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Das Ende der Illusionen

Harper Lee: Ihrem Erfolgsroman »Wer die Nachtigall stört« ging, wie sich nun zeigt, ein politisch brisanteres Buch voraus

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 6 Min.
40 Millionen Mal verkaufte sich der Roman »Wer die Nachtigall stört...« von Harper Lee. Erst jetzt erschien das Vorgängerbuch: »Gehe hin, stelle einen Wächter« wurde in den 1950er Jahren vom Verlag zurückgewiesen, weil das Thema angesichts der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung »zu heiß« war.

Ein Klassiker der US-amerikanischen Literatur: 40 Millionen Mal verkaufte sich bisher der 1960 erschienene Roman »Wer die Nachtigall stört ...«, für den Harper Lee aus Monroeville, Alabama 1961 den Pulitzer-Preis bekam. In den USA kennt jedes Kind den Roman: »To kill a mockingbird« - so der Originaltitel - steht auf dem Lehrplan aller Schulen im Land. Mindestens ebenso populär wurde die mit drei Oscars prämierte Verfilmung mit Gregory Peck. 1962 gab Rowohlt bei Claire Malignon eine deutsche Übersetzung in Auftrag, die der Verlag jetzt in einer sehr schön und zeitgemäß von Nikolaus Stingl überarbeiteten Fassung noch einmal auf den Markt gebracht hat.

Man ist überrascht, wie modern sich die Geschichte heute noch liest. Umso mehr, als sie, erzählt von einer recht altklug daherkommenden Sechsjährigen, in den 1930er Jahren spielt.

Im fiktiven verschlafenen Südstaaten-Nest Maycomb lebt der verwitwete Anwalt Atticus Finch mit seinem zehnjährigen Sohn Jeremy (»Jem«) und der pfiffigen, selbstbewussten Tochter Jean-Louise, genannt Scout. Atticus, den die Kinder nicht »Dad« sondern beim Vornamen nennen, ist alles andere als ein typischer Mann seiner Zeit. Mit dem gleichen Respekt, mit dem er seine kreativen Sprösslinge behandelt, begegnet er der schwarzen Haushälterin Calpurnia, dem kauzigen Nachbarn Arthur »Boo« Radley und anderen, mehr oder weniger skurrilen Bewohnern der Kleinstadt. Gleichgültig ob sie schwarz oder weiß, verbittert oder verblödet, gut oder gemein sind. Ohne viel Aufhebens darum zu machen, will er in einem aufrichtigen Leben anderen ein Vorbild sein. Die diskriminierende Bezeichnung »Nigger« lehnt er ebenso ab, wie den Rückgriff auf Gewalt, um Konflikte zu lösen.

Vielleicht wird sich die Welt ein bisschen ändern, wenn Verständnis und Gerechtigkeit die Beziehungen der Menschen bestimmen, hofft er. Dass dies ein einsamer und durchaus gefährlicher Weg ist, wird der ganzen Familie bewusst, als Finch zum Pflichtverteidiger des wegen Vergewaltigung angeklagten Tom Robinson bestellt wird. Die Beweise für Robinsons Unschuld sind erdrückend, und doch sprechen die Geschworenen ihn schuldig. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Wenn ein Weißer gegen einen Schwarzen vor Gericht zieht, dann muss dieser bestraft werden.

Fast zeitgleich mit dieser neuen Fassung des Klassikers erschien dieser Tage auch der erste Roman der heute 89-jährigen Autorin - im englischen Original »Go set a watchman« - und mit dem Titel »Gehe hin, stelle einen Wächter« in deutscher Übersetzung. Die Aufregung auf den Buchmärkten der Welt war groß. Das Manuskript des Debüts der Autorin galt als verschollen und macht nun, als Zeitzeugnis von enormer Aktualität, aus der weltbekannten »Nachtigall« einen Fortsetzungsroman mit einer ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte.

Mitte der 1950er Jahre schreibt die unbekannte aber begabte Newcomerin der Literaturszene Harper Lee einen Roman über eine junge Frau namens Jean Louise Finch, die aus New York in das heimatliche Alabama zurückkehrt, um ihren alten Vater, den Anwalt Atticus Finch zu besuchen. Entsetzt realisiert sie, dass der Held ihrer Kindheit kaum anders ist, als die mit Vorurteilen behaftete Welt, in der er lebt. Konfrontiert mit krudem Rassismus, schwankt sie zwischen Flucht und Rebellion, und wird dabei zur Stimme einer neuen Zeit.

Die Geschichte ist spannend geschrieben, doch der Verlag lehnt das Manuskript als zu aktuell ab. Wenige Monate nach dem Montgomery Bus Boykott und der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung ist das Thema Rassismus in den USA offenbar zu heiß. Stattdessen schlägt man Lee vor, die Geschichte in die 1930er Jahre zurückzuversetzen und das Leben auf dem Land aus der Perspektive eines kleinen Mädchens zu erzählen: Aus der selbstbewussten Jean Louise wird die freche »Scout«, und »Wer die Nachtigall stört ...« wird zum Hit. Es bleibt der einzige Roman der begabten Erzählerin - bis 2011 oder 2014, darüber gibt es unterschiedliche Angaben, das eigentliche Erstlingswerk auftaucht. Es macht kaum weniger Furore als der aus politischen Gründen entstandene Ersatz. Zu Recht. »Gehe hin, stelle einen Wächter« ist eine großartig geschriebene schonungslose Abrechnung mit dem brutalen und verknöcherten Rassismus des amerikanischen Südens und einer Gesellschaft, in der Männer Frauen zur Not durch Schläge »zur Einsicht bringen«.

Während »Wer die Nachtigall stört ...« noch Hoffnung auf ein Land erlaubte, in dem die Gutmenschen - im besten Sinn des Wortes - eines Tages die Mehrheit sein könnten, und Harmonie und Respekt herrschen, wenn die Gesellschaft es nur will, gibt es in der Fortsetzung der Geschichte der Familie Finch lange Passagen der Verbitterung und Verzweiflung.

Der Titel »Gehe hin, stelle einen Wächter« verweist auf die Bibel (Jesaja 21:6), und ganz subtil auch auf die Bigotterie der weißen Mittelschicht, die durch die umfassende Gleichstellung der afroamerikanischen Bevölkerung der USA ihre Privilegien und ihre soziale Stellung bedroht sieht. Wer politisch Karriere machen will, muss - jedenfalls in den Südstaaten - dem Ku Klux Klan angehören oder darf sich zumindest nicht gegen ihn stellen.

Scout, mittlerweile 26 und in New York lebend, kann und will sich dieser Heuchelei nicht beugen. Lieber bricht sie mit dem jahrelang verehrten Vater, dem »gerechten« Atticus, und ihrem Verlobten Hank. Jedenfalls fast. Am Ende gelingt es »Onkel Jack«, Atticus’ Bruder und lange der konsequenteste Individualist der Story, mit brachialer Gewalt die Wut der aufmüpfigen Tochter »zu dämmen«: Eine Ohrfeige und eine Standpauke lassen Jean Louise einknicken, und die Leserin hofft inständig, dass dies nicht für immer sei. Denn der Mainstream, in Person von Atticus, argumentiert geradezu perfide »umsichtig«: Es ginge nicht darum, den »Negern« keine Rechte zu gewähren. Vielmehr müsse man sie vor sich schützen, denn sie seien dumm, naiv und arm.

Ohne die weiße Bremse würden sie zum Spielball schwarzer Politaktivisten, »und eines Tages überrollen sie uns alle«.

Jean Louise alias Scout ahnt, dass es dauern wird, bis sich der ländlich-erzkonservative Süden der im Norden schon zur Normalität gewordenen Koexistenz öffnen kann. Und auch im Norden sind die Beziehungen zwischen weißen und Afroamerikanern im Grunde nur ein duldendes Nebeneinander.

Die jüngsten rassistischen Ereignisse in den USA zeigen - und auch das nur als Spitze des Eisbergs - dass Amerika immer noch auf seinem langen Marsch in die Gleichberechtigung ist. Ein afroamerikanischer Präsident ist bestenfalls ein Anfang. Kaum zu glauben, dass seit Harper Lees Romanen schon fast sechzig Jahre vergangen sind.

Warum »Gehe hin, stelle einen Wächter« gerade zum jetzigen Zeitpunkt erscheint, kann oder will Harper Lee nicht mehr selbst beantworten. Doch es ist ein weiteres Meisterwerk aus ihrer Feder und das vermutlich beste Follow-up zu einem Debüt, das eine junge Autorin je geschrieben hat. Nicht zuletzt, weil die Komplexität der Menschen in beiden Varianten - der Jugendgeschichte und dem Coming-of-Age-Roman - in all ihren Schattierungen exzellent vermittelt wird. Man würde sich, wider alle Vernunft, wünschen, von dieser klugen Erzählerin mehr Bücher zu lesen. Wenn sich nicht noch ein verschollenes Manuskript findet, wird das aber wohl ein Traum bleiben.

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört ... Roman. Aus dem Englischen von Claire Malignon, überarbeitet von Nikolaus Stingl. Rowohlt. 464 S., geb., 19,95 €. Gehe hin, stelle einen Wächter. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. DVA. 320 S., geb., 19,99 €. Hörbuch, gelesen von Nina Hoss. Der Hörverlag. 1 Mp3-CD, Laufzeit 7 h 30 min, 19,99 €.

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