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Am bunten Rand des Eises

Wandern auf Grönland durch ein unerwartetes Farbenmeer

  • Von Ekkehart Eichler
  • Lesedauer: 4 Min.

Wir hatten es kommen sehen. Wie im Horrorklassiker »The Fog« schleicht sich der Nebel an. Heimtückisch. Lautlos. Pfeilschnell. Wo eben noch polarkalte Morgensonne die bunten Häuschen von Ilulissat auf Grönland zum Leuchten und die Eisbergfront am Horizont zum Glitzern gebracht hatte, frisst jetzt eine gruselgraue Masse Natur und Menschen. Saugt ihnen erst jegliche Farbe aus, verflüchtigt dann ihre Konturen zu gespenstischen Schatten und tunkt sie letztlich hilflos ins Gewaber. Selbst die randalierenden Schlittenhunde haben plötzlich Watte im Hals - so gedämpft klingt ihr Heulen.

Fakt jedenfalls ist: Der geplante Hubschrauberflug zum Eisfjord fällt aus - wenn kein Wunder passiert. Aber danach sieht es nicht aus. Bleibt also nur das Städtchen Ilulissat, in dem sich 4000 Menschen mit ebenso vielen Schlittenhunden ganz passabel eingerichtet haben. Nach einer Stunde sind alle Souvenirshops abgeklappert. Wurden Bilder bewundert von pastellfarben schimmernden Eiskolossen in der Mitternachtssonne, die man so nie selbst vor die Kamera bekommt. Wurde das Knut-Rasmussen-Museum unter die Lupe genommen, das dem weltbekannten Polar- und Grönlandforscher ein liebevolles Andenken setzt. Wurde einer schläfrigen Café-Bedienung mühsam ein Imbiss aus dem Kreuz geleiert und damit die Ruhe verdorben. Wurde um einen Tupilak gefeilscht, eine aus Walrosszahn oder Rentierknochen handgeschnitzte groteske Figur; ursprünglich mal ein Symbol für Wesen, die Unglück oder Tod über einen Feind bringen konnten.

Inzwischen ist es früher Nachmittag, und ganz langsam wird es lichter. »Lasst uns eine Wanderung machen«, schlägt Maiken vor. Die Studentin aus dem dänischen Aarhus jobbt jeden Sommer für eine ortsansässige Agentur und begleitet vor allem deutsche Gäste zu den touristischen Highlights der Diskobucht. Eine Wanderung? In Grönland? So was Profanes hatten wir uns eigentlich nicht vorgestellt im Eisbergparadies. »Keine Sorge«, beruhigt uns die nette Dänin, »wenn wir was sehen, werdet ihr begeistert sein.«

Also los. Von Ilulissats altem Heliport machen wir uns auf in Richtung Eisfjord. Dieser wurde von der UNESCO 2004 als Weltnaturerbe klassifiziert und ist die wohl bedeutendste touristische Attraktion Grönlands. 45 Kilometer lang und gefüllt mit gigantischen Eisbergen, die der Kangia, der produktivste Gletscher der nördlichen Halbkugel, unermüdlich gebiert. Diese treiben gemächlich in Richtung Meer, bis sie an der Mündung des Eisfjordes stranden. Dort nämlich stoppt sie ein Riff, etwa 250 Meter unter der Meeresoberfläche. Hier nun bleiben sie liegen, wochen- ja monatelang, bis sie so weit abgeschmolzen sind, dass sie die Barriere überwinden. Kleinerer »Abfall« driftet regelmäßig in den Hafen von Ilulissat.

Obwohl es gerade mal zwei Kilometer Luftlinie sind von der Stadtmitte bis zum Fjord, ein Sonntagsspaziergang ist es nicht gerade. Das Terrain ist rau, es geht bergauf, bergab, mitunter verschwindet der Weg im Geröll. Ein alter Friedhof wird passiert, bevor wir absteigen in eine kleine Bucht. An ihrem gerölligen Strand warnen Schilder vor Tsunamis. Kein Witz: »Was glaubt ihr, was passiert, wenn ein Eisberg plötzlich auseinander bricht oder sich dreht«, erklärt Maiken. »Dann ist hier in kürzester Zeit die Hölle los, weil meterhohe Wellen über die Bucht schwappen.«

Unsere Aufmerksamkeit jedoch gehört längst etwas anderem. Denn das erhoffte Wunder stellt sich ein: Der Nebel hat sich verflüchtigt, die Sicht wird klar, die Sonne sendet erste strahlende Signale. Binnen Minuten verändert sich das unwirtliche Land, bekommt Konturen, und - noch viel erstaunlicher - es bekommt Farbe. Der bis dato trübselig graue Boden beginnt regelrecht zu leben - in tiefen warmen Tönen. Vor der umwerfenden Eisbergkulisse strahlen Flechten plötzlich in einem dunklen Rembrandt-Rot. Moose zeigen sich als leuchtend hellgrüner Flokati, in dem man wadentief versinkt. Ganze Baumwollgrasarmeen salutieren mit strahlend weißen Puschelhelmen, während Kolonien krokusartiger Blümchen jede Menge gelbe Tupfer auf die Palette sprenkeln. Ein Farbrausch, der umso mehr überwältigt, weil er so unerwartet kommt. Maiken setzt noch eins drauf. Wie aus dem Nichts hält sie plötzlich einen formidablen Pilz in den Händen - auch darauf hätten wir auf Grönland keinen Cent verwettet.

Vorbei an Jahrtausende alten Siedlungsresten und an nur von Eingeweihten auffindbaren Gräbern, unter deren lose geschichteten Steinen schon mal ein menschlicher Schädel zum Vorschein kommt, gelangen wir schließlich zum Eisfjord. Zeit zum Picknick, findet Maiken und zaubert aus dem Rucksack eine Thermoskanne, Kekse, Schokolade und Weintrauben. Ein paar Steine dienen als Sitz, die Wetterjacken als Unterlage. Es ist richtig warm geworden inzwischen, die Sonne bescheint unsere Rücken und jene einzigartige Szenerie, an der wir uns die nächste Stunde nicht satt sehen werden: Eis, so weit das Auge reicht. Eisberge, Eistore, Eishöhlen, Eiszinnen, Eiswände - und all das von einer Größe und Erhabenheit, über die man nur Bauklötze staunen kann.

Man mag es kaum glauben, aber eine zunächst völlig unspektakulär scheinende kleine Wanderung wird zum Höhepunkt dieser Grönlandreise. Dass einige Stunden später der Mitternachtssonnebootsausflug in die surreale Welt des Eisfjords dieses Erlebnis noch übertreffen wird, können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

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