In der Wüste wächst Wut

Simons’ Ruhrtriennale

Zur Eröffnung am Freitag inszenieren Sie »Accattone«, ein Gesellschaftsdrama von Pier Paolo Pasolini, in der Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg in Dinslaken. Warum dieser Ort?

Ich finde es wichtig, nicht jedes Jahr in der Jahrhunderthalle in Bochum zu eröffnen. Die Kohlenmischhalle ist für mich noch unangetastet - und das ganze Gelände hat eine Geschichte.

Warum passt gerade das Eröffnungsstück gut nach Dinslaken?

Pasolinis Motiv ist die Wüste. Wenn man seine Filme sieht, dann sieht man oft Figuren, die sich in einer Wüste bewegen. Und man kann zwar viel behaupten, aber die Kohlenmischhalle ist natürlich auch eine Art Wüste. Und in einer Wüste ist der Mensch sehr klein.

Die Festival-Eröffnung in einer ehemaligen Industriehalle steht im Gegensatz zu den schicken roten Teppichen, die zu solchen Anlässen vor anderen Häusern ausgerollt werden ...

Roter Teppich ist eine andere Welt, das gehört zu den Musicals. Dagegen habe ich auch nichts. Aber es ist nicht mein Job, Musicals zu machen. Unser Job ist es, Leute zum Nachdenken zu bringen, Dinge zu thematisieren, die man vielleicht lieber nicht sehen möchte. Die Kritik, die Reflexion ist meine Aufgabe. Die Orte sind das Besondere an der Ruhrtriennale.

Sie wollen zum Nachdenken bringen, Kritik üben. Was meinen Sie damit konkret?

Die Leute, die meistens im Publikum sitzen, sind natürlich bürgerlich, die Bourgeoisie. Aber vielleicht werden sie empfänglich für die Themen, die dort gespielt werden. Und wenn man dann ins Auto steigt und abends nach der Vorstellung nach Hause fährt, dann sieht man das Viertel Dinslaken-Lohberg, und jeder weiß, was das bedeutet ...

Sie meinen die hohe Arbeitslosigkeit und die vielen sozialen Probleme. In die Schlagzeilen geriet der Stadtteil auch durch die »Lohberger Brigade«, eine Gruppe islamistischer Kämpfer.

Arbeitslosigkeit ist im Leben von vielen Leuten ein Riesenthema, und es gibt einen immer größer werdenden Unterschied zwischen Arm und Reich. Die meisten Leute holen ihre Identität und ihren Selbstwert aus der Arbeit. Und da muss man sich fragen: Ist es richtig, dass wir darüber unsere Identität beziehen? Und müssen wir nicht dafür sorgen, dass mehr Leute eine Perspektive haben auf Arbeit? Das ist auch Thema des Eröffnungsstückes. Es gibt Leute, die haben keine Hoffnung auf Verbesserung, das ist das Subproletariat, von dem Pasolini spricht. Darin steckt natürlich ein revolutionäres Potenzial. Wir tun nichts mit diesem revolutionären Potenzial - aber Extremisten füllen diese Lücke und sorgen dafür, dass Leute motiviert werden für Ideale, bei denen wir denken: nein danke, lieber nicht. Ich bin ein politischer Mensch, also muss ich mich damit beschäftigen. dpa

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