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Brötchen aus der Blackbox

Bäcker und Aldi-Süd streiten ums wahre Backen

  • Von Andrea Löbbecke, Duisburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Frage »Was ist Backen?« scheint sich nicht so leicht klären zu lassen. Seit vier Jahren stehen sich die deutschen Bäcker und der Discounter Aldi Süd vor dem Duisburger Landgericht unversöhnlich gegenüber. Die wettbewerbsrechtliche Klage des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks richtet sich gegen eine Aldi-Werbung, in den Filialen werde frisch gebacken. So pries der Discounter seine Brötchen und Brote an, die im Markt auf Knopfdruck aus einem Apparat mit der Aufschrift »Backofen« in ein Fach fallen. »Das sind große Blackboxen, wo kein Mensch weiß, was da passiert«, sagt der Referent für Lebensmittelrecht beim Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks, Daniel Schneider. »Das kann kein Backen sein.« Somit werde der Verbraucher in die Irre geführt.

Bei einem Vor-Ort-Termin in einer Aldi-Filiale wollte die Landgerichts-Kammer die Automaten im Februar 2011 in Augenschein nehmen. Allerdings versagte das Unternehmen einen Blick hinter die Kulissen, wie ein Gerichtssprecher berichtet. Daraufhin hatte der Experte Jürgen-Michael Brümmer im Auftrag der Kammer die Teiglinge auf ihrem Weg durch den Automaten genau in Augenschein genommen.

Rund zwei Stunden spricht der 77-jährige Professor beim Gerichtstermin am Dienstag über das Backen, es geht um »Bräunungsgrad«, »straffe Krume« oder die Frage, wie gut sich Butter auf dem Brötchen verstreichen lässt. Ob allerdings in den Aldi-Automaten gebacken wird oder nicht, darauf gibt es auch nach der Sitzung keine klare Antwort.

Das Handwerk nach »alter Väter Sitte«, nämlich Kneten, Gären und Backen direkt hintereinander, finde in Backstuben ohnehin kaum noch statt, erläutert Brümmer. Es sei in den meisten der 15 000 Bäckereien im Land üblich, die Teiglinge erst nur zum Teil und dann kurz vor dem Verkauf fertig zu backen. »Wenn wir die große Masse der Bäckereien nehmen, dann ist diese Verzögerung üblich«, sagt Brümmer. Das Verfahren habe sich allein schon in den vier Jahren, in denen der Gerichtsprozess laufe, erheblich weiterentwickelt und verbreitet. Die Produkte stünden den herkömmlich produzierten Waren qualitativ oft in nichts nach.

Bei Aldi Süd kommen nach den Worten des Back-Experten Brote und Brötchen in den Automaten, die zu 60 bis 70 Prozent teilgebacken sind. Mit einigen Produkten, die dann in den Ausgabeschacht fallen, war Brümmer - aus fachmännischer Sicht - nicht zufrieden. »Ich hätte mir da mehr erwartet«, sagt er etwa über ein Baguette. Für ihn als langjährigen Brottester sei etwa die Kruste nicht knusprig genug. Aber Brümmer gibt auch zu bedenken: »Viele Verbraucher wollen es so.«

In dem »Backofen« finde »ein Backvorgang statt«, hatte Aldi Süd zum Beginn des Rechtsstreits erklärt. Von einer bloßen »Bräunung« der Ware könne nicht gesprochen werden. Ein Großteil aller Aldi-Süd-Filialen sei mit einem Backofen ausgestattet, teilt eine Sprecherin mit. Die Gutachteraussagen bewerte das Unternehmen positiv. Es sei unter anderem bestätigt worden, dass der Produktionsschritt im Aldi-»Backofen« ein absolut branchenüblicher Vorgang sei.

Nach den Worten der Ernährungsexpertin Isabelle Mühleisen von der Verbraucherzentrale NRW ist Frische »ein dehnbarer Begriff«, der zudem von Produkt zu Produkt erheblich variiere. »Es ist jedoch grundsätzlich heikel, Verbrauchern etwas als frisch vorzugaukeln, was vorgefertigt ist.« Der Streit geht also weiter. dpa/nd

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