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Hoch die Meerwertsteuer!

Heute wird er 60: der singende Rebell, der wunderbare Poet Hans-Eckardt Wenzel

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Der Antrag läuft. Noch keine Chance für eine Befürwortung. Denn es geht um viel - um den unerreichbaren großen Frieden. Bei diesem »Antrag auf Verlängerung des Monats August«. So heißt der Lyrikband von Hans-Eckardt Wenzel von 1986. An einem 1. September begann der Zweite Weltkrieg. Ein Gleichnis-Datum für alle Katastrophen. Also bittet die Poesie: Aufschub! Lass es August bleiben, Geschichte! Zurückhaltung geht vor Entfesselung. Geschichte grinst, über den dummen August Mensch.

Gedichte, geschrieben vor beinahe dreißig Jahren. Und inzwischen? Die Realität zeigte dem verlängerungswürdigen August, immer wieder, wer Herr der Zeiten ist: April, April! »Dann stiegen die Meere, der Dollar, er fiel./ Gefloh’n war'n die Präsidenten./ Sie lebten versteckt im sich’ren Exil/ Lustig von unseren Renten.« Immer steigt irgend ein Meer, immer fällt irgend ein Dollar, immer flieht irgend ein Bonze, immer lebt jemand heiter von unserem Geld. Trotzdem: Der Antrag auf die Verlängerung des Monats August läuft weiter.

Es gibt eine Zeile des kubanischen Dichters Cesar Vallejo, die auch über dem Werk von Hans-Eckardt Wenzel stehen könnte: Plötzlich überfiel mich eine politische Lust zu lieben. Ja, die Liebe bei Wenzel ist eine politische, sie bietet Stirn, sie ist kein Herz- und Zungenschlag aus zweiter Hand, sie lebt in der Freihandelszone für bissige und barmherzige Ermutigungen. Die Gedichte und Lieder Wenzels sind ein Riss im Denken, ein Riss in Wänden, eine Reißschnur am Himmel, überhaupt: Reißkräfte, die das Leben spalten, zerpflücken, aber dies doch immer im Dienste neuer Fügungsphantasien. Alles Wünschenswerte bleibt, indem man es singt. Laut? Leise? Auch wenn Wenzel laut wird, bleibt er leise, er ist keiner, der viel Lärm macht um nichts, erst recht nicht um das, was ihm alles ist.

Und siehe da (also höre!): Das drückende Gewicht der Welt, gerät es in Lieder dieses Sängers, versucht sich im Tanz. Als sei der Tanz schon der Aufstand: gegen diesen elend modischen Rückzug der Seelen. Gegen diese versteinerte Teilnahmslosigkeit allüberall, gegen dies abwartende Beobachten - als sei Welt etwas, das nur noch im Rücken der Bildschirme liegt. In einer Zeit, sagt Wenzel, »da das Geld die Betäubung ist, um die Einsamkeit in der Geschichte nicht so schmerzhaft spüren zu müssen«. In einer Zeit, da wir uns »knirschend an das Unabänderliche gewöhnen, derweil die Fische aus dem Meer fliehen, auf dem die Flüchtlinge gefahren kommen. Ist Rimbaud unter ihnen mit seinem wirren Blick?« In einer Zeit, »da die Sieger vollzählig sind und keiner mehr gebraucht wird am Tisch.«

Hans-Eckardt Wenzel, 1955 in Kropstadt bei Wittenberg geboren. Schweriner FDJ-Poetenseminar und Singebewegung, Studium der Kulturwissenschaften. Als Sänger auch Dichter, als Dichter auch Denker. Intelligenz und Intuition: ein Paarbetrieb. Hegel trifft Franz Schubert. Oder Mühsam zecht mit Woody Guthrie. Wenzel war in der DDR Mitglied der Liedtheatergruppe »Karls Enkel« (Karl wie Marx, May, Valentin - keiner geringer als der jeweils andere), die mit »Hammer-Rehwü« und »Ohrfeigen sind schlimmer als Dolchstöße« zu Legenden des pfiffigen Widerspruchsgeistes wurde. Unterton- und Zwischentonrebellen gegen das Bellen der Tonangeber. Von 1978 bis 1999 bildete er mit Steffen Mensching das hintergründig-philosophischste Clowns-Duo der DDR (Neues, Altes, Letztes »aus der DaDaEr«). Allein seit 1994 erhielt er für seine Produktionen achtmal den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Aufreizend wahrhaftig die CD-Titel: »Stirb mit mir ein Stück«, »Schöner lügen«, » Glaubt nie, was ich singe«. Ein meisterlicher Abenteurer - auf Akkordeon, Klavier, Gitarre. Liederstoff zwischen deutscher Mitte und Nicaragua. Zwischen Kirschblüte und Akazien. Zwischen Stille und Dadadatenautobahn. Zwischen Zander-Essen in Paske und Schmuggerower Elegien. In einem Land zwischen alten Wutanfällen und immer neuen Waschmitteln. Zwischen den tapfer zusammengepressten Lippen der wenigen Freiheitsstreiter und dem maulfeilen Geplärre der freien Massen. »Musik ist das einzige Medium, das uns in unserer Einsamkeit vor der Unendlichkeit ein bisschen betäuben kann.«

Sein Motto: »Alles Laue, Halbe hass’ ich«. Ein Satz des österreichischen Dichters Theodor Kramer. Einer von Wenzels Gewährsmännern, von früh an. Ein Poet der Nacht- und Einsamkeitsgestalten, der Proletarier und Vagabunden. Wenzel las die Gedichte Kramers wie geblendet - eine tiefe Zuneigung, getrieben auch vom Zorn darüber, wie die Welt mit Randständigen umgeht. Zu solch einem Zorn, der Liebe ist, passt auch dies: Als junger DDR-Bürger trug Wenzel, mit effektvoller Geste, eine Goethe-Schiller-Plakette am Parka, rot durchgestrichen das Siegerlächeln der klassischen Heroen. »Nur im Begrenzen des Erhabenen sah ich eine Chance für Wahrheit, mit der man leben kann.«

Er ist in seinem Gemüt Seefahrer. »Matrosenblau« heißt sein Label, sein Verlag. Das blauweiß-quergestreifte Gemüt. Ich denke an Katajews »Es blinkt ein einsam Segel«, an Kronstadts Aufständische gegen einen Lenin, der alles andere als ein Unbefleckter war. »Abschied der Matrosen vom Kommunismus« hieß ein Programm, als Mensching und Wenzel das Duo »Meh & Weh« waren. Der Sänger als Fahrensmann, der für seine Lust auf weite Horizonte liebend gern die höchste Meerwertsteuer zahlt und der alle Ufer singend dazu bringen möchte, von anschwappenden Wogen zu träumen. Lebenskunst: sich matrosenblau saufen - mit einem Flaschengeist, der unsere Zurechnungsfähigkeit torpediert, unser Abrichtungstalent, unsere Schule des Lebens, in der inzwischen schon Kinder mit Brandsätzen sagen, was sie nur noch schreien können. »Die Stadt riecht schweißig und nach Äther./ Es kichert leis der Attentäter./Noch unentdeckt sind all die Toten./Das ist die Zeit der Irren und Idioten.«

Lieder als Beispiele für eine mitreißende Lebenshaltung: aus sich herausgehen, aus der Hornhaut fahren; all das weglassen, was mehr Erlerntes als Eigenes ist. Der Wenzel-Ton. Mühelos feierlich, wenn er Leben sagt. Absichtslos ernst, wenn er die Demokratie im Papierstau stecken sieht. Erwärmend sarkastisch, wenn er auf Deutschland zu spotten kommt. Wenzels Poesie ist Fülle der Welt im Notstand der Zeit, ist Kunst gegen das, wovor ihn schon sein Philosophielehrer Wolfgang Heise warnte: »Fetischisierung der Unmittelbarkeit«. Also: Auf alles Provinzielle mit tieferen, weltoffeneren, vor allem eigenen Bildern antworten - um der Wirklichkeit ihren unmittelbaren Auftritt zu versalzen. So kann, wenn du mit einem Vers darauf antwortest, noch das Schlimmste schön erscheinen. Gerade das Schlimmste. Siehe Kleist, siehe Jessenin, siehe Cobain, siehe Toller, siehe alle Dichter, die sich selbst töteten, über die Wenzel ein feuriges, kämpferisches, trauerndes Lied schrieb. Ein Lied über die Kühnheit absoluten Verzichts auf die unwürdige Welt. Das Wunderschöne ist ja nichts anderes als das Schlimme in ansehnlichem Zivil. Wenzels Lieder sind: Weckruf des Übermuts und zugleich Hilfe, ihn zu begrenzen. Hilfe, ohne dass du deine Hilfsbedürftigkeit zugeben musst - man möchte ja gerettet werden wie einer, der es nicht nötig hat. Kunst tut dir diesen Gefallen. In Wenzels Liedern sucht die geprügelte Sehnsucht einen Halt, um »im Enttäuschtsein nicht zu vereinzeln«. Eine wunderbare Formulierung. Eine Verneigung vor jener einmaligen Kraft der Kunst, die Ohnmacht bewohnbar zu halten.

Heute wird der großartig antipodische Dichter, der elementare Barde, der liebend freche Romantiker Hans-Eckardt Wenzel sechzig Jahre alt. In seiner Europa-Hymne heißt es: »Einst war Europa mal ein Stier,/ heut ist’s ein Gnom mit einem Rüssel,/ ein unersättlich wildes Tier/ in seinem stolzen Stall in Brüssel./ Es ist kein Land, es ist kein Traum,/ es ist, was uns zerbricht,/ so ein Europa braucht man kaum,/ so ein Europa will ich nicht.«

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