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Hinter Kretschmann gähnt ein Loch

Baden-Württembergs Grüne haben ein Personalproblem

  • Von Bettina Grachtrup, Stuttgart
  • Lesedauer: 3 Min.

Im politischen Stuttgart ist man zwar längst davon ausgegangen - ausgesprochen hat es so richtig aber niemand. Nun hat es Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) selbst das erste Mal deutlich formuliert. »Wenn ich die Wahl verliere, höre ich mit der Politik auf«, sagte der 67-Jährige dem Magazin »Der Spiegel«. Das scheint nachvollziehbar, denn als Gründungsmitglied seiner Partei und langjähriger Oppositionspolitiker hat er alles in seinem politischen Leben gehabt.

Rund sieben Monate vor der Landtagswahl im derzeit von Grün-Rot regierten Baden-Württemberg ist so eine öffentliche Ankündigung jedoch heikel. Für die Opposition ist sie eine willkommene Steilvorlage, um dem beliebten Ministerpräsidenten Amtsmüdigkeit zu unterstellen. Und sie erinnert an einen wunden Punkt der Grünen: die ungeklärte Nachfolge.

CDU-Herausforderer Guido Wolf (53) ließ aus seinem Urlaub mitteilen: »Es ist ungewöhnlich, dass ein Ministerpräsident vor der Wahl seine Amtsmüdigkeit so deutlich macht.« Drastischer formulierte es FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke (53): »Ich rechne nicht damit, dass er noch eine gesamte zweite Legislaturperiode durchhält, sollte er die Wahl gewinnen. Das deutet er vielleicht damit auch an.«

Im Jahr 2011 hatte Grün-Rot nach 58 CDU-Regierungsjahren überraschend die Macht in Baden-Württemberg übernommen. Kretschmann wurde der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland. Wer aber nach der Wahl 2016 im Ländle regiert, ist keineswegs ausgemacht: Die jüngsten Umfragen gehen von einem knappen Rennen zwischen Grün-Rot und Schwarz-Gelb aus. Mit seinen hohen Beliebtheitswerten ist Kretschmann das Zugpferd der Regierungskoalition in Stuttgart. Der Grüne hat bereits erklärt, für eine ganze Wahlperiode anzutreten - vorausgesetzt, er bleibe gesund.

Trotzdem bleibt die Frage: Wer kann nach Kretschmann kommen? Die Grünen scheuen sich, das Thema öffentlich zu diskutieren. Sie wollen nicht den Eindruck erwecken, Kretschmann regiere auf Abruf. Nicht völlig ausgeschlossen scheint aber die rheinland-pfälzische Variante: Da kündigte Regierungschef Kurt Beck (SPD) im Herbst 2012 - etwa eineinhalb Jahre nach seiner Wiederwahl - seinen Rücktritt an und ebnete so seiner damaligen Gesundheitsministerin Malu Dreyer (SPD) den Weg ins Regierungsamt: Durch die Frist hat sie die Chance, sich bis zur Landtagswahl im kommenden Jahr selbst als Ministerpräsidentin zu etablieren.

Bei den Südwest-Grünen gibt es keinen »geborenen« Nachfolger Kretschmanns. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer galt lange als Kronprinz. Aber der Kommunalpolitiker mit dem sperrigen Charakter hat es sich mit Teilen seiner Partei verscherzt. Freiburgs OB Dieter Salomon gilt manchen als geeignet, aber er soll kein Interesse mehr an der Landespolitik haben. Landtagsfraktionschefin Edith Sitzmann ist patent und fleißig, aber ihre öffentliche Strahlkraft ist sehr begrenzt.

Auch Agrarminister Alexander Bonde werden Ambitionen nachgesagt - ebenso wie Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, mit der Kretschmann bei seiner Reise ins US-amerikanische Silicon Valley im Frühjahr auffällig oft und eng zusammenhing. Doch vom Nimbus eines Winfried Kretschmann sind auch diese zwei noch weit entfernt. dpa/nd

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