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  • Reise
  • 13. nd-Lesergeschichten-Wettbewerb

Blutsbrüder

  • Von Dr. Jochen Zimmermann, Rostock (1. Platz)
  • Lesedauer: 5 Min.
Drei Mal beteiligte sich der 77-Jährige bislang am nd-Lesergeschichten-Wettbewerb, zwei Mal schaffte er es unter die besten Zehn, beide Male ging er als Sieger nach Hause. Schreiben ist für den früheren Wissenschaftler schon lange ein gern gepflegtes Hobby: »Ich mache das vor allem für meine Kinder und Enkel, damit sie sich später an die Familiengeschichte erinnern können.«
Drei Mal beteiligte sich der 77-Jährige bislang am nd-Lesergeschichten-Wettbewerb, zwei Mal schaffte er es unter die besten Zehn, beide Male ging er als Sieger nach Hause. Schreiben ist für den früheren Wissenschaftler schon lange ein gern gepflegtes Hobby: »Ich mache das vor allem für meine Kinder und Enkel, damit sie sich später an die Familiengeschichte erinnern können.«

1968. In meine Sprechstunde, ich war damals Referent für Studienfragen an der Universität in Rostock, kam ein Medizinstudent aus dem Sudan. Er hatte in Lübeck an einer Studentendemonstration teilgenommen und war dabei in das Visier der bundesdeutschen Verfassungsschützer geraten. Ein Schwarzer! Von wegen Meinungsfreiheit! Sofortige Relegation. Unerlaubte Einmischung in die Angelegenheiten einer freiheitlich demokratischen Rechtsordnung. So stand es in dem Papier, das er vorlegte. Wir kamen ins Gespräch. Ob er an unserer Universität sein Studium abschließen könne. Können schon, aber dürfen? Die Grundlage für das Ausländerstudium war stets eine politisch motivierte Entscheidung. Und die hieß Delegierung durch eine befreundete Partei oder politische Bewegung. Für harte Währung wurden erst in den späten Siebzigern alle Schleusentore weit geöffnet. Ich erklärte ihm, wie ein Delegierungsverfahren funktioniert und auf welchen Pfaden die besten Aussichten zu finden wären. Auf Wiedersehen!

Nach einem halben Jahr stand er wieder auf meiner Matte. Diesmal als Delegierter der Kommunistischen Partei Sudans. In einer Phase sich positiv entwickelnder Staatsbeziehungen zwischen Sudan und der DDR war er durch die Maschen geschlüpft. Er wollte sich bedanken. Dabei stand er auf, nahm einen handgearbeiteten Armdolch in beide Hände, verbeugte sich tief und hielt mir das Geschenk vor die Brust. Meinen Protest, dass ich keine Geschenke annehme, ließ er nicht gelten.

Geduldig erklärte er mir die in seiner Heimat gültige Landessitte: Ein solcher Dolch ist in Sudan nicht nur Zierde der Männlichkeit. Mit der Überreichung ist das Angebot auf immerwährende Freundschaft verbunden. Eine Ablehnung läuft auf ständige Fluchbeladenheit hinaus. Mein proletarischer Internationalismus wurde einer harten Prüfung unterworfen. Eine solche Entscheidung kannte ich bisher nicht. Andere Länder, andere Sitten! Nun wurde es konkret. Sicherheitshalber entschied ich mich für die mildere Fassung. Das war eine Art Blutsbrüderschaft.

Sie hielt und gilt heute immer noch. Eines Tages stand er an einem Freitagabend vor der Haustür. Er hatte zwei prall gefüllte Plastetüten in der Hand und lud mich und meine Familie zum Essen ein. Da er noch keine eigene Wohnung habe, wollte er in unserer Küche ein typisch sudanesisches Mahl bereiten. Wir könnten zuschauen und mitmachen. Diese ungewöhnliche Einladung trug er in bestem Plattdeutsch vor.

Das hatte er in Lübeck gelernt. Bei meiner Liebsten war das normalerweise dünne Eis schnell gebrochen. Als er unsere fünfjährige Tochter begrüßte, hat sie sich hinterher erst einmal die Hand angesehen. Einen Schwarzen hatte sie vorher noch nicht angefasst. Der war wirklich echt!

Unsere kleine Küche in der Neubauwohnung in Reutershagen wurde zum Gourmettempel. Exotisches Obst, orientalische Gewürze, unbekannte Gemüsesorten und zartes Lammfleisch verwandelten sich unter seinen geschickten Händen in lauter leckere Speisen. Es war ein schöner, langer Abend, dem noch viele andere folgten. Afrika wurde mir mit jedem Besuch vertrauter. Als Schwarzafrikaner aus einem arabischen Land war er für mich eine unerschöpfliche Quelle. Wenn ich weiter nur auf die Informationen aus Dienstberatungen oder Medien gesetzt hätte, wäre mir manche gute Problemlösung nicht eingefallen.

Aber damit nicht genug. Nach einem halben Jahr stellte er uns seine deutsche Eroberung vor. Eine Sächsin, unverkennbar. Aber eine hübsche Deern. Die hätte mir auch gefallen! Aber ich war ja in allerbesten Händen. Die Kleine aus Limbach-Oberfrohna studierte recht erfolgreich Schiffbautechnik. Gleich am ersten Abend kamen beide auf den Punkt. Sie war schwanger, und beide wollten das Kind haben. Allerdings, wenn sie eines Tages als seine Ehefrau mit nach Sudan geht, gibt es ein Problem. Sudan ist nicht gerade eine Schiffbaunation. Also: Fachrichtungs- und Fakultätswechsel zur Medizin. Eine ganz legale und alltägliche Entscheidung. Wenn jemand das Abitur mit Auszeichnung gemacht hat, dann waren alle Türen offen. Für sie hieß das: Alles wieder auf Anfang. Also Hochzeit! Und wie es sich für DDR-Verhältnisse gehörte, wird am Heimatort geheiratet.

Das Standesamt in Limbach-Oberfrohna lehnte sich auf. Ein Schwarzer und dann noch ein Moslem, der ja bekanntlich drei Frauen haben darf. Nein! Das ist für eine sozialistische Frauenpersönlichkeit unzumutbar. Trauung abgelehnt. Dann eben Rostock. Die Feier im kleinen Kreis fand in unserem privaten Domizil in Rostock statt. Unter Blutsbrüdern soll so etwas vorkommen.

Die Zeit verging. Nach dem Studium sollte es nach Sudan gehen. Da hatte sich die politische Situation jedoch total geändert. Die Kommunisten waren verboten und wurden verfolgt. Aber: Die DDR bestand auf Einhaltung der Vereinbarung. Was dann folgt, nennt man heute Abschiebung. Aber nicht nur in Sudan hatte sich etwas geändert. Auch in der Bundesrepublik, also drüben, sah man die Jugendsünden der 68er jetzt nicht mehr so kritisch. Also ab über Westberlin in den Schwarzwald. Und da leben sie noch heute.

Inzwischen dürfen wir sie dort sogar besuchen. Beide wurden Ärzte. Er HNO-Spezialist und sie Pathologin. Weil, wie sie im Spaß sagten, sich in beiden Fällen die Patienten entweder nicht mehr oder nicht allzu laut beschweren könnten.

Und den Dolch? Den halte ich in Ehren. Man weiß ja nie!

Dr. Jochen Zimmermann aus Rostock »Blutsbrüder« [anhören]

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