Von Gunnar Decker

Unser aller Paranoia

Im Kino: »Der Bau« von Jochen Alexander Freydank

Das ultramoderne Hochhaus, in das der Mann einzieht, hat eine einzige Zielgruppe: die sogenannten Besserverdienenden. Das sieht man schon an den uniformierten Hausmeistern, die sich eilfertig anbieten: Wenn es noch etwas zu erledigen gibt? Nein, erst mal nicht, der Mann ist gewohnt, die Dinge selbst in der Hand zu behalten.

Der Mann trägt einen dunklen Anzug, weißes Hemd mit Weste und Schlips. Eine Limousine steht in der Auffahrt, Geld scheint hier kein Problem zu sein. Ein Banker vielleicht, wer weiß, wir sehen ihn in eine Stadt fahren, in der sich die blinkenden Hochhäuser übereinander stapeln und dann sitzt er in einer Art dunklen Gruft allein vor einem Computer, über den Zahlenkolonnen flimmern.

Wo sind wir hier? In einer Erzählung von Franz Kafka: »Der Bau«. In einem Film von Jochen Alexander Freydank, der 2009 einen Oscar mit seinem Kurzfilm »Spielzeugland« gewann. In einer Beinahe-Solonummer von Axel Prahl als Mann in seinem Bau, den er als eine Festung gegen die Welt, eine Art Wehrturm gegen das feindliche Außen ausbaut. Ist der Feind außen, also draußen vor der Tür - oder nicht vielmehr innen, also in seinem Kopf? Das ist das Kafka-Sujet: das Unheimliche unserer Existenz, das im Dunkeln bleibt, so sehr wir es auch mit dem Scheinwerfer unserer Tagesvernunft auszuleuchten versuchen.

Die Kafka-Verfilmungen, die wir kennen, von Orson Welles bis Michael Haneke spielen alle mit dieser Zwielichtsituation: Können wir den Wahrnehmungen der jeweiligen Hauptfigur trauen? Gibt es tatsächlich eine Verschwörung gegen ihn, wird er verfolgt - oder ist er dabei, seinen Verstand zu verlieren und die unheimliche Geschichte, an der wir teilhaben, Teil einer Paranoia? Wer ist verrückt, der Einzelne oder die Welt, in der er lebt?

Regisseur Jochen Alexander Freydank hat den Kafka-Text als Vorlage für ein filmisch ausgeklügeltes Experiment genommen, das er ganz in der Gegenwart ansiedelt: ein Mann allein in seiner komfortablen Wohnung. Axel Prahl hat nur ein Gegenüber, dem er sich mitteilt: seinen Camcorder, mit dem er sich selbst aufnimmt. Kafkas Monolog, in einen Apparat gesprochen, der ihn verschluckt und auf dem üppigen Breitwandbildschirm in seiner labyrinthischen Wohnung wieder ausspuckt: »Ich bin nicht ganz fern davon, in die Ferne zu gehen.« Der Mann ist allein, er sagt, er will es sein, weil die schmutzige Welt draußen ihn ohnehin nur belästigt, geradezu bedroht. Die Kamera baut diesem Monolog eine Art Bilderkäfig aus Stahl und Glas, sowie vereinzelten, aber immer unerfreulichen Begegnungen mit anderen Menschen - vor allem den »hilfreichen« Geistern, den Handwerkern und Hausmeistern (kleine Rollen großer Darsteller: Josef Hader und Devid Striesow).

Schnell wird klar, dies ist ein Alptraum, aus dem auch das Erwachen böse sein kann. Dazu muss man nicht bis zu Kafka gehen, Roman Polanski hat den Wahnsinn, der darin liegt, Wand an Wand mit fremden Menschen zu wohnen, in »Der Mieter« bereits durchgespielt. Die Gefahr für Freydank besteht in diesem Film gewiss darin, dass alles Symbol zu werden droht und wenn alles Symbol wird, wo bleibt da noch der Mensch, um den sich die Geschichte dreht? Hier nun beweist Axel Prahl, dass er trotz massenhafter televisionärer Niederungen, durch die er in letzter Zeit ging, immer noch ein erstklassiger Schauspieler geblieben ist, der dem Niedergang eines Menschen sein Gesicht so zu geben versteht, dass es sich dem Zuschauer auf verwirrende Weise einbrennt.

Was ist das für ein Mensch, den wir anfangs immer mit Frau und seinen beiden Kindern sehen, die er filmt - aber dann stellt sich heraus, sie haben ihn längst verlassen, auf den Filmbildern ist er in Wahrheit allein. Ein suggestiver Kunstgriff, der ganze Abhandlungen ersetzt. Ja, hier geht es um die zunehmende Selbstentfremdung eines Menschen in unserer sich fortgesetzt atomisierenden Gegenwart. Könnte man jemandem vertrauen?, fragt sich der Mann über den Umweg seines Camcorders und antwortet selbst: vielleicht, aber nur, wenn man ihn dabei überwacht.

Über dieses Thema von Angst und Kontrollwahn, der Zerstörung humaner Werte, kann man gewiss leichter einen Aufsatz schreiben als einen Film drehen, dessen Bilder einen eigenen Sog entwickeln und deren konsequente Schwarz-Weiß-Ästhetik so fasziniert wie hier. Der innere Monolog des Mannes verschmilzt auf klaustrophische Weise mit den Enge-Bildern des Hauses, in dessen Ecken sich kunstvoll arrangierter Müll zu stapeln beginnt. Deutlich wird: hier geht etwas zu Ende, die ganze hysterische Selbstbefestigung nützt nichts, der Ausbau der Wohnung zum Hochsicherheitstrakt macht das Leben keineswegs sicherer, sondern steigert nur die Angst vor dem, was kommen wird. Der Mann in seinem Verfolgungswahn wird aggressiv, er mordet, er verliert jede moralische Legitimation.

Dann kommen die Fremden, erst liegen sie auf den Treppenfluren, dann dringen sie in die Wohnungen ein, lauter Elendsgestalten, passend zur hier gezeigten Apokalypse. Ist dies der Alptraum westlicher Wohlstandsgesellschaften, eine Angstvision, mit der sich Politik machen lässt? Freydank hält es in der Schwebe, und darin bleibt er Kafka unbedingt treu.

Die Festung Europa, bevor sie gestürmt wird, das wäre sicherlich ein allzu billiges Sujet gewesen. Aber es, wie hier geschehen, paranoid zu brechen, einen Blick ins kollektive Unterbewusstsein des westlichen Wohlstandsbürgers zu werfen und dabei auf lauter Ängste und Aggressionen zu stoßen, das ist bemerkenswert - als Gegenwartsdiagnose wie auch als Kafka-Verfilmung.

Im nd-Shop

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken