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Ohne Russland kein Frieden

Ulrich Heyden enthüllt, was der deutsche Mainstream über den Krieg in der Ukraine verschweigt

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Keine Schlagzeilen über den Ukraine-Konflikt scheinen gute Schlagzeilen zu sein. Doch wer das beharrliche Verschweigen der Black-Box-Analysen des Fluges MH 17, des am 17. Juli 2014 über der Ukraine abgestürzten Flugzeuges betrachtet, der weiß: Der Kampf um die Deutungshoheit im Ukraine-Krieg und der reale Kampf um die reale Ukraine ist noch nicht vorbei. Denn während die Ursachen des jüngsten Flugzeugabsturzes in den französischen Alpen nach zwei, drei Tagen öffentlich waren, bleibt der MH-17-Absturz weiter in jenem Dunkel, in dem Gefahren schmoren.

In seinem neuen Buch befasst sich Ulrich Heyden nicht mit dem Flug von MH 17. Aber fast jedes andere ukrainische Dunkel leuchtet sein Blick aus. Von den mysteriösen Schützen auf dem Maidan bis zum Massaker in Odessa: Heyden schaut hin. Er spricht, anders als die Mehrheit der «Experten» hierzulande, russisch und war selbst vor Ort, so auf dem Kiewer Maidan in der Hochzeit der Auseinandersetzungen. Er hat in Donezk, Schachtjorsk und Odessa recherchiert und will die in deutschen Medien und deutscher Politik weit verbreitete These von «Putins Krieg» in der Ukraine nicht stützen.

Weil Heyden keine vorgefasste Meinung hat, wird er bereits zu Beginn des Buches dem Kiewer Maidan gerecht, den er nach seinem Besuch im Januar des letzten Jahres als Basisbewegung gegen Korruption und Oligarchen-Wirtschaft schildert, und in der er durchaus linke Einsprengsel entdeckt. Doch während der versammelte deutsche Mainstream noch von einer puren Demokratiebewegung schreibt und sendet, spürt der sorgfältige Journalist dem Rechten Sektor nach. Der habe sich schon seit der Orangenen Revolution 2004 in paramilitärischen Trainingslagern getroffen, Fackelmärsche für den Nazi-Kollaborateur Bandera organisiert und die «nationale Revolution» vorbereitet. Während die GRÜNEN rund um den Maidan nur «Freiheitskämpfer» erkennen, deckt Heyden auf, dass es der Rechte Sektor war, der den von Frank-Walter Steinmeier inspirierten «Sechs-Punkte-Plan» in den Papierkorb warf, und der den Präsidenten, Wiktor Janukowitsch, mit Drohungen zur Flucht veranlasste. Einer dieser vom Westen apostrophierten «Freiheitskämpfer» wird von Heyden exemplarisch entlarvt: Jener habe seine solide Schießausbildung und seine Indoktrination dem «Kongress Ukrainischer Nationalisten» zu verdanken.

Einen besonderen Abschnitt widmet Heyden den «Scharfschützen», den bis heute anonymen Mördern vom Maidan, die von Klitschko und Jazenjuk sofort den Kräften um Janukowitsch zugeordnet worden sind. Eine unbewiesene These, die aber eil- und dienstfertig von den deutschen Medien weiterverbreitet wurde. Denn wenn es der «blutige Diktator» Janukowitsch war, dann rechtfertigte sich der Putsch in Kiew wie von selbst. Heyden protokoliert, dass aus den von Maidan-Aktivisten besetzten Gebäuden geschossen wurde«. Bis heute mag die Kiewer Regierung die Verbrechen nicht aufklären. Verschwundene Beweise lassen die Zweifel am Aufklärungswillen der Behörden wachsen.

Auch ein weiteres Massaker findet keine Aufklärung: der Anschlag gegen etwa 100 Menschen, die im Gewerkschaftshaus von Odessa auf grauenhafte Weise verbrannten. Den Massenmord nennt der deutsche Medienmainstream »Katastrophe«. Heyden hingegen nahm die schmerzhafte Aufgabe auf sich, vor Ort mit Überlebenden und mit Augenzeugen des blutigen Geschehens zu reden. Und er stellt die Fragen, die gestellt werden müssen: Warum kam die Feuerwehr erst 38 Minuten nach dem ersten Alarm, warum hat sich die Polizei völlig passiv verhalten? Fragen, die auch Außenminister Steinmeier hätte stellen könne. Er war, so Heyden, elf Tage nach dem Brand in Odessa. Und eigentlich habe er, immerhin, einen Kranz vor dem Gewerkschaftshaus niederlegen wollen. Aber der Gouverneur habe ihm geraten, das nicht zu tun: Er könne Unruhen auslösen.

Heydens ruhige, professionelle Schreibe ist eine wohltuende Abwechslung zu den Propagandatexten pro Kiew, denen die deutschen Leser und Zuschauer seit Monaten ausgesetzt sind. Neben seinen sozialen Analysen über die Auswirkungen der IWF-Interessen an der Ukraine - Preisexplosionen bei Wohnungsnebenkosten, brutale Kürzungen im medizinischen Sektor etc. - bestehen seine Untersuchungen, wie weit es um die von Kiew verordnete Kriegsbegeisterung in der Ukraine stehe. Er findet heraus, dass es an die 10 000 Deserteure gibt und trifft auf Soldatenfrauen, die gegen das Verheizen ihrer Männer protestieren. 600 Euro mindestens muss ein junger Ukrainer auf den Tisch legen für eine ärztliche Untauglichkeitsdiagnose, die ihn vom Kriegsdienst befreit.

Heyden ist überzeugt, dass es Frieden nur geben kann und wird, wenn man gemeinsam mit Russland nach Lösungen sucht und Kiew direkte Verhandlungen mit den Separatisten aufnimmt. Um das zu befördern, bedarf es auch und gerade auf deutscher Seite Sensibilität.

Wie viel Sensibilität die deutsche Seite aufbringt, war am 9. Mai im Berliner »Palais am Funkturm« zu besichtigen: Ausgerechnet am 70. Jahrestag des in Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion gefeierten Tag des Sieges tanzten beim »Ball des Heeres« Militärs und Spitzen der bundesdeutschen Gesellschaft. Was für ein Hohn für jene 27 Millionen Sowjetbürger, die im Kampf gegen die braune Pest aus Deutschland starben! Die Begründung der Heeresleitung: An diesem Tag sei der 60. Jahrestag des Beitrittes der Bundesrepublik Deutschland zur NATO zu feiern gewesen.

Ulrich Heyden: Ein Krieg der Oligarchen. Das Tauziehen um die Ukraine. PapyRossa, Köln. 173 S., br., 12,90 €.

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