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Erzählen vom unsichtbaren Elend

Die Schriftstellerin und Dolmetscherin Eva Ruth Wemme begleitet Roma in Berlin-Neukölln

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Eva Ruth Wemme wurde 1973 in Paderborn geboren. Nach dem Studium der Rumänistik, Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft arbeitete sie als Dolmetscherin und als Dramaturgin. Seit 2011 begleitet sie rumänische Migrantinnen und Migranten in Berlin als Dolmetscherin und Beraterin. 
Sie führte zahlreiche Interviews und beschreibt in ihrem Buch über »Meine 7000 Nachbarn« (Verbrecher Verlag, 240 S., 14 €) aus erster Hand den Teufelskreis aus Arbeits- und Wohnungslosigkeit, aus Fremdheit und Vorurteilen, dem Roma in Berlin ausgesetzt sind. Mit der Autorin sprach Stephan Fischer.

Frau Wemme, Sie haben das erste Kapitel Ihres Buches »Meine 7000 Nachbarn« überschrieben mit »Wie der Alltag aufhörte«. Wie hörte er denn auf und warum?

Mein Alltag als Literaturübersetzerin und Schreibtischfrau hörte gleich nach der ersten Begegnung mit einer Romni auf und dann war ganz schnell eine Mutter-Kind-Gruppe für Roma gegründet.

Sie haben sofort auch den Hilfebedarf der Menschen gesehen. Viele andere sehen oder erfassen den gar nicht.

Das ist auch eine Sache der Sprache: Viele können einfach nicht mit ihnen sprechen, weil sie die Sprache nicht verstehen oder beherrschen. Ich wäre so wahrscheinlich auch an ihnen vorbeigegangen. Aber sobald ich mit ihnen ins Gespräch gekommen bin, waren das für mich Menschen wie du und ich und die hatten dann ein bestimmtes Leben. In diesem Leben brauchten die dieses und jenes. Und dann dachte ich, okay, da kann ich etwas machen.

Sie wurden dann »Sprach- und Kulturmittlerin«.

Ja, so heißt das.

Wie wird man so etwas?

Eigentlich brauchten die Menschen nur Dolmetscher oder Leute, die sie beraten und auf Ämter begleiten. Mein Tag war damit bald ganz ausgefüllt. Damit so etwas aber finanziert wird, muss so es einen besonderen Zweck haben. Und das Mittel zum Zweck musste einen Namen bekommen. Deswegen hieß es dann »Sprach- und Kulturmittler«, weil einfach nur Dolmetschen nicht reicht. Dazu auch Kultur zu vermitteln, das war so ein bisschen die Wunschvorstellung von denen, die das Geld geben. Dass man die deutsche Kultur vermittelt. Natürlich vermittelt man zwischen Menschen und gibt immer auch ein bisschen aus dem Hintergrund mit, aus dem man kommt. Aber das tut eigentlich jeder gute Dolmetscher: Sprache ist ja nichts, was man aus dem Lexikon nimmt. Aber das wussten die Leute dort vielleicht nicht.

Sie schreiben: »Die Roma werden romantisiert, verniedlicht, schreibend eingeordnet, man gruselt oder fürchtet sich vor ihnen.« Gibt es kein realistisches Bild?

Sich solche Bilder zu machen, ist auch eine Form von Hilflosigkeit, um es mal harmlos auszudrücken. Weil man nicht weiß, wer der andere ist, greift man zurück auf die Bilder, die man tradiert bekommen hat. Ohne auf die Idee zu kommen, dass der oder die andere eine Person ist wie ich selbst - sie kommt ja nicht vom anderen Planeten. Natürlich gibt es bestimmte Traditionen oder vielleicht irgendwelche Gerichte, die »anders sind«. Aber das ist schon bei einem Freund aus dem Saarland so, dass er ganz andere Dinge zu erzählen hat als ich.

Und diese Menschen aus Bulgarien und Rumänien wünschen sich einfach ein normales und angemessenes Leben als EU-Bürger. Das können sie dort, wo die meisten ursprünglich herkommen offensichtlich nicht führen?

Nein. Aus finanziellen Gründen tatsächlich, weil es einfach keine Verdienstmöglichkeiten da gibt. Aber es geht ja nicht nur den Roma dort so, sondern vielen Einwohnern in diesen Ländern - dass man selbst mit guter Ausbildung keine Chancen hat. Ein Beispiel: Da hat eine Frau eine Friseurausbildung und verdient gerade so viel, dass sie sich höchstens ein paar Tomaten in der Woche zum essen leisten kann.

Das sind dann die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge. Das Wort hat heute einen ganz negativen Ton. Dabei sind Wirtschaftsflüchtlinge ja tatsächlich auch einfach Menschen, die dort, wo sie herkommen, einfach nicht genug zu essen haben. Denen es aber in Berlin auch nicht unbedingt gut geht: Sie schreiben, Sie haben Elend gesehen, das ist im Grunde schon unsichtbar, weil es so unvorstellbar ist. Wie sieht dieses »unsichtbare Elend« aus?

Als ich Freunden erzählt habe, dass wir einem Kind ein Spielzeug gegeben haben, und ich habe danach vorgespielt, wie das Kind das Spielzeug an sich gerissen hat - das hat mir niemand geglaubt. Weil das unvorstellbar in einem Land ist, wo ja alles im Überfluss da ist. Und wo es außerdem diese Gerüchte gibt, dass diese armen Menschen alles Mögliche vom deutschen Staat geschenkt kriegen - Wohnungen und ganz viel Geld und Waschmaschinen und weiß der Himmel - ich habe wirklich ganz gebildete Leute gehört: »Ach, die Roma. Ach ja, die kriegen ja Wohnungen geschenkt.« Dann dachte ich, toll, ja wo denn?! Wo kann man da hingehen?

Ist diese Unsichtbarkeit auch ein Nichtsehenkönnen derer, die hier leben?

Richtig. Das kann niemand visualisieren und deswegen kann man zu dieser Realität gar keinen Kontakt aufnehmen: zu dem Gedanken, dass es hier tatsächlich eine Armut gibt, in der eine Mutter nicht weiß, woher sie Essen für ihre Kinder bekommt. Oder anders: Man hört ja immer oder liest, im Görlitzer Park sind die ganzen Roma oder die nerven an den Ampeln, wenn sie Scheiben putzen wollen. Aber übersetzt in eine sinnvolle Sprache heißt das doch, dass diese Menschen so arm sind, dass sie sogar wissentlich Ordnungswidrigkeiten begehen, wenn sie Scheiben putzen. Sie wissen genau: »Wenn die Polizei mich erwischt, muss ich viel Geld zahlen - und ich muss es trotzdem tun, weil ich einfach keine andere Möglichkeit habe.« Es gibt tatsächlich keine anderen Möglichkeiten für viele Leute. Wo sollen die Wohnungen herkommen, wo soll die Arbeit herkommen, wo soll das Geld herkommen? Sie kriegen ja nicht einmal Hartz IV.

Sie sind zu arm, um unterstützt zu werden?

Genau. Also man muss wirklich ungefähr 400 Euro verdienen, um überhaupt als arm zu gelten. Darunter ist man nicht existent. Für Deutsche mit Pass gilt das nicht, aber für die EU-Bürger aus Bulgarien und Rumänien.

Einmal sagte eine Caritas-Mitarbeiterin zu Ihnen: »Wir können den Menschen hier kein Geld geben, weil die Menschen hier keine Lebensgrundlage haben.« Das ist erst mal ein Kreisschluss - sie haben keine Lebensgrundlage, weil sie kein Geld haben, deswegen geben wir ihnen kein Geld. Sind Sie mit Ihren Beratungen, Übersetzungen und Behördengängen dann nicht eine Feuerwehr für Brände, deren Löschung ganz woanders strukturell schon unmöglich gemacht wurde?

Mein Chef hat auch manchmal gesagt: Du bist nicht die Feuerwehr. Aber ich habe mich schon oft so gefühlt. Einfach, weil man ja Tag und Nacht angerufen wird. Und bei der Caritas ist es so geregelt, dass Menschen geholfen wird, die in eine Notsituation geraten, sich aber grundsätzlich hier zurechtfinden. Also nicht Leuten, die gar keinen Boden unter den Füßen haben. Es gab zum Beispiel ein Paar, deren Kind in Rumänien geblieben ist. Beide kamen her, weil es buchstäblich für sie nichts mehr zu essen gibt. Die Frau wird schwanger und entschließt sich abzutreiben, obwohl sie das vom Glauben her nicht darf. Und es geht alles schief, sie muss ins Krankenhaus, blutet und sie hat keine Versicherung. In solchen Situationen weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Weil da kein Hilfsprogramm greift - außer in die eigene Tasche zu fassen und zu sagen, hier, nimm mal die zehn Euro. Das macht einen dann wirklich ratlos. Genau so ratlos wie die Familien. Die können einem nur die eigene Hilflosigkeit übergeben und dann liegt sie da vor einem auf dem Tisch.

Ihre Klienten erleben auf deutschen Ämtern zweifach Ablehnung: Das eine ist eine strukturelle, die sich in teilweise kafkaesker Bürokratie ausdrückt, das andere ist dann auch noch Ablehnung durch die Mitarbeiter selbst.

Ich habe aber auch wahnsinnig nette Jobcenter-Mitarbeiter erlebt, die sich aufregen über die ganzen Dinge, die den Roma widerfahren. Solche, die sagen, das geht gar nicht, wir müssten das ganze Unglück rückgängig machen. Und können es selbst nicht. Andere sitzen dort wie deutsche Matronen und spielen sich als »Kulturvertreter« auf und sagen: »Guckt mal, die syrischen Flüchtlinge, die können alle innerhalb von zwei Wochen Deutsch und Sie gebären hier ein Kind nach dem anderen« - die geben wirklich solche furchtbaren Texten von sich. Einfach, weil sie ihre Macht ein bisschen auskosten, die sie da mit ihren Zetteln haben.

Sie sind dann sehr schnell zur Expertin im deutschen Bürokratiewust geworden. Sie beschreiben, dass so ein grundlegendes Misstrauen bei den Menschen selbst da ist, und zwar nicht nur gegenüber den Behörden, von denen sie offensichtlich nichts oder kaum etwas Gutes erwarten, sondern auch gegenüber Ihnen. Woraus speist sich das?

Viele Roma haben ihr Bild und da ist ja oft was dran: Einem Rom will niemand etwas Gutes. Und man kann jetzt natürlich hingehen zu der Eva und die liest das dann und hilft einem, bestimmte Formulare auszufüllen - aber trotzdem würde man ihr nicht das ganze Leben erzählen oder sagen, wie man sich an der Legalität vorbei im Alltag bewegt. Klar, je besser man jemanden kennt, desto geringer ist dieses Misstrauen. Aber da ist so ein Grundgefühl, so eine ganz seltsame Schwelle, die ich gar nicht so richtig benennen kann. So eine Grundannahme: Das sind andere Menschen, mit denen wird irgendetwas anders sein, also können wir nicht im selben Boot sitzen.

Oder in einem gemeinsamen Haus leben. Es gibt noch ein anderes Wort mit einer mittlerweile negativen Konnotation - das Roma-Haus. Da gibt es dann Nachbarschaftsinitiativen gegen die Roma als Nachbarn. Was hilft dagegen, Kommunikation?

Wenn die deutschen Nachbarn die rumänischen Nachbarn mal sprechen hören und mitbekommen, dass das nicht dubiose Verbrecher sind, dann beruhigt sich das. Da helfen auch Initiativen und Vereine wie Amaroforo sehr. Aber natürlich gibt es da große Probleme, vor allem durch Überbelegungen. Die problematischen Situationen entstehen beispielsweise, wenn Wohnungen untervermietet werden an 20 Leute, die in Deutschland arbeiten, nur ihre polizeiliche Adresse dort haben und selber dann auf der Straße vor dem Haus leben müssen. Das ist eigentlich gar kein Mieterproblem, sondern ein Obdachlosenproblem. Zumindest nichts, was man wegmoderieren könnte: Wohnungsnot kann man nicht wegmoderieren.

Sie sagen, da gibt es auch ein Verwahrlosungsproblem. Ich habe das durchaus so gelesen, dass es ein Verwahrlosungsproblem auch bei den Vermietern gibt.

Ja, natürlich. Es gibt eine »soziale Verwahrlosung der Vermieter«. Kurz, es sind asoziale Menschen, die davon profitieren, dass es Armut gibt. Und das können sie verwahrlost nennen, auf jeden Fall. Es sind ja exorbitante Profite, um die es da geht, wenn Menschen teilweise 500 Euro für einen Schlafplatz in einer Kammer zahlen müssen. Und dann noch nicht mal die Sicherheit haben, dass sie da überhaupt an den Richtigen zahlen.

Wie lange wollen Sie weitermachen? An einer Stelle klingen Sie ziemlich resigniert, wenn Sie eine Kollegin zitieren: »Wir sollen nicht sagen, dass wir schlecht ausgebildet sind, wir sollen die Perlen von Neukölln sein, die das Roma-Problem lösen. Aber die Wahrheit ist, dass wir nicht wissen, was wir tun sollen und dass wir vor Hilflosigkeit anfangen, wütend zu werden. Wir rennen jeden Tag mit ein paar Romafrauen oder -männern im Schlepptau gegen den Beton irgendwelcher Stellen, die im Recht sind. Der Beton bewegt sich nicht, nur in unserem Kopf bleibt jeden Abend ein Erdbeben, das uns weh tut.« Bewegt sich wirklich gar nichts?

Es bewegt sich tatsächlich nichts - aber das ist kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Aus einem ganz einfachen Grund: Die Menschen, die herkommen, haben auch eine eigene Kraft. Und mittels dieser Kraft bewegen sie etwas. Viele haben sich jetzt irgendwie zurecht genestelt, haben ihre Arbeit, und wenn es nur Minijobs für wenige Stunden in der Woche sind. Das kann ich nicht organisieren, das wird auch der deutsche Staat nicht organisieren - das organisieren sie selber. Und diese Menschen dabei weiter zu unterstützen, darum geht es.

Die Menschen hier leben teilweise unter extrem schlechten Bedingungen. Und trotzdem sagen sie, das ist hier meine Heimat. Wie kommt es, dass sie sagen, es ist gut hier?

Sobald sie nicht mehr nur von einem Tag auf den nächsten leben müssen, sondern kleine Anker haben - das ist eigentlich erst einmal alles. Natürlich, mehr ist immer toll. Aber dann wird es langsam Heimat: Da, wo ich leben kann, ist Heimat.

Am Ende wollen diese Menschen überhaupt nicht viel, sie wollen ihr Leben auch gerne selber in die Hand nehmen. Aber scheitern dann oft an der Sprache, an kafkaesker Bürokratie und Unwillen. In Ihrem Buch gibt es keine Konklusion, kein Fazit.

Nee. Stimmt.

Man könnte auch sagen, es bricht plötzlich ab.

Es ist ein Bruchstück, genau. Ja, es gibt auch kein Fazit. Ich wollte auch keines ziehen, weil das einfach alles nicht abgeschlossen ist. Ich habe jetzt ein Jahr Babypause gemacht. Als ich wiederkam, habe ich meine Kollegin gefragt, hat sich jetzt irgendwas geändert? Und sie sagte: Nein. Aber auch vom Schreiben her: Es ist immer noch irgendetwas da, was noch nicht gesagt ist, es ist auch meine eigene Unruhe, die das Buch so abrupt enden lässt.

»Weil unter all den normalen Alltäglichkeiten immer auch ein Flattern ist: das Elend, das von der Hand-in-den-Mund-Leben, das schnell hinter Höflichkeit, Gesundheit und Fröhlichkeit verschwindet, wie ein kleines böses Tier.« Dieses Flattern, diese Unruhe?

Genau, das Unfertige und das, was noch nach etwas verlangt. Es fehlt noch etwas. Es ist immer eine Spannung da.

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