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»Und jetzt bewegt euch!«

Ein Streiktagebuch aus Saarbrücken, elfter Teil

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Wer hätte damit gerechnet, dass 26 000 Menschen der Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes folgen würden, um am 13.6. in Köln, Hannover, Dresden und Nürnberg Druck auf die Schlichtungsverhandlungen im Arbeitskampf des kommunalen Sozial- und Erziehungsdienstes zu machen?

Es war Samstag. Es war die erste Arbeitswoche nach vierwöchigem Streik. Es waren viele, und sie waren laut. Ich war in Köln dabei, wo 15 000 demonstrierten - Erzieher, Eltern, Kinder, Großeltern, Unterstützer aus anderen Gewerkschaften.

Die Transparente, Fahnen, Schilder, die Lieder und von Trommeln, Pfiffen, rhythmischem Klatschen untermalten »Kampfrufe«, die Reden von der Bühne herab, sie sprachen eine deutliche Sprache: Wir halten an unserer Forderung nach Aufwertung aller Berufsgruppen in den Sozial- und Erziehungsdiensten fest. Wir wollen, dass die Arbeit mit Menschen besser bewertet wird. Wir lassen uns nicht spalten. Wenn wir jetzt nicht ans Ziel kommen, dann kommen wir wieder.
»Und jetzt bewegt euch!«

Achim Meerkamp (Mitglied im Bundesvorstand von ver.di) rief: »Wisst ihr, wer die höchste Identifikation mit seinem Beruf hat? Das seid ihr, liebe Kollegen.« Es war nett, die Commedian Lisa Feller mit einem Ausschnitt ihres Programms: »Der Teufel trägt Pampers« zu sehen. Die Mütter, Väter und Erzieherinnen im Publikum fanden sich in vielem wieder. Lisa Feller rief uns am Schluss zu, von ihr aus könnten wir uns den ganzen Staatshaushalt aufteilen, so sehr schätze sie als Mutter die Arbeit in den Kindertagesstätten.

Ich persönlich fand den Auftritt unserem Anliegen jedoch nicht angemessen. Jedes Signal, dass Menschen harmlos sind, die phantasievoll und gekonnt mit kindlichen Emotionen umzugehen gelernt haben, kommt mir in diesem Arbeitskampf falsch vor. Der ernste Achim Meerkamp gefiel mir besser. Er forderte die anwesenden Journalisten auf, doch mal jemanden in einem Blindenstift bei der Arbeit zu begleiten. Den Jugendamtsmitarbeitern rief er zu: »Diese Garantenstellung hat kein Bürgermeister und kein Jugendamtsleiter.«

Ich stand zwischen Angestellten eines Jugendamtes. Auf ihren Plakaten war zu lesen: »Müssen Sie unentwegt fürchten, dass ein Kind wegen einer Fehleinschätzung stirbt?« »Stehen Sie ständig mit einem Bein im Knast?«, »Werden Sie während der Arbeit beschimpft und beleidigt?«, und »Heute schon ein Kind in Obhut genommen?«

Achim Meerkamp berichtete vom Verhandlungstisch und davon, wie ver.di gezwungen werden sollte, innerhalb z.B. der Behindertenhilfe diejenigen zu benennen, die nicht aufgewertet werden. Was das für eine Zumutung wäre! Fast schon im Abgehen von der Bühne sagte er noch: »Es deutet sich an, dass wir den Durchbruch nicht schaffen.«

Ihm und anderen Gewerkschaftlern, denen ich im Lauf des Streiks begegnet bin, merke ich an, wie zehrend, wie anstrengend die Verhandlungen sind. Die Arbeitgeberseite scheint dem Sozial- und Erziehungsdienst extrem abwertend gegenüber zu stehen. So stur abwertend, dass es in krassem Gegensatz zu dem vielen öffentlichen Lob steht, das Erzieher immer bekommen. Aber Kinder sind immer für alles gut. Jeder Politiker lässt sich gern mit Kindern fotografieren. Alle, die keinen neuen Streik wollen, müssen sich jetzt bewegen.

Ich zitiere Kolleginnen aus Aachen: »Sollte sich für uns nichts drehen, werden wir weiter streiken!«
Es ist also weiter sehr wichtig, Druck auf Oberbürgermeister, Bürgermeister und Landräte zu machen. In Saarbrücken wird es die ganze Woche über Mahnwachen vor dem Rathaus, in Völklingen und Neunkirchen Informationsveranstaltungen für Eltern geben. Nach der Kundgebung teile ich einem Kollegen meine Befürchtung mit, dass unser vierwöchiger Streik am Ende »eine Maus gebiert«.
Er schweigt einen Moment und sagt dann: »Nee, dann lieber ablehnen.«

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