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Open Air ist gut für Zecken

Das Sommertheater der ufaFabrik amüsiert mit »Kiezgeschichten«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Unterm Zeltdach der Freilichtbühne in der ufaFabrik sitzt man gut beieinander und lacht sich’s gemütlich. Zum Lachen gibt es allen Grund. Hunderte waren zur Premiere der neuen Folge aus der beliebten Serie »Kiezgeschichten« gekommen. Rückgrat der Zwei-Stunden-Show ist Michael Hatzius, Berliner Puppenspieler, Absolvent der nämlichen Abteilung an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«, mittlerweile ein Star seiner Zunft. Als Gäste hat er sich zwei in Couleur und Temperament sehr unterschiedliche Comedians eingeladen, die durchaus nicht nur als Anheizer fürs Hauptprogramm fungieren.

Da ist die ebenfalls in Berlin geborene Judith Bach, die den Abend einleitet. Ganze 158 Zentimeter misst sie, hat mit der Familie in Südafrika gelebt, Erfahrungen als Barpianistin in Cagliari gesammelt, ein Schauspieldiplom an der Schule des Schweizer Clowns Dimitri erworben und dann ihre komische Ader entdeckt. Die kann sie im Sommertheater bestens entfalten: als sympathische Göre aus Spandau, rote Spange im Strubbelhaar, breites Dauergrinsen, immer ein wenig traurige Kulleraugen. Claire nennt sie ihre Kunstfigur, die stets am Rock zerrt, der stets wieder rutscht. Etwas von ihrer Namensvetterin Waldoff hat sie wirklich, wenn sie vergeblich nach einem Date sucht und den Kummer am Klavier auslebt, exzellent in Dur und Moll; ein spitzes Kinderlied und im Sopran vom gefallenen »Grünen Kaktus« singt. Dass sie auch das Wortspiel beherrscht und, ihr berührendster Moment, chansonesk klagen kann - alle lachen nur über sie, bis sie gerade darin ihre Berufung erkennt -, beweist sie im Teil nach der Pause.

Archie Clapp, der Halbengländer oder Halbberliner, ist Claires Gegenpol. Moppelig und selbstzufrieden tobt er über die Szene, unterhält forsch, mundflink, schlagfertig. »An-Archie« schreibt nicht nur die Mutter, er praktiziert sie auch selbst in den prallvollen Einlagen. Luftballons knallen, Flitter regnet, Zaubertricks misslingen absichtlich zum Gaudi des Saales. Ulk verbreiten die Auszüge aus seinem Tagebuch: Ein Frosch auf einem Floß reist nach Frankreich und wird dort seine Schenkel los. Als Batman in Rosa und mit weißem Slip darüber nähert er sich der Unterkörper-Komik, bezieht zum Jux Zuschauer ein, jongliert und balanciert.

Dann: Michael Hatzius, auf den die Gemeinde gewartet hat. Im ersten Teil mit einer riesigen Zecke, die, einsam auf dem Halm lauernd, kaum Nährmaterial findet und sich darüber schwarz geärgert hat. Die Sonne ätzt, und das bei sechs schwitzenden Achselhöhlen! Open Air ist gut für Zecken, dennoch braucht sie mehrmals eine Bluttransfusion vom Tropf. Als der aber streikt, kommt ihr Märchenprinz Michael zu Hilfe. Umwerfend grotesk ist dieser Puppensketch, wiewohl im überlangen Reparaturteil etwas aus den Fugen geraten.

Über welch außergewöhnliche Qualitäten, welch treffsichere Beobachtungsgabe, welch bissigen Sprachwitz der vielfach preisgekrönte Hatzius verfügt, entfaltet sich in seinem Markenzeichen: dem Monolog einer dickbäuchig grauen, weißgeschuppten Echse mit langer Zigarre. Ächzend entert sie einen Stuhl, lässt den Spieler ganz hinter sich verschwinden, annektiert indes seine Beine. Was die Echse schwadronierend, räsonierend süffisant zum Besten gibt, über unsere Nachbarn in NRW, Bayern, Franken, Schwaben, auch Österreich, dabei die Beine überkreuzt oder gespreizt, sich lässig zurücklehnend, im Gefühl völligen Rechthabens, das ist zweierlei: ein bissiger Kommentar zur allgemeinen gesellschaftlichen Lage und große Schule der verlebendigenden Puppenführung - ganz im Sinn der klassischen Fabeldichtung. Hatzius: ein gewitzter Fabulierer über Menschen mittels Puppen.

Noch einmal am 8.8., 20 Uhr, ufaFabrik, Viktoriastr. 10-18, Kartentelefon: (030) 75 50 30, www.ufafabrik.de

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