Werbung

Kapitalismus als Zombie

Tomasz Konicz über die chinesische Währungspolitik und eine drohende Kollision mit dem »Deutschen Europa«

Nirgends fielen die Reaktionen auf die chinesische Währungsabwertung hysterischer aus als in der veröffentlichten Meinung Deutschlands. Von einer »gefährlichen Panik« und blank liegenden Nerven der chinesischen Führung (»Zeit Online«) war da die Rede, von einem chinesischen »Währungskrieg mit dem Westen« (»Spiegel Online«) und von dem Versuch, »die eigene Exportwirtschaft auf Kosten anderer Länder zu stärken« (»Frankfurter Allgemeine Zeitung«). Diese Panik ist wohl begründet, da sie tatsächlich die derzeitige Strategie durchkreuzt, »die Eurokrise mit Hilfe eines schwachen Euro zu lösen« (»Manager Magazin«).

Bei einer Währungsabwertung werden die in der betreffenden Volkswirtschaft produzierten Waren gegenüber anderen Währungsräumen günstiger, was letztendlich auf die Förderung von Handelsüberschüssen hinausläuft, die zu Handelsdefiziten - und somit Verschuldung und Deindustrialisierung - in den Zielländern dieser Exportoffensiven führt. Deswegen wird diese aggressive Wirtschaftsstrategie seit den Zeiten der Großen Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren mit dem Begriff »Beggar thy Neighbor« (ruiniere deinen Nachbarn) belegt.

Genau diesen Weg beschritt das »Deutsche Europa«. Mittels der Doppelstrategie von europaweiter Austerität und - forciert durch die expansive Politik der Europäischen Zentralbank - einseitiger Exportförderung wurden die europäischen Leistungsbilanzüberschüsse, die es vor Krisenausbruch kaum gegeben hat, in absurde Höhen getrieben. Allein 2014 verzeichnete die Eurozone einen Leistungsbilanzüberschuss von knapp 200 Milliarden Euro - wobei ein Großteil dieses Überschusses auf die Bundesrepublik entfällt, die im vergangenen Jahr einen Überschuss von rund 7,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) erreichte. Während das knallharte deutsche Sparregime die Lohnstückkosten in der Eurozone drücken (»Konkurrenzfähigkeit«) und die Haushaltssanierung der »Schuldenstaaten« befördern sollte, zielten die rasch zunehmenden Handelsüberschüsse letztendlich auf den Export der europäischen Schuldenberge.

Diese Strategie schien aber nur deswegen gangbar, weil sie von China nicht mehr verfolgt wurde. Die Volksrepublik erzielte vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2008/09 gigantische Handelsüberschüsse von bis zu zehn Prozent des BIP mit den sich immer weiter verschuldenden Europäern und US-Amerikanern, die aber nach Krisenausbruch rasch abnahmen und inzwischen bei moderaten zwei Prozent des BIP liegen. Der Grund: China initiierte durch umfassende Konjunkturmaßnahmen eine Verschuldungsdynamik, die den gigantischen Investitionsboom, die Immobilienblasen und letztendlich die derzeit vom Platzen bedrohte Aktienblase hervorbrachte. Da diese chinesische Verschuldungsdynamik an ihre Grenzen stößt, will Peking nun wieder zum massiven Schuldenexport übergehen, womit das Land sich auf Kollisionskurs dem »Deutschen Europa« befindet.

Der globale währungspolitische Entwertungswettlauf droht somit sich zu beschleunigen und eine unkontrollierbare Eigendynamik zu entwickeln. Hoffnungslos verschuldete Wirtschaftsräume sind durch diese Verzweiflungstaten bemüht, ihre Schuldenberge vermittels dieser »Beggar-thy-Neighbor«-Politik zu exportieren. Es ist kein Zufall, dass diese in der Krise der 1930er praktizierte Exportstrategie nun wieder um sich greift, da angesichts der gegenwärtigen schweren Systemkrise »erfolgreiche« kapitalistische Wirtschaftspolitik nur auf Kosten anderer Wirtschaftsräume, mittels Waren- und Schuldenexport, realisiert werden kann. Die anschwellende Schuldenflut, in der das spätkapitalistische Weltsystem ertrinkt, ist Folge der zunehmenden Hyperproduktivität der globalen warenproduzierenden Wirtschaftsmaschine, deren uferloser Verwertungszwang nur noch durch eine schuldenfinanzierte Nachfrage aufrechterhalten werden kann.

Dieser systemische Verschuldungs- und Krisenprozess, der dem an eskalierenden inneren Widersprüchen zugrunde gehenden Kapitalismus eine Art zombiehaftes Scheinleben ermöglicht, wird nun in Form zunehmender währungspolitischer Auseinandersetzungen - der »Währungskriege« - durchgesetzt. Ein eskalierender Abwertungswettlauf würde die finale Phase der Agonie des kapitalistischen Weltsystems einläuten: die Entwertung des Geldmediums in seiner Funktion als allgemeines Wertäquivalent - und somit die katastrophale Entwertung des Werts in all seinen Aggregatszuständen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!