie historisches Material kontextualisiert und im wahrsten Sinne des Wortes eine »Begegnung mit dem afrikanischen Archiv« ermöglicht. Meisterhaft geschieht dies am Porträt zweier junger Frauen mit Kindern auf dem Rücken, das vermutlich in einem südafrikanischen Porträtstudio um die Jahrhundertwende entstanden ist. Das Bild fand unter anderem als kolorierte Postkarte mit dem Titel »Zulu Mothers« massenhaft Verbreitung. In der Ausstellung wird eine Postkarte gezeigt, die mit dem handschriftlichen Vermerk »Are these not horrid looking creatures?« (Sind dies nicht furchtbar aussehende Kreaturen?) versehen ist. Dies zeigt den rassistischen Kontext ihrer Verbreitung und ihres Gebrauchs. Bilder dieser Art wurden benutzt, um Stereotype zu bestätigen und schwarze Menschen abzuwerten.

Zeitgenössische Künstler aus Afrika, die das Medium Fotografie nutzen, werden bei ihrer Arbeit immer wieder mit den kolonialen Bildstereotypen konfrontiert und kommen von daher um eine Auseinandersetzung damit kaum herum. Die in der Ausstellung präsentierten zeitgenössischen Arbeiten zeigen, wie ethnografische Vorstellungen das Material für Überarbeitungen, satirische Perfomances oder elegische Re-enactments liefern können. Verstörend wirken beispielsweise die Bilder von Candice Breitz’ »Ghost Series«. Die Haut der von ihr porträtierten Menschen ist grob weiß übermalt und hinterlässt grimassenhafte Münder und knollenartige Nasen. Die Fotografin spielt damit auf die ethnischen Postkarten an und legt deren rassistische Codierung offen. Jodi Bieber hingegen bat Frauen, in einer von ihnen gewählten Umgebung selbstbewusst zu posieren und kehrt damit das Prinzip der unter Zwang hergestellten kolonialen Bildstereotype um.

Oft wird vor allem historische Fotografie aus Afrika ausschließlich mit Kolonialfotografie gleichgesetzt. Dass diese Sichtweise wichtige Ebenen ausblendet, zeigt »Distanz und Begehren« ebenfalls auf. So entstanden schon Ende des 19. Jahrhunderts in den großen afrikanischen Städten Porträtstudios. Hier fand eine Aneignung des Mediums Fotografie durch die lokale Bevölkerung statt. Dies zeigt eindrücklich die Arbeit »The Black Photo Album / Look at Me: 1890-1950« von Santu Mofokeng. Der südafrikanische Künstler sammelte moderne, an den westlichen Porträtstil angelehnte Selbstrepräsentationen aus Familienalben von Afrikanern der Arbeiter- und Mittelschicht. Damit zeigen sich tolle Parallelen zum Dokumentarfilm »Through a Lens Darkly« von Thomas Allen Harris, der im Jahr 2013 auf der Berlinale gezeigt wurde und der die Geschichte der schwarzen Fotografie in den USA erzählt.

So ist »Distanz und Begehren« ein weiterer wichtiger Baustein auf dem Weg zur Dekolonialisierung der Fotografie und zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Gebrauchsformen des Mediums und den damit verbundenen sozialen Praktiken. Die Gegenüberstellung von Werken zeitgenössischer afrikanischer Fotografen mit den Bilderstudien des Kolonialismus entlarvt dessen Rassismus. Lohnenswert ist der Besuch auch wegen der parallel stattfindenden Ausstellung »Genesis« des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, die an dieser Stelle bereits rezensiert wurde. »Distanz und Begehren« ermöglicht einen völlig neuen Zugang zu Salgados Schöpfungsgeschichte und zeigt erstaunliche Parallelen zwischen beiden Projekten auf.

Die Ausstellung »Distanz und Begehren« noch bis zum 14. 6. täglich 10 bis 20 Uhr in der Galerie C/O Berlin zu sehen.

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