Mundraub am Wegesrand

Eine Internetplattform ermuntert Bürger zur Obsternte im öffentlichen Raum

  • Von Charlotte Gerling
  • Lesedauer: 3 Min.
Von Obstbäumen auf öffentlichen Flächen darf jeder ernten. Eine digitale Karte verrät, wo die Bäume stehen. Den Initiatoren geht es aber nicht nur ums Schlemmen.

Dutzende Obstbäume auf einer alten Streuobstwiese, eine Markierung auf einer digitalen Karte und viele helfende Hände - das sind die Zutaten für das Erntecamp. Die Initiative mundraub.org hat zur gemeinsamen Kirschernte auf einer etwa sechs Hektar großen Obstwiese des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) aufgerufen. Die Idee dahinter: Die Menschen sollen erkennen, wie viel Obst im öffentlichen Raum reif an Bäumen und Sträuchern hängt, häufig aber verkommt. Neben Streuobstwiesen gibt es in Brandenburg vor allem Apfel- und Birnenbäume an Alleen, aber auch Kirschen, Esskastanien oder Nüsse.

Mehr als 20 Menschen haben sich als Mundräuber zum Erntetag angemeldet, eine bunte Truppe. Sie sind Anfang 30, bereits um die 50 oder noch im Kindesalter. Bei Temperaturen weit über 30 Grad stellen sie Leitern an die alten, knorrigen Kirschbäume und pflücken das schon fast überreife Obst von den Zweigen: nahezu schwarze, dicke Süßkirschen, rot-gelbliche Glaskirschen und kleine, hellrote säuerlich-süße Früchte.

Die Anstrengung lohnt. »Wenn du die Kirschen vom Baum selbst pflückst, schmecken die ganz anders«, meint Eva Rohde. Die Assistentin der Geschäftsleitung für ein Berliner Start-up-Unternehmen trägt zwei Plastikkisten voll Kirschen zu einem Holzverschlag auf der Wiese. Die 33-Jährige ist zusammen mit ihrem Freund Jan Dreger da. Er meide Obst aus dem Discounter möglichst, berichtet der 34-Jährige. Die Qualität leide unter dem Preisdruck. Bei dem Obst auf der Wiese könne man hingegen sicher sein, dass es nicht mit Pestiziden behandelt sei. »Hier haben die Kirschen nur Maden«, sagt Dreger.

Er und seine Freundin sind auf dem Land aufgewachsen und leben jetzt in Berlin, ohne einen eigenen Garten zu haben. Bei einem Mundraub-Erntecamp sind sie zum ersten Mal. Sie wissen aber, dass das Pflücken von öffentlich zugänglichem Obst früher für viele Menschen normal war. Irgendwann sei diese gute Idee dann aber wohl eingeschlafen, bedauert Eva Rohde.

Kai Gildhorn, der das Portal mundraub.org vor sechs Jahren gegründet hat, will die gute Idee wiederbeleben. Sein Weg: Eine digitale Karte mit Punkten, an denen Essbares im öffentlichen Raum entdeckt worden ist, etwa Pflaumen an einem Alleebaum oder Walnüsse an einem Strauch neben einem Parkplatz. Die Gemeinschaft besteht inzwischen aus über 25 000 Nutzern, über 16 000 Fundorte sind bereits eingetragen.

Zuvor sollten allerdings die Eigentumsrechte geklärt sein, betont Eike Baur von mundraub.org. Die Internetplattform biete den Dienst als gemeinnütziges Unternehmen an, rechtliche Verantwortung für die Obsternte trage sie nicht. Im Zweifelsfall sollte nachgefragt werden, ob ein Stück Land nicht doch verpachtet ist oder einen privaten Eigentümer hat, rät Baur.

Auch in Naturschutzgebieten ist das Ernten verboten, und übertreiben sollte man nicht. Nach der Handstraußregel darf jeder nur so viel ernten, wie er in der Hand mitnehmen kann. Nachzulesen sind derartige Regeln im »Mundräuber-Handbuch« der Initiative.

Die Organisation möchte Menschen mit Hilfe der Daten zu Aktionen wie Erntecamps motivieren. In Kooperation mit Firmen und Kommunen setzt die Initiative sich dafür ein, dass Kulturlandschaften wie die alten Obstbaumalleen in Brandenburg nachgepflanzt werden. »Das Obst in den Alleen ist nicht mehr ernährungsrelevant, sondern eher lästig, weil Obstbäume Arbeit machen«, erklärt Mundraub-Gründer Kai Gildhorn.

Nach dem Motto »Freies Obst für freie Bürger« wollen die Initiatoren die Menschen dazu ermutigen, das Allgemeingut für sich zu nutzen, etwa für eine Apfelernte im kommenden Herbst. dpa

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