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Einer, der niemals kapitulierte

Offener Geist, kritischer Kopf, scharfsinniger Analytiker: Zum Tod des Historikers und Publizisten Arno Klönne

Die Zeiten, die der Historiker Arno Klönne durchmachen musste, waren nicht leicht. Er hat die letzten Jahre des Nazi-Regimes erleben müssen, folgte aber nicht der Hitlerjugend. Sein großartiges Beispiel wird seinen Tod überdauern.

Auch wenn einer den größten Teil seiner Lebenszeit in Ostwestfalen verbracht hat und daher zu den berühmt-berüchtigten westfälischen Dickköpfen gehören könnte, muss dem nicht so sein. Arno Klönne war dafür lebendiger Beweis - ein offener Geist, humorvoll, ein Leben lang kritischer Kopf, scharfsinniger Analytiker der bundesrepublikanischen und später auch der Weltverhältnisse. Geboren 1931 in Bochum ist er am Donnerstag, dem 4. Juni 84-jährig gestorben. Er war lebenslang ein Linker, das war sympathischer Ausdruck seiner Dickköpfigkeit, ein linker Marathonläufer, der niemals aufgegeben hat und entschlossen auf Linie blieb.

Dabei waren die Zeiten, die er durchmachen musste, nicht leicht. Er hat noch die letzten Jahre des Nazi-Regimes erleben müssen, war aber zu katholisch, als dass er als Jugendlicher den Schalmeientönen der Hitlerjugend gefolgt wäre. Er hat dann zu Beginn der 1950er Jahre bei Wolfgang Abendroth seine Doktorarbeit über die Hitlerjugend geschrieben. Das war zugleich die Aufarbeitung seiner persönlichen Erfahrungen, der Erwerb einer akademischen Qualifikation und eine Vorarbeit zu der Anfang der 1980er Jahre vorgelegten großartigen Studie über »Jugend im Dritten Reich«. Ein Standardwerk.

Bei Arno Klönne kann man wissenschaftliche Arbeit und politische Tätigkeit - anders als es Max Weber verlangen würde - nicht gut trennen. Sein anderes wissenschaftliches Standardwerk, »Sozialkunde der Bundesrepublik Deutschland«, das er gemeinsam mit Dieter Claessens und Armin Tschoepe 1965 geschrieben hatte und das als Fischer-Taschenbuch 1976 eine Fortsetzung erfuhr, an der Dieter Otten und Herrmann Giesecke beteiligt waren, hat der universitären Linken am Ende der Adenauer-Ära und zu Beginn der Studentenbewegung und der APO, der Außerparlamentarischen Opposition, das Zurechtfinden in bewegten Zeit erleichtert.

Arno Klönne war in diesen Jahren des Umbruchs immer in der SPD. Er war ihr aber keineswegs treu, sympathisierte mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), der sich gegen das Godesberger Programm von 1961 und die atomare Aufrüstung stark machte und dafür mit dem »Unvereinbarkeitsbeschluss« bestraft wurde: Entweder SPD oder SDS, beides ging nicht. Im Zusammenhang mit dieser Drohung verließ Arno Klönne die gute alte SPD, wurde aber wieder in seinen ostwestfälischen Bezirksverband zurückgeholt. Viele Genossinnen und Genossen waren dickköpfig genug, um die Erpressung der Parteiführung nicht mitzumachen.

Arno Klönne war in der SPD zurück und gleichzeitig im Sozialistischen Büro aktiv. Dessen Mitglieder bezeichnete der in den 70er Jahren schwergewichtige Vorsitzende Kluncker auf einem Kongress der Gewerkschaft ÖTV (heute in ver.di aufgegangen) als »die Arschlöcher vom SB«. Arno Klönne gehörte dazu, war prominentes Mitglied, denn er saß im Arbeitsausschuss, eine Art Vorstand des SB. Dort wurde an der Organisation der mehrheitlich von Spontis beeinflussten Vereinigung gearbeitet. Das hat nicht geklappt, nicht zuletzt weil, die andere Fraktion im SB, die »Traditionalisten«, gespalten waren. Da spielten die »bleiernen« Jahre in Deutschland und die frostigen Breschnew- und Honecker-Jahre in der Sowjetunion und in der DDR hinein. An der Ausbürgerung des Leidermachers Wolf Biermann und der Inhaftierung des Philosophen Rudolf Bahro schieden sich die Geister der schwachen westdeutschen Linken.

Bis zum »Ende der Geschichte«, das ja 1989 eingetreten sein sollte. Doch danach ging es bekanntlich erst richtig los, mit Globalisierung und neoliberalem Turbokapitalismus, mit Weltordnungskriegen von Irak bis Jugoslawien und crisis of democracy. Arno Klönne, der sich bis dato vor allem im Horizont der westlichen BRD und der ihr gewidmeten Sozialkunde bewegt hatte, musste nun die weite Welt entdecken - und natürlich politisch analysieren. Das hat er seitdem gründlich getan, oft als nd-Autor, vor allem aber in kleinen Artikeln in der neu gegründeten Zeitschrift mit dem programmatischen Namen »Ossietzky«. Wer Arno Könne nicht gekannt hat, kann den »Paderborner Jung« dort kennenlernen. Zwar nicht mehr in leiblicher Gestalt, aber doch virtuell: www.ossietzky.net. Sein letzter Artikel für »Ossietzky« (bei Telepolis findet man noch zwei Artikel, die etwas später datieren) beschäftigte sich mit dem 8. Mai 1945, 70 Jahre danach. Er ist überschrieben: »Kapitulation?«.

Arno Klönne hat niemals kapituliert, auch nicht vor der Aufgabe, die deutsche Kapitulation richtig zu interpretieren und die richtigen Lehren für unsere Gegenwart daraus zu ziehen. Diese kann er nun nicht mehr weiterentwickeln. Er hat den Nachfolgenden ein großartiges Beispiel geboten und eine große Aufgabe hinterlassen.

Elmar Altvater lehrte Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin.

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