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Auf der Oma-Runde durch Hönow

Unterwegs in der Linie 941 mit dem Busfahrer Sascha Lietzke

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 6 Min.
Die Einwohnerzahl der heutigen Gemeinde Hoppegarten erhöhte sich seit 1990 von 3989 auf 17 996. Daraus ergeben sich ganz neue Anforderungen an den Nahverkehr.

Wenn die Rennpferde in die Zielgerade einbiegen, kommt Bewegung in die Zuschauer. Auf den Rängen springen sie auf, schwingen Hüte, feuern ihre Favoriten an. Auf den Picknickdecken auf dem Rasen sitzt auch niemand mehr. Alle sind aufgestanden, um besser sehen zu können. Väter haben ihre Kinder auf die Schulter genommen. Knirpse kreischen, bis die Gesichter rot anlaufen. Der Stadionsprecher kommentiert das Rennen immer schneller und lauter. Dann der Zieleinlauf, »Ah« und »Ach«. Die einen jubeln, andere zerknüllen ihre Wettscheine. Das ist die traditionsreiche Galopprennbahn Hoppegarten, besucht längst auch wieder vom feinen Pinkel und zugleich immer noch vom unrasierten alten Mann mit schäbiger Joppe. Für das Spektakel auf der Rennbahn ist Hoppegarten berühmt. Die Gemeinde wirbt neben ihrem Wappen mit dem Slogan: »Hoppegarten ... gut im Rennen.«

Abseits davon ist Hoppegarten in weiten Teilen eine ruhige Wohngegend für zahlreiche Berlinpendler. Am stärksten gewachsen ist der direkt an der Berliner Stadtgrenze gelegene Ortsteil Hönow. Dort dreht Busfahrer Sascha Lietzke seine Runden mit der Linie 941. An den ersten Haltestellen hat heute niemand auf ihn gewartet. Aber in der Nähe des Seniorenpflegestifts steigen zwei alte Damen und drei alte Herren ein. »Rushhour«, bemerkt Busfahrer Lietzke schmunzelnd und freut sich. Der 48-Jährige liebt seinen Beruf. Es gefällt ihm nicht, leer durch die Gegend zu fahren. Freitagmittags kommt es aber manchmal vor, dass er auf einer Tour keinen einzigen Fahrgast mitnehmen kann.

Die Linie 941 macht abwechselnd eine Runde durchs Gewerbegebiet und eine Runde durch Wohnviertel, am Seniorenstift vorbei - die sogenannte Oma-Runde. Start und Ziel ist jeweils der Berliner U-Bahnhof Hönow, wo fast alle ein- und aussteigen. Früh, wenn Kinder und Jugendliche zur Schule müssen und die Eltern zur Arbeit, dann stehen die Leute »bis in die Frontscheibe des Busses hinein«, berichtet Lietzke. Nach Unterrichtsschluss und zum Feierabend ist es dann wieder so. Aber in der Zeit dazwischen sind nur die Rentner unterwegs. Sie fahren zum Einkaufen, zum Arzt - oder zum Friseur, wie eine der alten Damen heute. Zwei weitere Rentner steigen bis zum Bahnhof noch zu. Bei der anschließenden Runde durchs Gewerbegebiet nehmen insgesamt nur zwei Fahrgäste den Bus 941. Wieder sind es Senioren. Sie sind darauf angewiesen, von Lietzke und seinen Kollegen vom Busverkehr MOL befördert zu werden. Von vielen Berlinern, die rausgezogen sind ins Umland, hat Lietzke schon Beschwerden gehört, dass der Bus nur fünfmal am Tag bei ihnen vorbeikomme und nicht alle zehn Minuten, wie sie es aus der Hauptstadt gewohnt sind.

Würden denn bei einem dichteren Takt mehr Menschen Bus fahren? Bürgermeister Uwe Klett (LINKE) ist überzeugt davon. Er lenkt die Geschicke von Fredersdorf-Vogelsdorf, einer Nachbargemeinde von Hoppegarten. Am S-Bahnhof Fredersdorf kommen die Züge aus Berlin alle 20 Minuten an. Doch die Busse 948 und 949 verkehren nur stündlich. Mindestens halbstündlich müssten sie abfahren, damit das Umsteigen attraktiv wird, findet der Bürgermeister. Aber: »Die Landkreise können nicht mehr finanzieren, das ist mir schon klar.« Denn die Kreisverwaltungen müssen in den dünn besiedelten ländlichen Regionen die Schulbusse absichern. Sie bekommen laut Klett insgesamt zu wenig Geld für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). So bleibe ihnen keine andere Wahl. Deshalb fordert Klett, die Organisation des ÖPNV im Berliner Tarifbereich C aus der Verantwortung der Kreise herauszulösen.

Busfahrer Lietzke ist skeptisch. Er fährt auch auf den Linien 948 und 949 und glaubt nicht, dass dort die Fahrgastzahl signifikant steigen würde, wenn der Takt verdichtet wird - zumindest nicht außerhalb der Stoßzeiten des Berufsverkehrs. Denn da seien die Leute in Berlin, die Straßen im Umland wie leer gefegt. Es gibt zwar Gewerbe im Speckgürtel der Bundeshauptstadt. Vor allem sind die Städte und Gemeinden jedoch als Wohnorte gewachsen.

In Hönow stehen die Reihenhäuser dicht an dicht und auch viele mehrgeschossige Mietshäuser sind dort nach der Wende errichtet worden. Bürgermeister Klett, dessen Gemeinde Fredersdorf-Vogelsdorf von klassischen Eigenheimsiedlungen dominiert wird, hat die von dem Wohnungsbauunternehmen Semmelhaack in Hönow errichteten Viertel einmal scherzhaft die Fortsetzung des Berliner Plattenbaugebiets Marzahn mit anderen Mitteln genannt. Die Einwohnerzahl von Hönow erhöhte sich seit 1990 von 1409 auf 9467. Hoppegartens Bürgermeister Karsten Knobbe (LINKE) beklagt, dass Busse von Hönow nach Dahlwitz-Hoppegarten abends und am Wochenende überhaupt nicht fahren.

Knobbe ist ein rausgezogener Berliner. Busfahrer Lietzke hat Berlin nur zwischenzeitlich verlassen. Ursprünglich lernte er Kellner, machte sich in der Gastronomie selbstständig. Doch sein Laden lief zuletzt nicht mehr und ging pleite. 16 000 Euro, die der Inhaber in Günther Jauchs Fernsehshow »Wer wird Millionär?« gewann, haben den Moment der Insolvenz letztlich nur hinausgezögert. Vor acht Jahren schulte Lietzke deshalb bei der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) auf Busfahrer um. Weil die BVG bei Abschluss seiner Ausbildung keine Stelle für ihn hatte, bewarb sich Lietzke beim Busverkehr MOL, zog dann auch raus nach Hoppegarten. Bei der Landtagswahl 2014 sollte Lietzke im hiesigen Wahlkreis kandidieren. Seine Genossin Renate Adolph (LINKE) hatte den Wahlkreis zweimal in Folge gewonnen. Sie hatte aber in der DDR inoffiziell für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet und dies verheimlicht. Unmittelbar vor einer drohenden Enthüllung gab sie im November 2009 ihr Mandat ab.

Busfahrer Lietzke als Konkurrent von Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD), das wäre eine schöne Geschichte gewesen. Lietzke war von der Linkspartei bereits nominiert, machte aber einen Rückzieher - aus persönlichen Gründen, wie damals verlautete, und weil der Wahlkampf für den Schichtarbeiter nicht so möglich gewesen wäre wie ursprünglich geglaubt. Hinter den persönlichen Gründen stand die Liebe. Lietzke zog mit seiner Partnerin in Berlin zusammen.

Im Nachhinein ist er froh, Busfahrer geblieben zu sein. Da verdient er mit rund 1700 Euro brutto im Monat zwar erheblich weniger als ein Landtagsabgeordneter. Aber wahrscheinlich hätte auch er den Wahlkreis 2014 nicht gewinnen können. Denn die LINKE stürzte brandenburgweit von 27,2 auf 18,6 Prozent ab und holte nur noch vier von 44 Wahlkreisen. 2009 hatte die Partei noch 21 Direktmandate bekommen. Im Bus geht es freundlicher zu als im Parlament, wo hitzige Wortgefechte bei den Landtagssitzungen an der Tagesordnung sind. Fahrgäste und Fahrer wünschen in Hönow guten Tag und schönes Wochenende. Hier ist es selten, dass einmal jemand nicht grüßt, und manche Oma erzählt dem Busfahrer ihre Lebensgeschichte.

An der Endstation U-Bahnhof Hönow winkt Lietzke der Verkäuferin in der Bäckerei zu. 17 Minuten Pause hat er jetzt, dann beginnt die nächste Runde ins Gewerbegebiet. Eine alte Dame möchte zum Seniorenstift. Sie will nicht in der Sonne schmoren, bis wieder die Oma-Runde dran ist. Darum setzt sie sich jetzt schon in den Bus. »Ich komme einfach mit durchs Gewerbegebiet«, sagt sie. »Na klar«, erwidert Lietzke und lässt sie Platz nehmen, während er an der Tür schnell noch einmal Luft schnappt.

Nächste Woche: Woltersdorf

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