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Marathon der Masochisten

Der hässliche Deutsche

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Glück, dass es Bastian Schweinsteiger gibt! Den Neuzugang bei Manchester United. Wenigstens einer momentan, der im Ausland nicht als böser Deutscher empfangen wird. Ansonsten scheint Europa derzeit nur noch vom germanischen Ungeist zu reden - glaubt man jedenfalls jenen, die in der Berichterstattung über Griechenland und einer diesbezüglichen Leumundproduktion geradezu wonniglich aufgehen in antideutscher Fingerzeige.

Zu Teilen ist die hochkonjunkturelle Behauptung eines (angeblich!) wachsenden Ressentiments gegen die Deutschen auch Fortsetzung einer hausgemachten Tradition, deren Pflege sich in Abständen ihre Einstiegsdroge sucht. Es ist dies die Tradition des Selbsthasses, also dieser tiefe deutsche Wunsch, anders zu sein - und da man nicht anders sein kann, möchte man wenigstens gegeißelt werden. Sich selber geißeln. Vom Urinstinkt bis zum Urlaub reicht jener vorherrschende Trieb: das Schöne, Gute, Wahre ausdauernd dort zu vermuten, wo man gerade nicht ist. Dazu gehört, dass jeder Deutsche gern denkt, alle anderen Deutschen seien sehr engherzige, spießige, geradezu soldatisch gestimmte Typen, seien Präfaschisten oder Dumpfhirne. Volk: ein Schimpfwort.

Es gibt für jedes deutsche Ding den passenden Klageton; wir liefern jedem, der es hören oder nicht hören will, alles aus. Vermeintlich überall im Lande nur Größenwahn, uncharmante Anmaßung, schweißtreibende Arbeit, hässliche Gier. Vom deutschen Fasching bis zur Demokratie - wir sind Masochisten der Selbstanklage. Man gewinnt mitunter den Eindruck, nicht das offene Herz, sondern hauptsächlich der nationale Selbsthass sei es, der uns zu multikulturellen Predigern und Strebern macht. Das Furchtbare daran ist bloß, dass man uns das überall ansieht.

Natürlich kann man vieles an diesem Umstand historisch begründen. Feuilletonist Florian Illies: »Unser Schuldbewusstsein ist so groß ... niemals wieder soll uns vorgeworfen werden, wir schauten weg und hätten unsere Lektion nicht gelernt.« Aber vielleicht wollen wir uns unserer Eigenart freuen, aber zugleich nicht mit ihr auffallen müssen - so wächst Verkrampfung, und man stellt sich verknittert, wünschend unglücklich, am liebsten gleich außerhalb der gesamten Mehrheit. Doch wo jemand sein Unglücklichsein an Deutschland koppelt, gibt es im Hintergrund bestimmt noch ein anderes Lebensunglück, das mit Deutschland wenig zu tun hat.

Möglich auch, dass es uns zur Folter wurde, vor Mitte schier überzuquellen: geographisch, klimatisch, politisch. Wir sind unfähig, solch bekömmliche Mittellage mit Wohlbefinden auszufüllen. Wir sind daher dauernd damit befasst, andere Völker zu beneiden; alles, was uns fremd ist, interpretieren wir, nur weil es andere praktizieren, als eine tolle Lebensart. Der Philosoph André Glucksmann: »Wir Franzosen haben uns an das gewöhnt, was sehnsüchtig verklärende Ausländer seit Ewigkeiten als ein Wunschbild von uns malen. Mit der Realität hat dieses Frankreich-Bild nichts zu tun. Aber wer will schon die Realität, wenn es ans Träumen geht?« Kann man's deutschlicher sagen?

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