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Irgendwas mit Folter

Im Kino: »Kind 44« von Daniel Espinosa

Der Stalinismus war für alle da. Von den Provinzen bis nach Moskau, vom kleinen Beamtenrädchen bis zum hohen Tier im Politbüro umspannte und erwürgte jenes Terrorsystem Mensch und Geist. Innerhalb dieser allgegenwärtigen Durchdringung besondere Ressentiments Moskaus gegenüber der Ukraine auszumachen, fällt schwer. Unter vielen Historikern jedenfalls wird die Hungersnot in der Ukraine 1931/32 als Teil einer die gesamte Sowjetunion erfassenden Katastrophe gedeutet - hervorgerufen durch Zwangskollektivierungen und Dürren. Das macht diesen Horror nicht erträglicher, ändert aber die moralische Einordnung. Dieser Historikermeinung widersprechen nun die Produzenten des neuen Historienthrillers »Kind 44«. Schon im Vorspann des Films erklären sie zum Fakt, was mindestens umstritten ist: Stalin habe den Hunger gezielt als Waffe eingesetzt und so in den 30er Jahren Hunderttausende Ukrainer vorsätzlich ermordet.

Die Zensur von »Kind 44« durch das heutige Russland darf nicht verteidigt werden. Schon gar nicht kann man den Stalinismus rechtfertigen. Nun sind aber die bewiesenen Aspekte jener schrecklichen Terror-Ära abstoßend genug. Wenn also ein Film - in Zeiten der politischen Konfrontation mit Russland - mit historischen Ungenauigkeiten und fast schon rassistischen Stereotypen antirussische Stimmung macht und damit Gräben vertieft, so ist das fragwürdig.

Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) ist eine Stelle mit Behördenstatus, die Filme auf ihre besondere Bedeutung prüft und mit einem Prädikat versieht. Die FBW hat unter anderem folgendes Ausschlusskriterium: »Filme, die der Wahlpropaganda oder in herabwürdigender Weise der politischen Propaganda dienen«, erhalten kein Prädikat. Es gab lange keinen Mainstream-Hollywood-Film, auf den diese Beschreibung besser gepasst hätte als auf den nach Tom Rob Smiths Roman »Kind 44« entstandenen Thriller. Die FBW jedoch zog daraus ihre eigenen Konsequenzen - und gab dem Film die höchste Auszeichnung »Besonders Wertvoll«.

»Jeder Film ist an dem Anspruch zu messen, den er an sich selbst stellt«, so das FBW-Statut. Entscheidend ist also, ob der einzelne Film innerhalb seines Genres (in diesem Fall wohl Thriller) herausragt (wertvoll) oder besonders herausragt (besonders wertvoll). »Kind 44« ragt laut FBW also besonders aus den Thrillern dieses Jahres heraus. Das ist eine beachtliche Leistung für einen aus den tiefsten 80er Jahren wiedergekehrten Zombie, als der der Film erscheint. Er atmet mit Leidenschaft den Block-Geist jener Zeit, als das »Wir sind die Guten« noch extremer propagiert und auch gefühlt wurde. Nicht die Propaganda, aber immerhin jenes Gefühl ist scheinbar zum großen Teil gewichen - wenige Menschen haben ein Bedürfnis nach zusätzlicher Schwarz-Weiß-Malerei. Und wenn, dann werden fiktive Diktaturen wie in »Elysium« oder »Die Tribute von Panem« bevorzugt. Der Film floppt also grandios, die Weltpresse zerfetzt ihn geradezu - fast ausnahmslos. Damit ist die FBW eine der wenigen öffentlichen Stimmen, die den Film lobt. Aber sie hat ja 1988 auch schon »Rambo III« zu einem »wertvollen« Film erklärt.

Das Publikum wendet sich ab, weil der Film selbst im Vergleich mit Produktionen des Kalten Kriegs wie »Gorki-Park« oder »Jagd auf Roter Oktober« noch eine Schippe Feindschaft und Übertreibung drauflegt. »Kind 44« ist laut »Deadline Hollywood« der »cartoonhafte, abstoßende Rückschritt in die paranoide Sichtweise des Kalten Krieges«, der laut der russischen Zeitung »Kultur« die Russen aussehen lassen möchte »wie dreckige, unmoralische, feige Orks«. Letzteres schafft der Film, er vergisst darüber aber, einen Thriller zu erzählen. Auch auf der Unterhaltungsebene also versagt »Kind 44«. Die Kriminalstory versackt, die Spannung wird durch zu viele Aspekte und eine furchtbar umständliche Dramaturgie im Ansatz abgewürgt. Regisseur Daniel Espinosa scheitert nicht nur an der Suspense, sondern auch an den Actionszenen und insgesamt an einer flüssigen, packenden Erzählweise.

Das prachtvolle Ensemble, die aufregende (teils reale) Geschichte eines Serienkillers im Sozialismus, die teure Ausstattung - verschenkt zugunsten eines Schauermärchens: Entlang belebter Bahnstrecken werden in den 50er Jahren die Leichen von verstümmelten Frauen und kleinen Jungen gefunden. Geheimdienstoffizier Leo Demidov (Tom Hardy) soll den Fall schnell beenden - darf aber nicht ermitteln. Angeblich galten Serienkiller (laut dem Film gar Mörder ganz allgemein) in der Stalinära als rein westlich-dekadentes Phänomen, das im »sozialistischen Paradies« völlig unvorstellbar sei. Hier verwechselt das Drehbuch wahrscheinlich die offizielle Sowjetpropaganda (die nach Außen die Existenz von Morden geleugnet haben mag) mit inoffiziellem Vorgehen, das sich natürlich mit dem international weit verbreiteten menschlichen Phänomen »Mord« auseinanderzusetzen hatte.

Als gefeierter Kriegsheld, der fest an die kommunistischen Ideale und die Zukunft seines Landes glaubt, konnte sich Leo eine Karriere aufbauen und seiner Familie einen bescheidenen Wohlstand sichern. Doch als der offensichtliche Mord von Generalmajor Kuzmin (Vincent Cassel) zum Unfall erklärt wird, gerät Leos Welt ins Wanken. Als er gegen den Befehl seiner Vorgesetzten eigene Nachforschungen aufnimmt, sieht er sich schnell in die Provinz versetzt und schwebt plötzlich mit seiner Familie in tödlicher Gefahr. Der einzig verbleibende Ausweg ist, die Mordserie gegen alle Widerstände der Behörden und trotz des Misstrauens von Milizenführer Nesterow (Gary Oldman) aufzudecken.

Der dem realen Serienkiller Andrei Romanowitsch Tschikatilo (»der Ripper von Rostow«) nachempfundene Täter ist hier ein kaum eingeführter Seitencharakter, dessen Motive völlig unbefriedigend erörtert werden - irgendwas mit Hunger und Folter in der Kindheit. Gleichzeitig scheint permanent hinter, über, vor und unter der Handlung das eigentliche Anliegen der Produktion durch: die totale Horrorfikation der Sowjetunion und ihre Haftbarmachung für den »Holodomor« genannten »Hunger-Genozid«. Das alles wird im englischen Original auch noch mit einem satten, rollenden Russen-»R« vorgetragen.

Die Macher hätten sich vielleicht vorher den Film »Citizen X« mit Stephen Rea und Donald Sutherland ansehen sollen: Mit einem Bruchteil des Budgets zieht diese düstere TV-Produktion von 1995 über das Leben und schreckliche Wirken Tschikatilos erheblich mehr in den gruseligen Bann. Sie nähert sich jener »Bestie«, die zwischen 1970 und 1990 über 50 Frauen und Jungen ermordete, auf unspektakuläre, aber fesselnde Weise und vor allem ohne den höchst konstruiert wirkenden Holodomor-Überbau.

Es ist fast schon phänomenal: Selbst faszinierende Einzelkünstler wie Hardy, Oldman, Cassel oder Noomi Rapace als Leos Frau schaffen es nicht, in dieser Umgebung magische Momente zu erzeugen. Die Zeitung »Variety« fühlt darum mit dem bemüht aufspielenden Hardy, dessen nichtsahnender Charakter Leo von seiner Frau nicht geliebt wird: »Er ist der Rolle verfallen, wie Leo seiner Frau, und man kann nicht anders, als Mitleid zu empfinden - mit dem Schauspieler wie mit dem Filmcharakter. Denn beider Urteilsvermögen ist durch noble Absichten total blockiert.«

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