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Zerstörung durch Wachstum

Ökologische Schäden sind auch bei einer »grünen« Industrieproduktion nicht zu vermeiden, meint Niko Paech

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»Grünes« Wachstum verspricht eine Harmonie zwischen ökonomischer Expansion und ökologischer Stabilität. Als Kronzeuge für die Machbarkeit eines ökologisch unschädlichen Wirtschaftswachstums fungiert die deutsche »Energiewende«. Als weitere Green-Growth-Prinzipien gelten Steigerungen der Ressourceneffizienz und die Kreislaufwirtschaft. Dieses Genuss-ohne-Reue-Versprechen ist nicht einzuhalten.

Steigerungen des Bruttoinlandsproduktes (BIP) setzen zusätzliche Produktionsmengen und damit korrespondierende Geldflüsse voraus. Folglich müsste die materielle Entstehungsseite und die finanzielle Verwendungsseite des zusätzlichen Einkommens ökologisch neutralisiert werden. Das hätte auch dem Parteichef der Grünen, Cem Özdemir, klar sein müssen, als er die ökologische Erneuerung im vergangenen Monat als »die Zukunftsfrage schlechthin« ausmachte. »Der alte Gegensatz zwischen Ökologie und Ökonomie kann aufgehoben werden«, meint der Politiker. Dieser Einschätzung muss widersprochen werden.

Zur Entstehungsseite: Welche Güter könnten in wachsenden Mengen als geldwerte Leistungen von mindestens einem Anbieter zu einem Nachfrager übertragen werden, so dass deren Herstellung, physischer Transfer, Nutzung und Entsorgung aller Flächen-, Materie- und Energieverbräuche enthoben sind? Keine der bisher ersonnenen Green-Growth-Lösungen - ganz gleich ob Passivhaus, Elektromobil oder Windanlage - erfüllt diese Voraussetzung, sondern erweisen sich bestenfalls als vergleichsweise weniger schädlich. Könnten diese relativ harmloseren Produkte und Technologien den bisherigen Output nicht einfach ersetzen, so dass unter dem Strich eine Umweltentlastung herauskommt? Hierzu reicht es nicht aus, Outputströme zu ersetzen, solange dies mit zusätzlichen materiellen Bestandsgrößen und Flächenverbräuchen (wie bei Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien) erkauft wird. Somit müssten die bisherigen Kapazitäten und Infrastrukturen beseitigt werden. Aber wie könnte die Materie ganzer Industrien und Gebäudekomplexe ökologisch neutral verschwinden?

Und selbst wenn dies jemals gelänge: Wie kann das BIP dauerhaft wachsen, wenn jedem »grünen« Wertschöpfungsgewinn ein Verlust infolge des Rückbaus alter Strukturen entgegenstünde? So gesehen entpuppen sich die momentan be­staunten Wertschöpfungsbeiträge der erneuerbaren Energien als Strohfeuereffekt. Denn nachdem der Aufbau neuer Kapazitäten abgeschlossen ist, reduziert sich der Wertschöpfungsbeitrag auf den reinen Energiefluss, der vergleichsweise wenig Wertschöpfungsbeiträge generiert und nicht beliebig gesteigert werden kann - es sei denn, die Produktion wird ohne Begrenzung ausgedehnt. Aber dann würden die schon jetzt unerträglichen Landschaftszerstörungen zunehmen. Daran zeigt sich, dass »grüne« Technologien keine ökologischen Probleme lösen, sondern nur in eine andere physische, räumliche, zeitliche oder systemische Dimension verlagern.

Zur Verwendungsseite: Ein ebenso unlösbares Problem besteht darin, dass die durch grünes Wachstum entstehenden Einkommenszuwächse ebenfalls ökologisch neutralisiert werden müssten. Aber wie sollen die Bezieher des zusätzlichen Einkommens in der Windindustrie oder Biobranche davon abgehalten werden, dieses für Flugreisen, Smartphones und Einfamilienhäuser auszugeben?

Derartige »Rebound-Effekte« ließen sich nur vermeiden, wenn die Einkommenszuwächse abgeschöpft würden - aber wozu dann überhaupt Wachstum: Was könnte absurder sein, als Wachstum zu erzeugen, um die damit intendierte Wirkung, nämlich Einkommenssteigerungen, im selben Moment zu neutralisieren? Die Behauptung, durch Investitionen in grüne Technologien könne Wirtschaftswachstum mit einer absoluten Senkung von Umweltbelastungen einhergehen, ist also nicht nur falsch, sondern kehrt sich ins genaue Gegenteil um.

Obendrein beschwört die Strategie des »grünen« Wachstums ein moralisches Problem herauf: Das Schicksal der Menschheit würde von einem technischen Fortschritt abhängig, der noch nicht eingetreten ist und dessen zukünftiges Eintreten ungewiss ist - ganz zu schweigen davon, dass er womöglich mehr zusätzliche Probleme erzeugt, als er zu lösen imstande ist. Ist ein solches Roulette, das nicht aus Not, sondern allein um der Mehrung eines schon jetzt überbordenden Wohlstandes Willen erfolgt, verantwortbar?

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