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Pumpe ist noch lange nicht

Die Lausitz feiert 60 Jahre »Schwarze Pumpe«. Veteranen treffen sich erhobenen Hauptes, und ein Industriepark rüstet sich für die nächste Großinvestition

Wer Günter Seifert abpassen will, muss Glück haben. Der Ingenieur ist zwar 75 Jahre alt. Zeit hat er aber trotzdem wenig. Eine Reise nach Eisenhüttenstadt steht an; im Stahlwerk will er eine Anlage besichtigen, die Koksstaub in einen Schmelzofen einbläst. »Koks aus Braunkohle - das wäre etwas für uns«, sagt Seifert. Für uns? »Für die Schwarze Pumpe«, sagt er. Seifert, der einst Vizedirektor des gleichnamigen Gaskombinats war, ist längst Rentner. Im Ruhestand ist er aber noch lange nicht. Die »Pumpe« lässt ihn nicht los.

Seifert war einer von gut 15 000 Mitarbeitern des Industriekomplexes in der Lausitz, der eine Art Herzkammer der DDR-Wirtschaft war. In »Schwarze Pumpe« wurde Kohle aus den umliegenden Tagebauen zu Briketts gepresst und in Strom umgewandelt, vor allem aber zu Stadtgas verarbeitet. Bis zu 95 Prozent des landesweiten Bedarfs an dem Energieträger wurden hier gedeckt.

Zugleich war »Schwarze Pumpe« Legende. Die Geschichte vom Aufbau des Großbetriebes in einer Gegend, in der zuvor Kleinbauern auf kargem Boden ein bescheidenes Dasein gefristet hatten, ist eine jener Erzählungen, die den Aufbruch in der jungen DDR verkörperten. In einer rückständigen Region sollte der Fortschritt Einzug halten. Vielleicht wollte Fritz Selbmann deshalb nicht »mit einem Spaten geärgert« werden, als er den symbolischen Auftakt für die Bauarbeiten vollzog. Ein historisches Foto zeigt, wie der für Schwerindustrie zuständige Minister und spätere Namensgeber des Gaskombinats mit einer Planierraupe auf einen improvisierten Torbogen für das Werk zurollte. Am 31. August 1955 war das, also vor 60 Jahren. Am gleichen Tag legte Selbmann den Grundstein für die Erweiterung Hoyerswerdas. Die Ackerbürgerstadt mit 7700 Einwohnern wurde Großstadt; bis zu 70 000 Menschen wohnten dort, viele davon »Pumpsche«, wie sich die Gaswerker nannten.

Günter Seifert wurde ein »Pumpscher«, als der Aufbau des Kombinats gut vorangeschritten war. Er hatte in Freiberg chemische Kohleveredlung studiert, in Lauchhammer promoviert und wurde 1967 in die Lausitz geschickt - »im Parteiauftrag«, sagt er. Dort waren damals bereits zwei Kraftwerke in den Heidesand geklotzt worden, dazu zwei Brikettfabriken, Trocknungsanlagen, Kohlebunker. Auch die Gasproduktion lief bereits. Allerdings wurden die Technologien stetig weiterentwickelt. Ein aus »Schwarze Pumpe« stammendes Verfahren zur Vergasung von Braunkohlestaub wende Siemens heute noch weltweit an, »mit Erfolg«, sagt Seifert mit hörbarem Stolz. Bis 1970 folgten eine Kokerei und das dritte Kraftwerk samt Brikettfabrik. »Schwarze Pumpe« lief, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Chroniken merken an, dass der Betrieb nach anfänglichen Verlusten zu einem der erfolgreichsten Unternehmen der DDR wurde und Gewinne von rund 790 Millionen DDR-Mark einfuhr.

Heute steht an der Werksstraße ein großer Findling, der nicht nur an den Anfang in »Schwarze Pumpe« erinnert, sondern auch an den Niedergang - zumindest jenen der drei Kraftwerke samt ihren markanten Schornsteine. Erbaut in den Jahren 1958, 1962 und 1968, wurden sie allesamt im Jahr 1998 abgerissen. Zuvor war bereits die Kokerei zurückgebaut worden, deren penetranter Gestank den Anwohnern jahrzehntelang unangenehm in die Nase gestiegen war. Nach dem Ende der DDR wurde das Kombinat zerlegt und schließlich dem Lausitzer Kohleförderer Laubag zugeschlagen. Die Belegschaft wurde drastisch reduziert, Tausende wurden arbeitslos. Finanziell sei der Übergang passabel abgefedert worden, sagt Ingenieur Seifert, »aber in der Seele hinterließ das tiefe Spuren«.

Allerdings wurde in »Schwarze Pumpe« der Gashahn nie komplett zugedreht. Eine der ehemals drei Brikettfabriken produziert weiter Kohlen mit dem Schriftzug »Rekord«. Zugleich errichtete das Energieunternehmen VEAG ein neues Kraftwerk mit zwei Blöcken zu je 800 Megawatt Leistung, das 1998 ans Netz ging und heute von Vattenfall betrieben wird. Auf dem Maschinenhaus, das zu den höchsten in Deutschland gehört und mit seiner matt silbern glänzenden Fassade zudem einen Designpreis gewann, befindet sich eine Aussichtsplattform, die Besucher bei Führungen erklimmen können. Aus mehr als 160 Metern Höhe wird sichtbar, dass in »Schwarze Pumpe« noch immer - oder besser: wieder - Leben herrscht. Am Tiefpunkt hätten hier nur noch 2500 Menschen gearbeitet, sagt Holger Fahrland: »Derzeit sind es wieder 4500, und es ist nicht unrealistisch, dass wir in zwei Jahren die 5000er Grenze knacken.«

Fahrland arbeitet bei der Gesellschaft ASG aus Spremberg, die den heutigen Industriepark managt. »Schwarze Pumpe« ist kein industrieller Koloss mehr, sondern ein riesiges Gewerbegebiet, das von der Landesgrenze zwischen Sachsen und Brandenburg durchzogen wird. 110 Unternehmen sind auf dem 720 Hektar großen Areal ansässig, allen voran eine Niederlassung der Papierfabrik Hamburger Rieger. Deren Ansiedlung sei eine »Initialzündung« für den Industriepark gewesen, sagt Fahrland. Im Jahr 2005 wurde die gigantische Papiermaschine des österreichischen Unternehmens in Betrieb genommen, die aus Altpapier bis zu 320 000 Tonnen Papier jährlich produziert. Die grauen Hallen ziehen sich über Hunderte Meter an der Werksstraße A Mitte entlang. Die Fabrik verfügt sogar über ein eigenes Kraftwerk, das Energie nicht aus der Verbrennung von Kohle, sondern Müll gewinnt. In zwei Jahren, so deutet es sich an, könnte das Unternehmen eine zweite Papiermaschine in Betrieb nehmen. Es wäre ein Riesenschritt für den Industriepark.

Auch sonst spielt Papier dort eine große Rolle. Schließlich hat sich nach dem Bau der Papierfabrik ein Hersteller von Wellpappe angesiedelt, dazu ein Betrieb, der aus Papier und einem Abfallprodukt der Kohleverbrennung Gipskartonplatten herstellt. Aber auch Siemens, der Gashersteller Linde und ein Unternehmen für Elektrotechnik haben sich in »Schwarze Pumpe« niedergelassen. Und auch die Kohle bleibt wichtig: Vattenfall steuert von einer Schaltwarte im Industriepark den Schienenverkehr im Tagebau Nochten und repariert in historischen Werkstattgebäuden defekte Waggons und Loks.

Nicht nur die Werkstätten blieben als Zeugen der Gründerzeit in »Schwarze Pumpe« erhalten; auch ein Bürogebäude im Stil der 1950er steht zwischen ausladenden Bäumen, dazu eine Kantine und die Feuerwache, deren Fassaden alle mit braunen Kacheln versehen sind. Derlei Einrichtungen, die von allen ansässigen Firmen genutzt werden könnten, seien »das große Plus für den Industriepark«, sagt Fahrland. Mit diesen Vorzügen sucht er weitere Unternehmen zu werben: in Österreich, der Schweiz oder Schweden. Noch stehen große Areale im Osten des Geländes, wo einst das Gas erzeugt wurde, leer. Zudem sind nicht alle Träume in »Schwarze Pumpe« gereift. Eine Firma, die Sekundärrohstoffe verwertete, gibt es nicht mehr; bei einem Unternehmen, das reines Silizium herstellt, ist die Zukunft unklar. Vattenfall baute eine Anlage zur Abscheidung von Kohlendioxid aus Kohlenkraftwerken, das dann unter der Erde verpresst werden sollte. Von der Technologie hat man sich in Deutschland jedoch vorerst wieder verabschiedet: zu teuer, zu groß die ökologischen Widerstände.

Dennoch: Wenn der Industriepark am kommenden Samstag anlässlich des 60-jährigen Jubiläums zu einem Tag der offenen Tür einlädt, gibt es viel zu sehen. Es könnten Betriebe besichtigt werden, »in die man sonst nicht hineinkommt«, sagt Fahrland. Ein Sonderzug dampft über das Gelände; in einem eigens eingerichteten Kino werden Filme über »Schwarze Pumpe« gezeigt. Zum Kraftwerk fahren Busse; in der Kantine wird eine Ausstellung gezeigt, in der es um Geschichte und Zukunft des Industrieparks geht. Erarbeitet wurde sie von einem »Traditionsverein Schwarze Pumpe«, dessen langjähriger Vorsitzender der einstige Kombinatsvize Günter Seifert war.

Der Ingenieur erinnert sich noch gut an die Gründung des Vereins. Sie erfolgte, als das 50-jährige Jubiläum der Grundsteinlegung näher rückte. Viele Ehemalige hätten damals auf eine würdige Feier gedrängt: »Die Erinnerung darf doch nicht einfach untergehen«, sagten sie. Der Schmerz über die Abwicklung habe ein gutes Jahrzehnt später noch immer tief gesessen. Zugleich aber wollten die »Pumpschen« daran erinnern, dass es »doch unsere Lebensleistung« war. Der Verein bereitete einen würdigen Festakt vor, und auch einen »Tag der offenen Tür« im Industriepark gab es. Der Andrang war immens. Bei 10 000 Gästen, sagt Seifert, habe man damals aufgehört zu zählen.

So viele werden es diesmal nicht, glaubt der Ingenieur; die Zeit ist vorangeschritten, die Kollegen von einst sind nicht jünger geworden. Kommen aber werden sie: zur Besichtigung im Industriepark und zu einem »Veteranentreffen« am 17. September in der Lausitzhalle in Hoyerswerda. Sie werden an die alten Zeiten erinnern, an die Euphorie des Aufbaus und an ihre Genugtuung darüber, »dass es technisch und ökonomisch funktioniert hat«, wie Seifert formuliert: »Wir gehen erhobenen Hauptes durch die neue Zeit.« Sie werden aber auch nach vorn schauen: »Das Vereinsleben kann nicht nur im Rückblick bestehen.«

Stoff für Debatten gibt es zur Genüge, schließlich droht der Lausitz nach 1990 der zweite große Umbruch. Der Vattenfall-Konzern erwägt den Verkauf seiner Braunkohlensparte; wie es mit dem Revier in Brandenburg und Ostsachsen weitergeht, ist unklar. Die Verunsicherung ist groß, auch im Industriepark, sagt Holger Fahrland: »Man sieht es den Leuten an, dass sie sich Sorgen machen.«

So geht es nicht nur den jetzigen Beschäftigten, sondern auch den Ehemaligen. Günter Seifert hält einen völligen Ausstieg aus der Kohle für unsinnig. Über Alternativen hat sich der Traditionsverein längst Gedanken gemacht; 2014 veranstaltete er ein energiepolitisches Forum. Wenn schon die Stromgewinnung aus der Braunkohle aufgegeben werden solle, müsse man wenigstens an deren Veredlung arbeiten: Kohle ist als Kohlenstoffquelle eine Alternative zum Erdöl; aus ihr können Treib- und Kunststoffe hergestellt werden. Aber auch traditionelle Nutzungen wie die Verarbeitung zu Koks haben Zukunft, wie Seifert bei seiner »Dienstreise« nach Eisenhüttenstadt besprechen will.

Auch die Betreiber des Industrieparks denken über die Zeit nach der Braunkohle nach - auf die sie sich schon jetzt vorbereiten: »Wir wollen den Strukturwandel mit der Kohle, nicht nach ihr«, sagt Holger Fahrland. Auch er hält die Fabrikation von Koks für sinnvoll, die nicht mehr derart stinken würde wie einst: »Die Technologien sind andere.« Daneben setzt man in »Schwarze Pumpe« auf Chemie, Metallverarbeitung, Energieerzeugung - und hofft auf eine Stärkung der Papierbranche. Womöglich wirkt die Erweiterung der Papierfabrik erneut als Signal für weitere Ansiedlungen.

Ob es diese gibt, hängt freilich entscheidend davon ab, ob die Firmen genügend gut ausgebildete Mitarbeiter finden. Das wird nicht einfach; die Region ist »ausgeblutet«, wie Günter Seifert sagt. Nach der Aufbaugeneration hatten sich 1989 deren Kinder daran gemacht, in »Schwarze Pumpe« die Regler in die Hand zu nehmen; dann kam die Abwicklung, viele zogen weg. Heute mangelt es in Ostsachsen an Arbeitskräften. Schöne Wohnungen wie einst in Hoyerswerda überzeugen allein nicht; Parteiaufträge, mit denen früher Personalpolitik betrieben wurde, gibt es nicht mehr. Nötig sind andere Strategien. Eine Kollegin, mit der sich Holger Fahrland das Büro teilt, wirbt um Rückkehrer - Menschen, die einst die Lausitz gen Westen verließen und jetzt in die alte Heimat oder zur Familie zurückkehren wollen, auch wenn das oft mit einem geringeren Einkommen verbunden ist. Und beim Tag der offenen Tür, aber auch mit vielen anderen Veranstaltungen will man die Jugendlichen und Schüler ansprechen, die noch in der Region leben. Das Signal soll sein: Es ist noch nicht Pumpe in »Schwarze Pumpe«.

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