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Träume zu verkaufen

Im Kino: »Parcours d’amour« von Bettina Blümner

Achtzig Minuten rund um den Tanztee. Was bitte soll man sich darunter vorstellen? Bettina Blümner, die 2007 mit einem Dokumentarfilm über das Berliner Prinzenbad debütiert hat, wollte es genauer wissen. Wenn sie Filme macht, dann geht sie auf Expedition in Milieus, von denen man garantiert bislang eine falsche Vorstellung hatte. Das kann man angewandte Soziologie mit den Mitteln des Films nennen.

Nun also Paris, wo das Nachtleben immer schon speziell war. Aber vielleicht ist das auch schon lange vorbei - und die Übriggebliebenen der legendären Kellerclubs der 50er Jahre treffen sich heute bereits am Nachmittag, wie der Name »Tanztee« schon sagt, aber sie gehen - je nach Kondition und Gesundheitszustand - oft erst spät in der Nacht wieder nach Hause. Ein Zuhause im konventionellen Sinne hat diese Klientel zwischen Ende siebzig und über neunzig oft nicht mehr. Man ist allein, aber will doch immer wieder das Gefühl von Begehrtwerden und Schönsein erleben, wie man es aus der Jugend kennt. Aber nun wird man alt. Ist der Wunsch nach einem erotischen Restglanz also bloß lächerlich, schlimmstenfalls peinlich?

Nein, das sicher nicht. Aber es ist eine harte, eine geradezu brutale Amüsierwelt der tanzwütigen Senioren auf der Suche nach etwas körperlicher Wärme. Denn auch die Gigolos von einst bieten hier als Tänzer ihre Dienste an und wer noch unter achtzig ist, gut tanzt und seine Dame unterhält, der verdient bestens. »Darf ich Ihnen meine Preise sagen?«, so beginnt hier das Verkaufsgespräch nach der ersten Anbahnung. Was nach spätem Abenteuer klingt, ist doch zugleich schnödes Geschäft. Der Grauhaarige mit dem herrischen Ton ist besonders beliebt bei den aufblondierten Damen. Eine Stunde Begleitung kostet wochentags vor 19 Uhr sechzig Euro, danach achtzig Euro, am Wochenende hundert Euro pro Stunde, Paketpreise sind günstiger. Die Damen wissen Bescheid - und nicht jeder von ihnen ist das Geld egal, das sieht man an den dicken Packen von Zehn- und Zwanzig-Euro-Scheinen, die über den Tisch geschoben und sofort akribisch nachgezählt werden. Es ist purer Altersrealismus. Wer zum Friseur geht und dann im Tanzkleid hierher kommt, der will nicht bloß herumsitzen, sondern unterhalten werden. Aber wer tanzt schon den ganzen Nachmittag und Abend mit einer Über-achtzigJährigen? Also kauft man sich einen Partner auf Zeit.

Das hat groteske und absurde Züge, aber im Ganzen ist es doch auch bewundernswert, wie sehr hier einige alte Frauen und Männer darauf beharren, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, die doch in den Augen der Gesellschaft für sie längst vorbei sind. Jenseits aller längst verlorenen Illusionen von Erotik und Glück arrangiert man unter der Überschrift »Tanztee« etwas, das mehr als bloß Lüge und billiges Amüsement zu sein scheint. Man ist alt, hat nur noch wenig Zeit zu leben - also ist man ein umso nüchterner Organisator jener Feste des Lebens, die auch immer Erinnerung an bessere Zeiten sind.

Die Lust am Leben scheint einer Art Gier gewichen, die beim Zuschauen ebenso anrührt wie befremdet. Und Bettina Blümner ist immer dicht dabei, beim Tanzen Wange an Wange, bei den verschiedenen Arten von Küssen. »Heiraten sie bloß nicht!« bekommt die Filmemacherin mit auf den Weg, das führe immer in die Katastrophe. Die meisten hier haben keine guten Geschichten zu erzählen, nicht über geschiedene oder längst gestorbene Ehepartner. Jetzt ist man endlich frei, wenn auch nicht wenig verzweifelt über das Alleinsein. »Wenn man über achtzig ist, hat man keine Zukunft mehr«, sagt ein Eintänzer, der als Kind aus Algerien nach Paris kam. Ein anderer war Straßenjunge und musste sich früh brutal durchschlagen - das tut er heute mit grauem Haar und eleganten Anzug immer noch, seine Preise sind nicht verhandelbar. Als eine der alten Damen das Glas hebt, um auf die Liebe zu trinken, unterbricht er sie: »Nein nicht auf die Liebe, sondern aufs Tanzen!« An die Liebe glaubt er nicht.

So pendelt der Film zwischen einem Tanzreport im »Le memphis« und Gesprächen mit den hier verkehrenden Männern und Frauen. Was suchen sie, wenn sie hierher kommen, so oft es ihnen ihre Ersparnisse erlauben? Wollen sie wieder heiraten? Auf keinen Fall!, so antworten sie unisono, die ernsten Dinge des Lebens liegen hinter ihnen. Jetzt zählt für sie nur noch etwas, das zu nichts mehr verpflichtet: »Ein alter Mann wird krank und dann muss ich ihn pflegen, das habe ich zwanzig Jahre gemacht, das genügt.« Man weiß, was man nicht will, man schämt sich des eigenen Egoismus nicht mehr. Das scheint immer noch die Welt zu sein, die Billy Wilder, der als junger Mann in Berlin als »Eintänzer« sein Geld verdiente, dann später in seinen Filmen so präzise porträtierte. Ein Kältestrom aus Einsamkeit und falschen Träumen. Gewiss, das ist grausam und doch für Momente, wenn der Schein auf besonders schöne Weise lügt, auch wieder tröstlich.

Jene bitterernste menschliche Komödie, die Bettina Blümner hier so schonungslos porträtiert, hält uns alle auf die eine oder andere Weise im Würgegriff. Doch die Regisseurin bringt die sich aufdrängende Melancholie immer wieder in spielerische Distanz. Darum mag man die Tanztee-Klientel hier weder verachten noch auslachen wegen ihrer seltsamen Unternehmungen, mittels derer sie sich selbst vergewissert, dass sie noch am Leben ist.

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