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Dann ist die Kuh eben weiter lila

Grünen-Landtagsabgeordnete von Halem kritisiert bei Besuch in Frankfurter Wildparkschule die Streichung außerschulischer Bildungsangebote

  • Von Henry-Martin Klemt
  • Lesedauer: 3 Min.
Wegen des Lehrermangels streicht Potsdam zum neuen Schuljahr die Lehrkräftestunden für außerschulische Bildungsarbeit. Brandenburgs Grüne sehen darin Folgen einer verfehlten Bildungspolitik.

Als unverantwortlich bezeichnet die Bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Marie Luise von Halem, das Vorgehen des Potsdamer Bildungsministeriums. Dort werden zur außerschulischen pädagogischen Arbeit abgeordnete Lehrer jetzt zurück an die Schulen gerufen. Für viele ist das ein statistischer Trick, um eine energische Bekämpfung des unpopulären Unterrichtsausfalls vorzutäuschen. »Die Landesregierung ist sehenden Auges in den Lehrermangel geschlittert«, ist Marie Luise von Halem überzeugt. »Was wir erleben, ist die Konsequenz einer verfehlten Bildungspolitik.«

Am Dienstag besuchte die Landespolitikerin die Wildparkschule in Frankfurt (Oder), die zu den betroffenen Einrichtungen zählt. Der Lehrer Robert Volkmann absolvierte dort an drei Tagen in der Woche insgesamt 15 Stunden: für die Teilnehmer eine ganz besondere Form es Unterrichts. 3500 Schüler aus Frankfurt und den angrenzenden Landkreisen, aber auch Vorschulkinder und Erwachsene nutzten in den vergangenen fünf Jahren die Möglichkeit, sich mit allen Sinnen der Natur und den ökologischen Fragen zu widmen.

Wie die meisten auch außerschulisch beschäftigten Pädagogen brennt der 61-jährige Volkmann für seine Arbeit. »Wenn ein Schüler eine Amsel nicht erkennt, wie soll er sich damit auseinandersetzen, dass die Vogelbestände bei manchen Arten in Deutschland um 50 Prozent dezimiert sind? Wie soll ich schützen können, was ich nicht kenne?«

Trotzig hat Volkmann an die Tafel geschrieben: »… oder soll die Kuh dann lila bleiben«. Bis heute weiß er nicht, was er zu Beginn des neuen Schuljahres tun wird. Der Unterrichtsausfall jedenfalls an seiner Schule in Frankfurt sei marginal, der Biologieunterricht, den er dort zwölf Stunden in der Woche gibt, abgesichert. »Vielleicht werde ich Förderlehrer oder unterrichte Physik oder werde an eine andere Schule geschickt. Ich weiß es nicht.« Ungern verlässt er die Wildparkschule. Nicht zuletzt, weil im Wildpark, der von den Gronenfelder Werkstätten als Teil der Wichern Diakonie Frankfurt betrieben wird, auch viele behinderte Menschen arbeiten. Und während Volkmann, der hier auch in seiner Freizeit tätig ist, dafür wirbt, die Stundenzahl, statt sie streichen, aufzustocken, um einen Nachfolger einarbeiten und dem Projekt Nachhaltigkeit geben zu können, toben draußen die Frankfurter Kinder beim Umweltfest der Stadtwerke, erzeugen Strom mit dem Hometrainer, lernen Abfalltrennung und begeistern sich an sportlichen Wettbewerben.

Dass er alle Termine für das neue Schuljahr absagen musste, hat Schulleiter und Lehrer aber auch zahlreiche Eltern auf den Plan gerufen. Protest kommt auch vom Förderverein, Unmut bekundeten auch die Gronenfelder Werkstätten, die einen Kooperationsvertrag mit dem Schulverwaltungsamt haben.

Der Kreiselternrat ist in einem von Martin Hampel unterzeichneten Brief an das Bildungsministerium vorstellig geworden, um die Wildparkschule und das ebenfalls betroffene Planetarium zu retten. »Die Projekte sind Teil des Landesplanes Bildung für nachhaltige Entwicklung, bedeutender Teil er vergangenen UN-Dekade Nachhaltigkeit und der aktuellen UN-Dekade Artenvielfalt«, erinnern sie. Und daran, dass gerade eine Stadt mit einer der höchsten Kinderarmutszahlen in Deutschland solche qualitativ hochwertigen und zugleich kostengünstigen Angebote braucht. Alena Karaschinski, Stadtverordnete von Bündnis 90/Die Grünen in Frankfurt, meint: »Nicht jede Stadt hat einen Wildpark und erst recht keinen, in dem Inklusion als ganz normaler Alltag erlebt wird.« Ihr Fraktionschef Jörg Gleisenstein sieht daher auch in der Stadtverordnetenversammlung Gesprächsbedarf.

»Ein Lernort wie dieser bietet ganz andere Möglichkeiten über die Schule hinaus«, stellt Marie Luise von Halem fest. Das Vorgehen des Bildungsministeriums nennt sie deshalb »pädagogisch unverantwortlich« und kündigt für die kommenden Tage eine Kleine Anfrage im Landtag an, damit Minister Günter Baaske (SPD) konkrete Zahlen auf den Tisch legt: Wie viele solcher Angebote gibt es landesweit? Von wie vielen Projekten sollen die abgeordneten Lehrer zurückgezogen werden? »Ich erwarte vom Ministerium, dass dieser Schritt rückgängig gemacht wird.«

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