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Das Unausweichliche

Sibylle Knauss betritt eine Dunkelzone und rettet das »Liebesgedächtnis«

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

Eine risikofreudige Autorin - so ruft es als Lob vom Buchumschlag. Vielleicht ist Sibylle Knauss ja wirklich Mut zu bescheinigen angesichts ihres Themas. Ihre Ich-Erzählerin - Beate, Schriftstellerin und Ende sechzig - offenbart bis ins Detail, wie sie sich noch einmal verliebte und gleichzeitig bemerkte, dass sie ihr Gedächtnis verlor.

Kunstgriff der Autorin (oder des Lebens): Ersteres fängt letzteres auf - jedenfalls für gewisse Zeit. Über diese Zeitlichkeit indes wird man beim Lesen ohne Illusion gelassen. Was man sowieso weiß, man verdrängt es doch gern, und es scheint, als ob Literatur - auch - dafür da sei, einem dabei zu helfen. Trickreich einem das wirklich Schwere von der Brust zu nehmen durch allerlei Ablenkung durchaus nicht nur heiterer Art. Auch wenn fremde Tragödien bis zum Himmel schreien, mag man sich mitfühlend selbst doch in Sicherheit wähnen. Selbst ein Mord im Roman ereignet sich im deutlichen Unterschied zum eigenen Sterben.

Das Unausweichliche: Die Ich-Erzählerin im Roman kann es nicht mehr verleugnen, zumal sie erleben muss, wie ihr Mann nach einem Schlaganfall halbseitig lahmgelegt wird und bald rundum Pflege braucht. Dieser Klaus tut einem zuweilen ein bisschen leid, weil sein Leid so wenig gilt in Beates Bewusstsein, aber daran ist er wohl auch selber schuld gewesen. Einer, der in der Öffentlichkeit etwas darstellte, privat aber weniger liebenswürdig war. Die Ehe steckte schon lange in Konflikten und bringt Beate natürlich auch in Konflikt, wenn sie der polnischen Pflegerin die Fürsorge überlässt, während sie zu dem Anderen, dem geliebten Mann, ins Krankenhaus eilt. Der ist älter als sie und wird noch vor ihr sterben. Bis dahin aber wird er sie, gebrechlich wie er ist, noch täglich im Pflegeheim besuchen und ihr, die im Rollstuhl sitzt, die Hand küssen. Dabei kann er nicht einmal sicher sein, ob sie ihn erkennt.

Es ist die Geschichte einer Liebe, die nach Beates und der Autorin Willen noch einmal in romantischem Licht erstrahlen soll, so dass wir sie nicht vergessen. Für Beate wird das Notebook zum »Liebesgedächtnis«. Als es nach ihrem Tod mit den anderen Sachen »entsorgt« wird, bleibt immer noch ein USB-Stick als Vermächtnis für die Enkelin Emma. Und es beginnt eine neue Geschichte, die ebenfalls romantisch zu werden verspricht …

Aber so schön es ist, wir würden es als trivial empfinden, gäbe es nicht diesen dunklen Hintergrund. Wie fühlt es sich an, wenn die Dinge außer Kontrolle geraten, wenn man sicher war, Bier gekauft zu haben, statt dessen brachte man das elfte Joghurtglas und die sechste Packung Räucherlachs nach Hause. »Du musst es aufschreiben, sagst du, und dann durchstreichen, wenn du es besorgt hast.« Aber: »Meine Gedanken fühlen sich genauso wie früher an. Genauso widerspruchsfrei, wie sie mir immer vorkamen. Da ist nur etwas dabei - Was?, fragst du. Angst. Da ist immer Angst dabei. Dass vielleicht alles anders als in meinen Gedanken ist.«

Warum ihre Altersgruppe in Frauenzeitschriften überhaupt nicht berücksichtigt ist, überlegt die Ich-Erzählerin. Vielleicht weil die Redakteure mit Anfang sechzig in Rente gehen? »Die vitalen glücklichen Paare auf der Titelseite der Apothekerzeitschrift sind doch höchstens Mitte fünfzig. Und zehn Jahre später? Und zwanzig Jahre? Und dreißig? Haben die da etwa nicht vor, dann immer noch und immer weiter zu leben? Und werden sie dann nicht mehr lieben, wenn ihre Körper nicht mehr zu lieben imstande sind?«

Sibylle Knauss hat recht: Es gibt in der Öffentlichkeit eine Dunkelzone. Wer sich darin befindet, ist jenseits der Wahrnehmung, in einem für die Jüngeren fremden Terrain, das diese um Himmelswillen nicht betreten möchten, aber eines Tages wohl müssen. Für das Altern und Sterben schafft diese Gesellschaft zwar humanere Bedingungen als früher und anderswo, was ein Segen ist, aber es gelingt mehr durch Ausgrenzung als durch Integration. Geringschätzung. Das Wort kommt im Text nicht vor, aber man spürt, dass sich die Autorin, Jahrgang 1944, dagegen wehrt.

»Stilistisch auf die Pauke gehauen. Mit Recherchen gepunktet. Klug sein wollen. Gut gefunden werden. Gelobt. Gekauft.« So blickt Beate auf ihren Weg als Schriftstellerin zurück. »Vorbei. Jetzt möchte ich nur noch ein Buch schreiben können, das Menschen zu leben hilft. Beim Altwerden. Beim trotzdem und immer noch Lieben.«

Such dir beim Lesen selbst heraus, was im Roman zu dir passt. Und seien es nur zwei so banaler Sätze wie diese: »Man hat das Gefühl, man lebe, um in der Zukunft anzukommen. Aber man lebt, um in der Gegenwart anzukommen.«

Sibylle Knauss: Das Liebesgedächtnis. Roman. Klöpfer & Meyer. 190 S., geb., 20 €.

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