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Im Licht der Silberbüchse

Zum Tode des Schauspielers Pierre Brice

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

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Was erzählt uns Pierre Brice? Dass man mit jener Arbeit zu Erfolg kommen kann, die man zunächst mit allen Gemütsstacheln abwehrt. Dass ein Stereotyp sich erledigt – und doch unsterblich bleibt. Winnetou forever!

Wenn ich an Pierre Brice denke, denke ich an ein wunderbares Übergangsgleiten, an einen Wechsel, der sich problemlos vollzog. Es ist der Übergang gewesen von Karl May zu, sagen wir Kleist oder Dostojewski. Aus diesem jugendlichen Erleben ohne Bruch wurde das lebensbeständige Empfinden einer ungeteilten »sternbildhaft schönen Bücherschicksalswelt« (Martin Walser), in der es für mich unannehmbar wurde, sie in Triviales und Seriöses zu zerlegen und zu zerreißen.

Ja, heilige Stunden mit Winnetou und Old Shatterhand - wie dann mit dem Prinzen von Homburg oder Raskolnikow. Mit Cooper, Gerstäcker, dann mit Brecht oder Schiller. Kein Unterschied - man wurde sich als Leser deutlicher, da wie dort. Als Leser und auch als Kinopilger. Kinopilger wird man nicht, weil eine Leinwandfigur einen Beruf hat, sondern eine Berufung. Die darf nicht aus einem Bewusstseinsbereich kommen, in dem es Wahlmöglichkeiten gibt. Der wahre Held ist geschlagen mit Festgelegtheit. Deshalb leiden wir mit ihm: Er kann nicht anders, und das wird ihn viel kosten. Am Ende das Leben. Immer haben wir es kommen sehen und konnten nichts tun. Ich kann Ric Battaglia nicht verzeihen, dass er als Rollins Winnetou erschoss (und Mario Adorf übrigens nicht, dass er als Santer die Schwester des Apachenhäuptlings tötete).

Winnetou, das waren die braungrünen Bände des Karl-May-Verlages Bamberg, von Verwandten aus dem Westen mitgebracht, und das war: Westfernsehen. Pierre Brice, Lex Barker, die Faktotum-Garde um Ralf Wolter und Eddi Arent. Man sah Brice, den Bretonen mit dem »Bronzehauch« (Karl May) auf dem Gesicht - der Indianer sah aus wie ein Römer und kam aus Paris; man sagte Rothaut und wurde doch kein Rassist und sah sich noch nicht von diesbezüglichen Wortschatz-Observierern umstellt; man sah diesen langen Blick über die Prärie, das Gewehr lag in festen, sicheren Händen - die Welt gleichsam hell und scharf im Silberbüchsenlicht; man erlebte das abenteuerliche Geschehen und in sich selber etwas Bewegendes: nämlich ein Anrecht auf Rettung und Gerechtigkeit, von dem man wusste, dass es in fortwährender Gefahr ist. Im Buch, im Leben. Im Buch das Edle so groß, so stark, wie du dir das Leben wünschst - und dort begreifst, wie sehr die Wünsche eine unantastbare Macht bleiben müssen, im Leben, für das Leben oder auch gegen das Leben.

So steht du lesend selber auf dem Spiel, und stehst auch mal verloren zwischen Leuten, die beim Namen Karl May nur lächeln. Nie werden sie sich auf dieser Erde einigen: jene mit dem Segen der unwillkürlichen (Kunst-)Erfahrung mit denen, die von ihrer Meinungsrationalität, ihrer Not zu Gebildetheit und Bedeutung geplagt bleiben.

Was erzählt diese Schauspielerexistenz des Pierre Brice? Dass man just mit jener Arbeit zu Erfolg kommen kann, die man zunächst mit allen Gemütsstacheln abwehrt. Dass Gestaltungsvielfalt nicht die einzige Option des Künstlerischen ist. Dass ein Stereotyp sich mit der Zeit erledigt - und doch unsterblich bleibt, weil sich unsere Lust auf Verehrung, unser Drang nach Vergötterung, unsere Versunkenheit in Idol und Ideal, unsere Sucht nach Kraft und Klischee nicht domestizieren lassen. Und: dass man zwar alt wird, aber als Leser und Zuschauer im Grunde jener bleibt, der man beim Erleben der ersten prägenden Heldengeschichten war. Es ist wie mit der ersten Musik, der man verfiel.

Nun ist Pierre Brice - 1929 geboren, in der Résistance ein Botenjunge, Winnetou noch spät, auf der Freilichtbühne von Bad Segeberg, kurzum: Winnetou forever - im Alter von 86 Jahren bei Paris gestorben.

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