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Ein Schrottplatz voller milder Gaben

Korruption in Baku: 200 Autos, die Rallyefahrer im Jahr 2012 spendeten, sind nie bei den Flüchtlingen angekommen

  • Von Jirka Grahl, Baku
  • Lesedauer: 6 Min.
In Baku feiert Aserbaidshan mit 6000 Athleten die Europaspiele, der Sportminister denkt an einen dritten Anlauf auf Olympia. Im Stadtteil Binegedi kann man derweil Auswirkungen von Bürokratie und Korruption besichtigen.

Wer einen Blick auf die Schattenseite dieser Premierenspiele in Baku werfen will, muss einfach nur am Olympiastadion in die U-Bahn steigen und mit den ratternden Zügen Moskauer Bauart durch die überhitzten Tunnel unter der kaspischen Metropole fahren. An der Haltestelle Azadliq-Prospekt (Freiheits-Prospekt) wird dann in den Bus 123 umgestiegen.

Wegen der Hitze sind alle Fenster im stickigen Bus geöffnet. Es riecht nach Diesel, Schweiß und Staub. Die Fahrt führt vorbei an riesigen Baustellen, auf denen wegen der Spiele nicht gearbeitet wird, vorbei an Zementfabriken und Lagerhallen und vorbei an 18-stöckigen Wohntürmen, die allerorts das Bild der Zweimillionenstadt prägen. Eines der Hochhäuser hier ist eingerüstet und verhüllt, dort brannte am 19. Mai ein schreckliches Feuer, das 16 Menschenleben kostete.

Ein Schock für Bakuer, ein Unglück, das womöglich vermeidbar war: Die Fassade, die im Rahmen der Stadtverschönerung für die Europaspiele am Haus angebracht worden war, enthielt leicht entzündliche Kunststoffe. Oppositionsmedien berichteten, dass die aus China stammenden Baustoffe niemals hätten eine Zulassung im Fassadenbau erhalten dürfen. Sehr wahrscheinlich sei Schmiergeld gezahlt worden, um so billig wie möglich bauen zu können.

Nach etwa 15 Stationen erklimmt der Bus eine Anhöhe, ringsum sind in wilder Anordnung Wohnhäuser errichtet: einfache Häuser auf steinigen Sandflächen, direkt neben versiegten Ölfeldern. Informelle Bauten – Häuser, die ohne Baugenehmigung errichtet wurden, oftmals von Flüchtlingen aus der Region Nagorny-Karabach. Die Favelas der glamourösen Hauptstadt Aserbaidshans. Vielen Bakuern sind Viertel wie dieses in Binegedi ein Dorn im Auge.

Schließlich passiert der Bus einen privaten Schrottplatz, der Blick fällt auf Dutzende grell-lackierte Autos mit reichlich Werbeaufklebern, die in Staub und Sonne vor sich hin dümpeln: Mercedes-Kombis, Opel Omega, Golf IV, Ford. Und die Sticker an Flanken und Heckscheiben der Autos zeigen an, dass die Autos aus Deutschland kommen. »Seit über 30 Jahren gut in Fahrt!«, »Taxi nach Baku!« oder »Allgäu-Orient-Rallye 2012«. Wer versucht, Fotos von den Autos zu machen, wird schnell von einem grimmigen älteren Herren verscheucht, der am umzäunten Schrottplatz Wache hält: »Hey, verzieht Euch, aber schnell!«

4500 Kilometer entfernt, in Oberstaufen im Allgäu erkennt Wilfried Gehr die Autos auf dem Schrottplatz von Binegedi sofort: »Ja, das sind unsere Autos«, sagt der Rallyeveranstalter, als er die Bilder zu sehen bekommt. Und erregt sich sogleich: »Es ist eine Schande. Die Autos sollten eigentlich seit 2012 schon im Besitz von Kriegsversehrten und Flüchtlingen aus Bergkarabach sein. Stattdessen stehen die nun immer noch dort herum. Wir sind verarscht worden.«

Wilfried Gehr ist Veranstalter einer äußerst erfolgreichen Amateur-Rallye. Und er hat offenbar eine Vorliebe für Schnapszahlen. Bei seiner alljährlichen Allgäu-Orient-Rallye machen jeweils 666 Leute mit, in 333 Fahrzeugen, deren Wert 1111 Euro nicht übersteigen darf. Sie bilden 111 Teams und sollen angeblich sogar eine Strecke von 6666 Kilometern zurücklegen. Gehr verspricht den Teilnehmern »eines der letzten automobilen Abenteuer dieser Welt«. Den Slogan hat er sich schützen lassen, und der Erfolg gibt ihm recht: Die Startplätze des Amateurrennens sind stets Minuten nach dem Verkaufstart ausverkauft.

Üblicherweise führt das Rennen über den Balkan und die Türkei nach Jordanien, dort nimmt Kronprinz Hussein bin Abdullah die Siegerehrung vor. Nach Zielankunft werden die Autos auseinandergeschraubt und in Einzelteilen weiterverkauft, etwa 180 000 Euro kommen dabei jeweils zusammen, die für wohltätige Zwecke gespendet werden.

Wegen der Unruhen in Syrien habe man sich entschlossen, die Rallye 2012 in Baku enden zu lassen. Zur Vorbereitung traf man sich damals mit Aserbaidshans Sportminister Azad Rahimov, der heute als Geschäftsführer der Europaspiele fungiert – der verlängerte Arm von Aserbaidshans Machthaber Ilham Aliyev. Gehr beschreibt ihn als jovialen, freundlichen Mann. Bei einem Besuch im Privathaus des Ministers kostete man Kaviar, bestaunte die Oldtimer aus Sowjetzeiten in der Garage des Herrn Minister und verabschiedete sich in bester Laune: Ein würdiger Empfang der Rallye an einem prominenten Platz in der Innenstadt von Baku und eine Ausnahmegenehmigung für die Einfuhr der alten Autos waren abgemacht.

Und für die Auto-Spende wurde eine ideale Lösung gefunden: »Die Aseri schlugen uns vor, die Autos nicht auseinanderzunehmen sondern an Kriegsflüchtlinge aus Karabach im Ganzen zu spenden. Wir trafen einen Kriegsversehrten, der eines unserer Autos bekommen sollte. Ein Einarmiger, der sich so auf ein Auto freute. Wir waren begeistert«, erinnert sich Gehr. Auch den dezenten Hinweis, dass für derlei Arrangements ein wenig nebenher zu zahlen sei, vernahm er: »Wir haben schließlich 20 000 Euro gezahlt, bar überreicht an einen Mitarbeiter des Sportministeriums.« Schmiergeld, sagt Gehr, sei in den Regionen, die seine Rallye erreicht, durchaus üblich. So laufe das nun mal.

Doch im Fall Baku lief für ihn schon bald nichts mehr wie verabredet, denn Aserbaidshan gewann überraschend den Eurovision Song Contest 2011 und wurde zum Ausrichter 2012 – am selben Wochenende, an dem auch die 666 Rallyefahrer in Baku eintreffen sollten. Das Rennen lief schon, da wurden Gehr und die Rallyefahrer plötzlich nicht mehr in bakus Innenstadt gelassen: »Obwohl wir gültige Verträge hatten. Wir sind vom Minister gelinkt worden. Unsere Fahrer kamen nach 7000 Kilometern in einem verdreckten Industriegebiet an. Man konnte sich noch nicht mal irgendwo ein Wasser kaufen.«

Noch viel mehr aber erbost den Rallyeveranstalter, dass die Autos aus der 2012er-Kolonne nicht bei den Kriegsflüchtlingen ankamen. Ein Vertreter des Karabach-Flüchtlingsvereins habe ihm berichtet, dass allein ein paar Begleitfahrzeuge, unter anderem ein alter Barkas-Bus und ein Feuerwehrfahrzeug, an Flüchtlinge gegangen seien, insgesamt etwa 40 von 240 Fahrzeugen, die nach der Rallye gespendet werden sollten.

In Aserbaidshan war die Aktion noch im Jahr 2012 euphorisch gefeiert worden: Fernsehen und Zeitungen erzählten blumig die Mär von den deutschen Autos, die an die Flüchtlinge gespendet werden sollten, fast jeder, den man fragt, erinnert sich an die Story. Mehr als eine Million Binnenflüchtlinge aus Karabach und sieben umliegenden Regionen gibt es in Aserbaidshan, ihre Vertreibung und der eingefrorene Krieg mit Armenien bilden eine wichtige Säule im aserbaidshanischen Selbstverständnis.
Nur wenige Bakuer allerdings wissen, dass die geschenkten Autos von 2012 noch immer auf einem Parkplatz in Binegedi stehen, anstatt bei den leidenden Vertriebenen. Die Internetseite »virtualaz.org« fragte im Mai 2015 kritisch bei Behörden nach den Autos. Mittlerweile fordern Behörden demnach pro Auto 8000 Manat (6800 Euro) Strafzoll: Ein schlechtes Geschäft, und noch dazu für die mittellosen Flüchtlinge unerschwinglich. Immerhin aber seien die Autos noch nicht ausgeschlachtet worden, berichtet der Reporter. Neue Anfragen von »nd« beim Sportministerium und der Rayonsverwaltung von Binegedi zu den Geschehnissen um die Rallye 2012 und die Weiterverwendung der Autos blieben bis Donnerstag unbeantwortet.

Allein der Parkplatzwächter in Binegedi ist an diesem heißen Nachmittag nach seiner Schimpfkanonade noch gesprächsbereit. Ihm sei gesagt worden, warum die Autos noch immer nicht an die Bedürftigen gelangt seien: »Die Deutschen haben damals 2012 im Durcheinander des Rallye-Geschehens vergessen, die richtigen Papiere für die Autos mitzubringen.«

Rallye-Chef Gehr lacht am Telefon über diese Begründung: »Wir hatten alles notariell beglaubigt, ich zeige Ihnen alle Papiere. Die Autos stehen noch da, weil das Sportministerium durch und durch korrupt ist.« Er sagt, er könne das jetzt frei sagen: »Mir wurde längst mitgeteilt, dass ich in Aserbaidshan jetzt eine unerwünschte Person bin.«

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