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Die Tugend des Müßiggangs

Wie Künstler die Ruhe sehen - Ausstellung in Hannover

  • Von Hagen Jung, Hannover
  • Lesedauer: 3 Min.
Nicht aller Laster Anfang, wie es das Sprichwort behauptet, sondern eine Tugend, etwas Erstrebenswertes ist der Müßiggang. Das vermittelt zurzeit die Ausstellung »Auszeit«im Sprengelmuseum Hannover.

Im Liegestuhl dösen, von der Liebsten umarmt im Wiesengrün träumen, dem aufgeschlagenen Federbett entgegen gehen oder in der Stammkneipe sitzen und nichts tun, außer das Glas zu heben: Unter diesen und viele anderen Gestaltungsmöglichkeiten des Ruhens, des Ausspannens können die Betrachter von über 120 Kunstwerken wählen, die das Sprengelmuseum in Hannover noch bis Ende August zeigt.

»Auszeit - vom Faulenzen und Nichtstun« ist die Präsentation überschrieben. Sie vermittelt, in welch vielfältiger Sichtweise sich zeitgenössische Künstler wie Pablo Picasso, Ernst Barlach oder Emil Nolde aber auch Fotografen einem Thema widmen, das jeden Menschen berührt, ihm nahe ist im Bedürfnis nach Ruhe. Beim Zusammenstellen der Ausstellung hat das Museum nach eigenem Bekunden darauf geachtet, jene vier »Freizeitverwendungen« zu berücksichtigen, die der Soziologe Rolf Meyersohn Anfang der 1970er-Jahre auflistete: Ruhe und Wiederherstellung der Kräfte, Unterhaltung, Selbstverwirklichung sowie Erbauung. Welcher dieser Kategorien die Werke auch zuzuordnen sind, gemeinsam ist den meisten von ihnen das Lob des Nichtstuns, die Botschaft: Wer sich des Müßiggangs hingibt, braucht sich keines Lasters zu schämen, darf vielmehr mit sich zufrieden sein.

Diese Zufriedenheit, welche die Ruhe beschert, begegnet den »Auszeit«-Besuchern oft in Schlafenden. Mal im traumverlorenen Lächeln, wie es Franz Marc einer Hirtin aufs Antlitz gezaubert hat, mal im Wissen um Geborgensein, das Käthe Kollwitz dem Gesicht eines schlummernden Kindes verlieh. Und trotz aller Mühe, die es hinter sich gebracht hat, strahlt auch das vor Erschöpfung eingeschlafene, aneinander kauernde Bauernpaar, eine Skulptur Ernst Barlachs, Zufriedenheit aus: »Wir haben’s geschafft«.

Neben dem Wie ist dem Wo des Ruhens reichlich Raum gewidmet. Fotografien führen in die Schlafzimmerkultur der 1970er Jahre ebenso wie in die Berliner Bierpinte, zu einem Ferienlager der sozialistischen Jugendorganisation »Rote Falken« oder, via Plakat, in ein Urlaubsdomizil der »Reichen und Schönen«, nach Nizza. Zeichnungen ergänzen die Reihe der Lokalitäten, beispielsweise Max Beckmanns Strand.

Nicht jede Ruhe ist gewollter Müßiggang. Erzwungene Auszeit, Arbeitslosigkeit, spiegelt sich wider in Bildern des Arbeiterfotografs Walter Ballhause. Mit seiner Kamera hat er Hoffnungslosigkeit eingefangen, etwa in einem alten Mann, der Anfang der 1930er-Jahre irgendwo draußen auf einer Treppe liegt, den niemand mehr beschäftigen wird.

Die letzte Ruhe, den Tod, berührt die Präsentation nur mit wenigen Schlaglichtern. Zu ihnen zählen »Die Schlafenden von Fort Vaux«, eine Radierung von Otto Dix. Es sind tote Soldaten im Schützengraben, umgekommen im Giftgas des Ersten Weltkriegs.

Zu allerletzt sollte jener Ausstellungsraum besucht werden, in dem eine wandgroße Videoinstallation weit hinaus ins bewegte Meer entführt, denn: Dort besteht Einschlafgefahr! Dezente klassische Musik erklingt zum Blick auf die See, und davor warten große, weiche Liegekissen auf alle, die selbst vor Ort spüren möchten, wie schön und gut er doch ist, der Müßiggang.

Die Ausstellung ist bis zum 30. August in Hannover zu sehen. Das Sprengel-Museum am Kurt-Schwitters-Platz ist dienstags von 10 bis 20 Uhr und mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Freitags ist freier Eintritt.

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