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Angst vor der Nachtschicht

Im Tarifstreit an der Charité stehen alle Signale auf Streik / Ver.di verhandelt Notdienstplan

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Die Anzahl der geschlossenen Stationen beim angekündigten Charité-Streik wird im zweistelligen Bereich liegen. Eine vorherige Einigung ist nicht in Sicht, selbst über den Notdienstplan wird gestritten.

96 Prozent. Das war ein eindeutiges Signal. Die Pflegekräfte der Charité werden aller Voraussicht nach am 22. Juni in den unbefristeten Streik treten, das hatte eine Urabstimmung der an der Klinik organisierten ver.di-Mitglieder am vorletzten Freitag ergeben. Und es sieht nicht danach aus, als würden sich Klinikleitung und Gewerkschaft vorher noch einig. Zuletzt hatten die beiden Parteien am Donnerstag miteinander über eine Notdienstvereinbarung verhandelt, die mit dem Streikbeginn gelten soll.

»Der Arbeitgeber wollte an der Vereinbarung noch Veränderungen vornehmen. Das haben wir abgelehnt«, sagt Meike Jäger, die für ver.di die Verhandlungen führt. So sollten laut Jäger die Intensivstationen weiter arbeiten und auch ein Großteil der Operationen nach Wunsch der Klinik trotz des Streiks stattfinden. Am kommenden Montag will ver.di der Charité eine Liste der Stationen vorlegen, die sich an dem Streik beteiligen werden und damit komplett oder teilweise schließen werden. Wie viele Stationen das genau betrifft, wollte Jäger nicht sagen, aber die Zahl läge im zweistelligen Bereich. Wie bei vorangegangenen Streiks wird auch dieses Mal die Notversorgung gewährleistet sein, kündigte die Verhandlungsführerin an. Entbindungen werden stattfinden und Rettungsstellen besetzt sein.

Krankenpflegerin Grit Wolf wird, sollte sich bis zum übernächsten Montag keine Einigung ergeben, ab sechs Uhr früh vor dem Virchowklinikum in Wedding stehen und streiken. »Wir sind am Ende unserer Kräfte. Für das, was wir leisten müssen, sind wir einfach zu wenige«, sagt sie. Wolf arbeitet auf der neurologischen Station der Klinik, integriert ist dort auch eine Station für Schlaganfallpatienten. In der Frühschicht sind sie zu fünft, im Spätdienst dann nur noch zu viert und im Nachtdienst zu zweit für 38 Betten zuständig. »Wir können die Versorgung der Patienten gerade im Nachtdienst nicht mehr zu 100 Prozent gewährleisten«, sagt Wolf. Häufig müssten sie Abstriche schon bei der Grundpflege machen. Manche hätten sogar Angst davor aufgrund der Arbeitsbelastung, die Nachtschicht zu übernehmen. Das alles hat Wolf und ihre KollegInnen dazu veranlasst, ihre Station zur kompletten Schließung anzumelden.

Was Grit Wolf schildert, hat ver.di in einer am Freitag veröffentlichten Notrufbroschüre für ganze Krankenhausstationen zusammengefasst. Insgesamt zehn Notrufe haben komplette Abteilungen und Klinikzentren innerhalb der letzten anderthalb Jahre abgesetzt, darunter eine Intensivstation am Campus Mitte sowie am Benjamin Franklin und das Pflegepersonal der Entbindungsstation am Virchowklinikum. »Das Pflegeteam der Stationen 37 und 38 übernimmt keine Verantwortung mehr für die derzeitige schon länger andauernde prekäre Arbeitssituation«, heißt es in dem Heft. Laut ver.di hat es in den ersten sechs Monaten des Jahres bereits 800 Gefährdungsanzeigen der Mitarbeiter gegeben.

Die Charité hatte in den Verhandlungen bisher 80 zusätzliche Stellen auf den Intensivstationen und im Nachtdienst angeboten. »Aber alle anderen Bereiche in Verwaltung und IT werden ausgeblendet«, heißt es dazu von ver.di. Die Gewerkschaft ist seit 2013 in Tarifverhandlungen um eine Mindestbesetzung auf den Stationen. Auf den Intensivstationen strebt sie beispielsweise einen Personalschlüssel von einer Pflegekraft für zwei Patienten an. Die Charité äußerte bereits Verständnis für den Wunsch nach einer besseren Personalausstattung, ist aber nach wie vor der Meinung, dass dieses Problem nur auf Bundesebene gelöst werden kann. 600 zusätzliche Stellen hat die Klinikleitung aus den Forderungen abgeleitet, die die Charité bis zu 35 Millionen Euro zusätzliche kosten würden. In der derzeitigen Finanzlage wäre das nicht bezahlbar, heißt es. »Das sind 2,5 Prozent des Gesamtbudgets«, rechnet Gewerkschaftssekretär Kalle Kunkel vor. »Die 80 Stellen, die die Klinik angeboten hat, machen nur 0,5 Prozent des Personalbudgets aus«, sagt er.

»Seit Jahren werden Gelder, die die Krankenkassen für die Behandlung und Pflege ihrer Mitglieder zahlen, von den Kliniken zweckentfremdet, um damit Ausgaben zu zahlen, für die eigentlich die öffentliche Hand aufkommen müsste«, kritisiert der gesundheitspolitische Sprecher der Linksfraktion, Wolfgang Albers.

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