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Auf der Piazza dei Signori

Vor 750 Jahren wurde Dante Alighieri geboren

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Verona. Stadt am Adige, dem seichten Fluss, der einmal Etsch hieß. Trutzburg, Marterstätte und Elysium des Scaliger-Geschlechts. Auf der Piazza dei Signori sitzen, in der Herzkammer veronesischer Kultur, einen Cappuccino trinken, ein Glas Rotwein, schauen, lauschen, sinnieren. Über diesen Platz ist Dante Alighieri gegangen, verzögerten Schritts oder eilend, sonnenverträumt oder in Todesangst. Der Schöpfer der »Göttlichen Komödie«, des Weltepos, das die Seelen des späten Mittelalters durch alle Höllen und Himmel uns vor Augen führt und am Tor der Neuzeit rüttelte. Meditieren, wie der pittoreske Gesang entstanden ist: ein Traum seit langem.

»Es war in unsres Lebensweges Mitte,/ als ich mich fand in einem dunklen Walde...« - so hebt ein einzigartiges Werk des Epochenwandels an und der Bilanz eines dramatischen Lebens. Die »Divina Commedia«, von der sich Dichter, Maler, auch einige Komponisten über Jahrhunderte haben anregen lassen. Die in den Glauben eingegangen ist wie eine zweite Bibel.

Jetzt sitzt du hier, unter einem Sonnenschirm, kein Gast an den anderen Tischen, es ist zu heiß an diesem Nachmittag. Dort, hinter den roten Backsteinmauern der Scaliger-Residenz mit den typischen Schwalbenschwanz-Zinnen, hat der Vertriebene, der Exilierte, verurteilt in Florenz, »mit Feuer verbrannt (zu) werden«, die letzten Gesänge des »Purgatorio« geschrieben. Der Palazzo della Prefettura, Zuflucht, die ihm Schutz gewährte und zu intellektueller Gegenwehr ermunterte. Vermutlich wirkte er im Jahre 1312, als Cangrande della Scala, der kulturliebende Kampfhund des Kaisers, Dante aufnahm, weniger freundlich als heutzutage, da gutgelaunte Touristen das alte Mauerwerk und sich davor fotografieren. Der Himmel spiegelt sich in den Scheiben der Rundbogenfenster, von weißem Marmor umrahmt, ein schöner Kontrast. Kann es sein, dass Dante einmal an einem dieser Fenster gestanden und auf den Platz geschaut hat?

Auch das alte Rathaus rechter Hand war schon vorhanden. Daneben der Palazzo del Capitano: kein Palast, ein martialischer Turm, sieben oder acht Stockwerke hoch, nur zwei kleine Fenster auf jeder Ebene. In solchen Türmen wohnten die verfeindeten Familien des Florentiner Adels. Zugang - Gang? - in mindestens sechs Meter Höhe. Die Donati und Cerchi. Die ihre Knechte zu Boden schickten mit stoßbereiten Lanzen, um von Mördern unbehelligt in die Stadt zu gelangen. Zwischen solchen Türmen ist Dante Alighieri aufgewachsen. Er gehörte auch zum Adel, wenngleich niederer Provenienz.

Die übrigen Gebäude sind jüngeren Datums. Aber die gesamte Süd-Ost-Seite stand zu der Zeit, als die »Göttliche Komödie« geschrieben wurde. Auch hatte die Piazza dei Signori schon die heutige Dimension. Über diesem Boden, diesen Steinen, atmet Dante Alighieris Geist. Dem, der sich darauf einlässt.

Was sich sehr missverständlich anlässt. Eine »Göttliche Komödie«, die nicht »göttlich« ist. Der falschen Deutung unterliegt schon der Titel. Das Wort »divina« - göttlich oder gottbezogen - hat Boccaccio 1555 hinzugefügt. Dante nannte sein Opus schlicht »Commedia«. Eine Komödie? Auch in dieser Hinsicht zweifle ich. Weil die Wanderung des Dichters durch Höllenkreise und Fegefeuer (»Purgatorio«) im Himmel endet (»Paradiso«), also ein gutes Ende nimmt? Das kann man so sehen. Aber Dante betonte, wie Erich Auerbach dargelegt hat, nicht das e, sondern das i und titelte »comedía«. Mit diesem Akzent bezeichnet das Wort einen variablen Stil, der eine Geschichte mal drastisch, mal feinsinnig erzählt. Darauf hat Dante mehrmals hingewiesen. Es gibt in der »Comedía« verwegene Metaphern, philosophische Abschweifungen, Dialoge, Monologe, Flüche und Gebete.

Gewiss ist die »Commedia« (so die moderne Schreibweise) ein katholisches Passionswerk. Jedoch »auch eine Auseinandersetzung mit der blutigen und für ihn aussichtslosen Florentiner Geschichte«, wie Kurt Flasch im Nachwort seiner neuen Übersetzung schreibt. Ein Zwist zwischen Familienclans wegen eines gebrochenen Heiratsversprechens lädt sich mit der Zeit zu einer jeden Winkel erfassenden, brutalen Polarität auf: der zwischen Ghibellinen, der Partei des alten angestammten Adels, und den Guelfen, die das aufstrebende Bürgertum um sich scharen. Ohne diesen Konflikt, der zu mörderischer Gewalt führt, ist die »Commedia« nicht zu verstehen. »Das war der Anfang des Unglücks für das Volk«, klagt Dante aus dem Munde eines in den Höllenkreis der Zwietracht verdammten Ghibellinen.

Dante stand auf Seiten der Guelfen, die in der Stadtrepublik - der damals üblichen Regierungsform - Freiheitsrechte einforderten und weitgehend durchsetzten. Er hat als Kavallerist an zwei Kämpfen teilgenommen, in der Schlacht von Campaldino (da war er 24 Jahre alt) und an der Belagerung einer Feste bei Pisa. Im »Inferno«, 22. Gesang, reflektiert er das Gemetzel. Wie viele Personen im Ränkespiel um Macht und Einfluss - großenteils Dantes Zeitgenossen - schmoren in der Hölle, selbst Päpste! Die Namen erschließen sich uns nur aus detaillierten Kommentaren. Ja, ein blätteriges Lesen. Aber wer sich den Erläuterungen anvertraut, der spürt ganz schnell: Die »Commedia« ist pralles Leben. Man kann sie ebenso gut als Geschichtswerk lesen.

Was besagt Dantes Beichte, »vom wahren Weg« abgekommen zu sein? Kennen wir nicht fast alle dieses Scheitern »in des Lebens Mitte«? Die Eingangsverse erinnern an eine Midlife-Crisis; vielleicht sind sie deshalb so populär. Trivialer Gedanke. Wenig später bekommen die Worte eine andere Dimension. Panther, Löwe und ein Wolf hindern den Dichter, aus dem »dunklen Wald« herauszufinden. Wenn man weiß, dass die Kreaturen sinnbildlich für Wollust, Hochmut, Habgier standen und damit nicht die Laster des Autors, sondern die der streitsüchtigen Eliten gemeint waren, ahnt der Leser einen Zeitriss in Dantes Leben vor gesellschaftlichem Hintergrund. Im 15. Gesang des »Inferno« trifft der Wanderer durch Jenseitswelten auf Brunetto Latini, den Dichter, Politiker, Aristoteles-Übersetzer. Brunetto rät: Sieh zu, dass du dich von den Hochmütigen fernhältst. »Die eine Partei wie die andere wird nach dir hungern.«

Dante zwischen den Mahlsteinen der Politik, in die er sich um 1295 begeben hat. Die Guelfen waren gespalten in adlige »Schwarze« - von Papst Bonifaz VIII. unterstützt, der die Toskana dem Kirchenstaat einverleiben wollte - und »Weiße«, die eine demokratische Legitimation der Stadtrepublik unter kaiserlicher Obhut anstrebten. Für Monate ist Dante einer der höchsten Stadtvorsteher, der Prioren. Er tritt entschieden libertär auf, versucht aber noch, zwischen Stadt und Vatikan zu vermitteln. Vergeblich. Unterhändler des Papstes, angeblich gesandt, um Frieden zu stiften, öffnen die Stadttore. Die »Schwarzen« wüten grausam. Dante muss fliehen. Sein Haus wird zerstört. Später trennt sich Dante auch von »Weißen«, die sich untereinander streiten und zu sinnlosen Aktionen hinreißen lassen. Du wirst endlich »für dich deine eigene Partei geworden« sein, prophezeit ihm sein Urahn Cacciaguida. Dass dies so kommt, darauf ist der Dichter in Verona stolz.

Mit dem Auftritt der geliebten Beatrice im »Purgatorio« klingt das Motiv des Irrwegs wieder an. Sie, die einst Begehrte, habe ihm die rechte Richtung gewiesen, er aber habe sie verlassen. »Welche Gräben oder welche Ketten gab es, dass sich dir die Hoffnung voranzukommen so zerschlug? ... Kein Mädchen und keine andere Abwechslung hätten dir die Flügel niederdrücken dürfen.« Eine Liebesgeschichte, über die Generationen von Dante-Forschern sich den Kopf zerbrochen haben. Fest steht, dass es eine leibhaftige Beatrice gab, dass sie neun Jahre alt war, als ihr der etwa Gleichaltrige zum erste Mal begegnete, dass sie einen anderen geheiratet hat und früh gestorben ist. Dante idealisiert Beatrice. Die reine, Halt versprechende Liebe.

Dies die weltliche Lesart. Eine andere sieht in Beatrice die Verkörperung des wahren christlichen Glaubens. Der Gottsohn in Gestalt des Greifen, der einen heiligen Wagen zieht (die Kirche), spiegelt sich in den Augen von Beatrice, und Dante folgt diesem Bild. Seit der Romantik dominiert die theologische Deutung. Für Schelling war Dante ein »Hohepriester«, und bis in jüngste Vergangenheit blieb die Bekehrung des Kirchenkritikers Schulstoff.

Nicht weniger überzeugend und vielleicht der Kern des Ganzen: Beatrice als Lichtgestalt der Poesie. Sie erinnert Dante zu allererst an seine frühe Liebe und damit an den »neuen Stil« der Dichtkunst, den er in jungen Jahren gepflegt und dem er in der »Vita nova« Ausdruck verliehen hat. Davon sei er abgekommen. Wie, das erzählt die »Komödie«. Durch schlechten Umgang, Treuebruch, die Zwänge der Politik. »Selbsterkenntnis zerriss mir das Herz«, gesteht Dante.

So beginnt Dantes Läuterung. »Bessere Gewässer zu befahren, setzt von nun an das kleine Boot meiner Dichtkunst die Segel«, heißt es im ersten Gesang des »Purgatorio«. An der Piazza dei Signori, hinter den Mauern des Cangrande della Scala, bekennt sich Dante vorbehaltlos zur geliebten Poesie, »rein und fähig, aufzusteigen zu den Sternen«.

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