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Wenn dem Spötter der Spott vergeht

Der Athener Kommissar Kostas Charitos ermittelt im vierten und düstersten Teil der Krisen-Trilogie von Petros Markaris

Eine Gruppe namens »Die Griechen der fünfziger Jahre« begeht eine Mordserie an korrupten »Blendern und Betrügern«. Da vergeht selbst dem spöttischen Ermittler das Lachen. Die Spur führt in die Vergangenheit.

Wer sind »Die Griechen der fünfziger Jahre«? Mit einer Reihe von Morden will diese bis dato unbekannte Gruppe das Land aufrütteln und fordert in ihren Bekennerschreiben: »Kehrt um und geht zurück auf Start!« Ihre Opfer sind »Blender und Betrüger«: ein Ex-Beamter, der sich eine goldene Nase mit Provisionen bei der Vermittlung von Genehmigungen durch korrupte Beamte verdiente, der Chef einer der sündhaft teuren privaten Nachhilfeschulen, an denen schon lange vor der Krise wegen des schlechten öffentlichen Bildungssystems kein Schüler vorbeikam, und ein Landwirt, der durch Subventionsbetrügereien zu erheblichem Reichtum gekommen war.

Die Mordserie bringt den Athener Kommissar Kostas Charitos in seinem neuesten Fall nicht nur zu Fahrten kreuz und quer durch die krisengeschüttelte Hauptstadt und bis auf den Peloponnes, sondern auch zu einer Reise in die Geschichte. Die 1950er Jahren waren die dunkle Zeit unmittelbar nach dem Bürgerkrieg, der Griechenland politisch spaltete. Der Riss ging oft quer durch einzelne Dörfer oder sogar durch einzelne Familien. Die besiegten Kämpfer der linken Volksfront wurden auf Gefängnisinseln inhaftiert, wenn sie nicht rechtzeitig ins Ausland flohen. Nur wer eine »Reueerklärung« unterzeichnete, konnte wieder einem halbwegs normalen Leben nachgehen. Die Anhänger der von Großbritannien und den USA unterstützten Konservativen und Monarchisten profitierten von ihrem Sieg - die Posten im Staatsdienst und im Unterdrückungsapparat waren für sie reserviert. Die meisten anderen Griechen waren arm und mussten extrem hart schuften, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Kommissar Charitos rätselt lange, was all dies mit den aktuellen Morden zu tun haben könnte. Erst die Mutter eines der Opfer, die nach dem Bürgerkrieg einen brutalen »Kommunistenfresser« heiratete, um der bitteren Armut ihrer linken Familie zu entfliehen, woraufhin sie von dieser verstoßen wurde, bringt die Ermittlungen auf den richtigen Weg, als sie sagt: »Was meinen Mann und meine Familie entzweit hat, war der Bürgerkrieg. Was unsere Kinder vereint hat, war die Korruption.« Diese Entwicklung, so die Botschaft der »Griechen der fünfziger Jahre«, hat das Land in eine Sackgasse geführt, aus der es einfach nicht mehr herausfindet.

Es sind solche bitterbösen Erkenntnisse, die selbst den ständigen Spötter Charitos in seinem mittlerweile neunten Fall verstummen lassen. Seit dem ersten Roman »Hellas Channel« von 1995 ermittelt er oft in eine Richtung, die seinen Vorgesetzten, karrieregeilen Kollegen oder auch mächtigen Politikern gegen den Strich geht. Ständig muss er auf Befindlichkeiten, Hierarchien und Widerstände Acht geben. Autor Petros Markaris macht die Aufklärung der Fälle so zu einer Art kafkaesken Durchlavierens. Dass der Kommissar trotz aller Absurditäten des griechischen Behördenalltags die Fälle aufklären kann, schafft er nur dank seines Langmuts und seines beißenden Spotts - meist spricht es der Ich-Erzähler nur in Gedanken aus, da Charitos sonst schnell seinen Job los wäre.

In »Zurück auf Start« dauert es aber fast den halben Roman, bis Charitos halbwegs zu alter Form aufläuft. Vielleicht schlägt die Krise mittlerweile so hart durch, dass Ironie einfach fehl am Platze ist. So hat der Kommissar zunächst mit einem familiären Schicksalsschlag zu kämpfen. Seine über alles verehrte Tochter Katerina - eine Rechtsanwältin, die afrikanische Migranten vertritt - wird vor dem Gerichtsgebäude am helllichten Tag von Schlägern der »Goldenen Morgenröte« angegriffen und schwer verletzt. Rasch stellt sich heraus, dass die Rassisten nicht nur auf stille Zustimmung in der Polizei stoßen, sondern dort auch aktive Unterstützung finden.

Auch Autor Petros Markaris ist offenbar von der Dauer der Krise überrascht worden. Deshalb hat er nun schon den vierten Teil seiner »Krisen-Trilogie« veröffentlicht, wie er schmunzelnd sagt. Zuvor ging es darin ihr auch schon um Machenschaften von Großbanken und die Steuerhinterziehung reicher Griechen.

Der 78-Jährige, der als Übersetzer von Goethe und Brecht sowie als Drehbuchautor von Regisseur Theo Angelopoulos seine literarische Karriere begann, war in Istanbul als Sohn einer Griechin und eines armenischen Kaufmannes aufgewachsen. Er studierte in Wien und Stuttgart, spricht neben Griechisch auch fließend Türkisch und Deutsch. Dies erleichtert es ihm wohl, auch eine Außenperspektive zu den Ereignissen in seinem aktuellen Heimatland einzunehmen, was Lesern im Ausland leicht Zugang zu den Romanen finden lässt. In Deutschland ist seine Fan-Gemeinde größer als in Hellas - was auch daran liegt, dass sich unter Griechen eher wenige Bücherwürmer finden.

Auch in seinem neuen Roman begegnen dem Leser die Auswirkungen der Krise ständig. Der einstige Dauerstau ist selbst aus dem Zentrum Athens verschwunden, denn viele haben ihr Auto abgemeldet, da sie sich die stark gestiegenen Spritpreise nicht mehr leisten können. Auch Kommissar Charitos, dessen Gehalt im Zuge der Troika-Politik stark gekürzt wurde, hat seinen klapprigen Seat eingemottet und fährt aus Kostengründen mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Streifenwagen. Darüber hinaus ist die kleine Wohnung, die er mit seiner Ehefrau Adriani bewohnt, zu einem »Hühnerhaus« geworden. Immer größer wird die Runde abends am Esstisch - zeitweilig nehmen sie, obwohl sie selbst kürzer treten müssen, die Eltern des Schwiegersohnes bei sich auf, die daran zu zerbrechen drohen, dass sie wegen Steuerschulden und eingebrochener Umsätze ihr Geschäft zumachen mussten, der auch noch durch einen Fast-Food-Laden ersetzt wurde.

Anhand der Familie Charitos zeigt Petros Markaris auf, wie die griechische Gesellschaft in der Krise wieder enger zusammenrückt. Gerade die gluckenhaft-liebenswürdige Adriani, die in der Kindheit im Dorf noch viel schlechtere Zeiten erlebt hat, entwickelt sich zu einer wahren Lebenskünstlerin. Dabei hilft ihr, dass sie zu jeder Lebenslage die passende Wald-und-Wiesen-Weisheit auf Lager hat, auch wenn sie dafür ständig belächelt wird. Doch das Wegstecken solcher Probleme ist längst nicht mehr selbstverständlich, denn vor allem Jüngere kennen das Land nur in gewissem Wohlstand. »Heutzutage sind die Arbeitsmigranten - Albaner, Georgier und Rumänen - gewiefter als die Griechen«, lässt Markaris seinen Kommissar philosophieren. »Unsere Landsleute sind es nicht mehr gewohnt, in einer Mangelwirtschaft zu überleben.«

Petros Markaris: »Zurück auf Start. Ein Fall für Kostas Charitos«, Diogenes-Verlag. 356 S., geb., 23,90 €.

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