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Eine Rippe als Beweis

Genetische Analysen zeigen, dass die Beziehung zwischen Mensch und Hund viel älter ist als bislang angenommen

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Sei meines Hundes Freund, und du bist auch der meine«, sagt ein indianisches Sprichwort. Auch Arthur Schopenhauer, der Philosoph mit dem Pudel, war des Lobes voll für seinen treuen Begleiter: »Wer nie einen Hund gehabt hat, weiß nicht, was Lieben und Geliebtwerden heißt.« Zu keinem anderen Tier fühlt sich der Mensch emotional mehr hingezogen als zum Hund. Allein in Deutschland leben derzeit über fünf Millionen Haushunde, die von ihren Haltern oft abgöttisch geliebt und in einer Art verwöhnt werden, die bisweilen ans Absurde grenzt. Andere machen eher einen Bogen um die flinken Vierbeiner, die durchaus unvermittelt zubeißen können und überall »Tretminen« aus Kot hinterlassen. »Wer Hunde und kleine Kinder hasst, kann kein ganz schlechter Mensch sein«, meinte der US-Autor W. C. Fields. Doch der war Satiriker, und Satire darf bekanntlich alles.

Der Haushund (Canis lupus familiaris) gehört laut biologischer Systematik zu den Raubtieren (Carnivora). Er wird dort der Überfamilie der Hundeartigen (Canoidea) sowie der Gattung der Wolfs- und Schakalartigen (Canis) zugeordnet. Eine eigene Art bilden Haushunde indes nicht. Sie werden als Unterart des Wolfs (Canis lupus) geführt, der zugleich als Stammvater aller Hunderassen gilt.

Tatsächlich kann man Wolf und Hund fruchtbar kreuzen. Das wurde von Züchtern mehrfach bewiesen. Als Beispiel hierfür sei der »Lupo Italiano« genannt, der 1966 in den italienischen Bergen aus einer Kreuzung von Deutschem Schäferhund und örtlichen Wölfen hervorging. Als Hunderasse gilt er offiziell jedoch nicht. Ebenso wenig wie der »Puwo«, eine Mischpaarung aus Königspudel und Wolf, die der schwedisch-deutsche Verhaltensbiologe Erik Zimen zu Forschungszwecken gezüchtet hatte.

In der Natur indes, so glaubte man lange, seien die Verhaltensunterschiede zwischen Wolf und Hund zu groß, als dass es zu Mischpaarungen kommen könnte. Inzwischen weiß man, dass es möglich ist. 2004 verpaarten sich mehrere nach Deutschland eingewanderte Wolfsweibchen mit einem Haushund. Dabei wurden sechs Mischlinge gezeugt. Ähnliche Fälle sind aus Italien und der ehemaligen UdSSR überliefert. Welche biologischen Auswirkungen eine solche Vermischung hat, wurde bisher allerdings nicht untersucht.

Wie es in der Geschichte zur Annäherung von Mensch und Wolf und damit zur Herausbildung des Haushundes kam, ist in der Wissenschaft umstritten. Vieles spricht dafür, dass dieser Prozess nicht erst einsetzte, als die Menschen sesshaft lebten, sondern bereits zu der Zeit, als sie noch als Jäger und Sammler unterwegs waren. Offenkundig wurden sie dabei häufiger von Wölfen begleitet, die sich teilweise von dem ernährten, was die Menschen als Abfall zurückließen.

Doch was geschah dann? Eine Theorie besagt, dass unsere Vorfahren verwaiste Wolfsjunge zu sich genommen und aufgezogen hätten, um sie zu zähmen. Aus der Kreuzung der gezähmten Wölfe sei dann der Hund hervorgegangen. Das Ganze hat jedoch einen Haken: Wölfe lassen sich nicht domestizieren, auch wenn man sie sofort nach der Geburt in menschliche Pflege gibt. Sobald die Tiere geschlechtsreif geworden sind, kehren sie zu ihrer wilden Lebensweise zurück. Einer anderen Theorie zufolge ging die Initiative nicht von den Menschen aus. Der Wolf hat sich danach gleichsam selbst domestiziert. Dabei könnte laut Darwins Selektionskonzept etwa Folgendes passiert sein: Wölfe, die von Natur aus etwas zutraulicher waren als ihre Artgenossen, sicherten sich in der Nähe menschlicher Rastplätze zusätzliche Ressourcen, die ihnen einen Überlebensvorteil und damit mehr Nachkommen bescherten. Mit der Zeit verbreitete sich diese genetische Veranlagung. Am Ende entstanden zwei getrennte Populationen, von denen sich eine als »Kulturfolger« dem Menschen anschloss. Hierbei entwickelten sich die ersten wilden Hunde, und erst diese wurden von unseren Vorfahren domestiziert.

Die Beziehung von Mensch und Hund beruhte fortan auf Gegenseitigkeit. Hunde halfen den Menschen bei der Jagd, bewachten den Hof oder hüteten die Schafe. Dafür wurden sie mit Futter belohnt. Bisweilen dienten Hunde aber auch zu Opferzwecken oder als Fleischlieferanten, wie das in einigen asiatischen Ländern bis heute geschieht. Die meisten Kulturen jedoch haben Hundefleisch mit einem Nahrungstabu belegt. In Deutschland ist es seit 2010 sogar per Gesetz verboten, Fleisch von Hunden zu gewinnen oder zu vertreiben.

Nach der bisherigen Lehrmeinung entstand der Haushund in seiner modernen Form vor rund 16 000 Jahren. Laut einer neuen Studie ist diese Zahl jedoch zu niedrig bemessen. Die Beziehung zwischen Mensch und Hund sei mehr als doppelt so alt, schreiben schwedische Wissenschaftler um Pontus Skoglund von der Universität Stockholm im Fachjournal »Current Biology« (DOI: 10.1016/ j.cub.2015.04.019). Als Beleg präsentieren sie eine rund 35 000 Jahre alte Wolfsrippe von der russischen Halbinsel Taimyr. Als sie das Erbgut des Taimyr-Wolfs mit dem von modernen Grauwölfen und Haushunden verglichen, wurde deutlich, dass sich alle drei Genome stark ähneln. Vermutlich habe sich der Taimyr-Wolf vom gemeinsamen Vorläufer der Hunde und heutigen Wölfe abgespalten, meint Skoglund. Kurz nach dieser Trennung seien die Haushunde entstanden.

Aus ihren genetischen Untersuchungen zogen die Forscher überdies den Schluss, dass die Mutationsrate im Genom von Wölfen und Hunden geringer war als bisher angenommen. Hiervon ausgehend berechneten sie, dass die Trennung von Wolf und Hund bereits vor 27 000 bis 40 000 Jahren erfolgt sei. Dieses Ergebnis deckt sich mit früheren, bis zu 36 000 Jahre alten Funden hundeartiger Tiere sowie mit Hinweisen darauf, dass die ersten Menschen, die vor ca. 15 000 Jahren nach Amerika einwanderten, Hunde bei sich hatten.

Wurde der Hund von Menschen zunächst als Nutztier geschätzt, machte er sich später auch als Gefährte unentbehrlich, der seinen Besitzer beschützte und ihn in kalten Nächten wärmte. Heute werden Hunde in den meisten Familien um ihrer selbst willen gehalten. Für manche Menschen ist der Hund überhaupt das einzige Geschöpf, zu dem sie eine engere Beziehung haben und dem sie all ihre Zuneigung schenken.

»Gib dem Menschen einen Hund, und seine Seele wird gesund«, sagte Hildegard von Bingen. Ganz so einfach ist die Sache zwar nicht. Gleichwohl geht aus zahlreichen Studien hervor, dass sich Hunde mitunter vorzüglich als Therapeuten eignen. Sie helfen Menschen, in bestimmten Situationen Stress abzubauen, und befähigen sie, ein positives Selbstbild zu entwickeln. Denn von Hunden fühlen sich Menschen angenommen, wie sie sind. Hunde verurteilen und werten nicht, obgleich sie durchaus zu erstaunlichen kognitiven Leistungen fähig sind.

Im Experiment können sie Mechanismen wie Riegel oder Schalter bedienen. Sie bemerken Fehler in simplen Zahlenrechnungen, verstehen die Bedeutung von Symbolen und entwickeln sogar Strategien, um Artgenossen oder Menschen zu täuschen. Als besonders begabt hierfür haben sich Border Collie, Pudel und Deutscher Schäferhund erwiesen. Der kanadische Psychologe Stanley Coren, der eine Vielzahl von Hundestudien ausgewertet hat, ist überzeugt: Hunde verfügen über eine einfache Art von Selbstbewusstsein und stehen geistig auf der Stufe eines zweijährigen Kindes. Andere Wissenschaftler halten diesen Schluss für übertrieben und betonen, dass Hunde ihre besonderen Fähigkeiten nur in Bezug auf die Bedürfnisse des Menschen entfalteten. Außerdem fehle ihnen das Vermögen, verzweigte Denkstrukturen aufzubauen. Das alles ändert jedoch nichts daran, dass das geflügelte Wort vom »dummen Hund« eine Beleidigung für alle kläffenden Vierbeiner ist.

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