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Fünffachmord bringt Mexikos Justiz in Bedrängnis

Behörden melden Verhaftung eines Tatverdächtigen, eine Aufklärung des Geschehens könnte politisches Erdbeben nach sich ziehen

  • Von Gerd Goertz, Mexiko-Stadt
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Tatverdächtiger hat seine Beteiligung im Fall Rubén Espinosa eingestanden: Der Journalist war mit vier Frauen am Wochenende in der mexikanischen Hauptstadt gefoltert und erschossen worden.

Skepsis ist bei Mexikos Justiz immer angebracht: Selbst nach offiziellen Statistiken werden nur zwei von 100 Gewaltverbrechen aufgeklärt. Bei den Ermittlungen über die Morde an dem 31-jährigen mexikanischen Pressefotografen Rubén Espinosa und vier Frauen in Mexiko-Stadt sind die Behörden nach eigenen Angaben ein wichtiges Stück vorangekommen. So verhafteten sie einen als Gewalttäter vorbestraften Mann, der aufgrund von Fingerabdrücken am Tatort identifiziert worden sein soll. Er hat demnach seine Anwesenheit während der Morde gestanden und Informationen über die zwei mutmaßlichen noch flüchtigen Mittäter gegeben.

Klarheit gibt es inzwischen über die Identität der vierten und schlimm gefolterten Frau, die zuvor in der Presse nur »die Kolumbianerin«, »Nicole« oder »Simone« genannte wurde. Es handelt sich laut einer knappen Mitteilung des kolumbianischen Innenministeriums um die 29-jährige Mile Virginia Martin. Unter den am 31. Juli in einer Innenstadtwohnung durch Genickschüsse ermordeten Opfern befinden sich außerdem die 32-jährige soziale Aktivistin Nadia Vera sowie die 18-jährige Studentin Yesenia Quiroz und die von den Medien kaum erwähnte 40-jährige Hausangestellte Alejandra Negrete.

Unabhängig von den bisherigen Ermittlungsergebnissen, die Rodolfo Ríos, der Generalstaatsanwaltschaft von Mexiko-Stadt, verkündete, stehen die Behörden unter Druck. Sie genießen nicht unbedingt Glaubwürdigkeit. Der Sicherheits- und Mexikoexperte Edgardo Buscaglia, ehemaliger UNO-Berater und heute Forscher an der Columbia Universität in New York, kritisierte die Hauptstadtbehörden, ihre Vermutungen vor allem Richtung Raubmord oder krimineller Verbindungen nach Kolumbien zu lenken, obwohl mit Rubén Espinosa und Nadia Vera zwei der Opfer in der Hauptstadt Zuflucht vor den Bedrohungen im Bundesstaat Veracruz gesucht hätten. »Wenn es in Mexiko-Stadt eine unabhängige und autonome Staatsanwaltschaft gäbe, dann wäre ihre erste Untersuchungshypothese ein mit der politischen Korruption im Bundesstaat Veracruz verbundener Mord gewesen«, erklärte Busaglia laut der Tageszeitung »La Jornada«.

Zu sehr haben die vorherigen 14 Journalistenmorde, verschwundene und geflüchtete Journalisten und zahlreiche Attacken auf die Pressefreiheit im Bundesstaat ein dunkles Licht auf die seit 2010 währende Amtszeit von Veracruz autoritärem Gouverneur Javier Duarte geworfen. Dessen Bedauern über das »abscheuliche Verbrechen« stufen viele als heuchlerisch ein. Sowohl Espinosa als auch Vera hatten mehrfach direkt die Regierung Duartes für Drohungen gegen sie verantwortlich gemacht.

Selbst die Delegation der Europäischen Union in Mexiko und die Botschaften der Mitgliedstaaten erwähnen in ihrer Verurteilung der Morde relativ deutlich die Zustände in Veracruz einschließlich des erst im Juni im Bundesstaat begangenen Mordes an dem Journalisten Juan Mendoza Delgado. Die EU reiht sich damit ein in eine immer länger werdende Liste nationaler und internationaler Organisationen und Menschenrechtszusammenschlüsse, die ähnliche Statements abgegeben haben.

Staatsanwaltschaft und Regierung von Mexiko-Stadt stehen vor einem Dilemma: Sollten die lokalen Ermittler den Fall lückenlos aufklären und die Spuren führen wirklich bis in höchste Kreise von Veracruz, würde das ein politisches Erdbeben bedeuten. Zudem die wahrscheinliche Konfrontation mit der das Land regierenden Revolutionären Institutionellen Partei (PRI) von Präsident Enrique Peña Nieto. Dieser hat seinen Parteifreund Duarte bisher stets gedeckt. Kommen die Staatsanwaltschaft zu einem anderen Ergebnis oder versucht sie aus politischen Erwägungen Tatsachen zu verschleiern, setzt sie das politische Kapital von Hauptstadtbürgermeister Miguel Ángel Mancera aufs Spiel.

Unterdessen sammeln sich vor dem Tatort jeden Tag Menschen und protestieren. Sie sprechen von »neuen Wunden für Mexiko«, die die Liste mit den 43 verschwundenen Studenten von Ayotzinapa und vielen anderen Verbrechen erweitern.

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