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Kein Fall für den Giftschrank

»Plasberg«-Talk wegen Sexismus aus der ARD-Mediathek gelöscht

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Es gibt viele sehr gute Gründe, einen TV-Talk wie Frank Plasbergs »Hart aber fair« nicht einzuschalten. Schon die Titel der Sendungen führen meist die in vielen Fällen durchaus vorhandene gesellschaftliche Relevanz einer aktuellen Debatte ad absurdum: »Nieder mit den Ampelmännchen, her mit den Unisex-Toiletten - Deutschland im Gleichheitswahn?« klingt schon wie der provokante Versuch einer Redaktion, die Geschlechterdebatte im Tonfall des Boulevard der Lächerlichkeit preiszugeben. Wer ernst gemeinte Versuche einer inhaltlichen Auseinandersetzung sucht, meidet längst die fälschlicherweise als Polittalk beworbenen Formate im Ersten wie im ebenso Zweiten Deutschen Fernsehen und greift stattdessen entweder direkt zur passenden Fachlektüre oder entdeckt im Nischenprogramm von 3sat die unaufgeregten Sachdebatten eines Gert Scobel.

Dass im Ersten nicht der Philosoph mit Wissenschaftlern diskutiert, sondern ein Frank Plasberg mit Gästen wie dem wandelnden Altherrenwitz Wolfgang Kubicki »talkt«, zeigt, wie weit sich die Programmverantwortlichen der Öffentlich-Rechtlichen in die Untiefen der Privaten begeben haben, wo die Inszenierung mehr zählt als der Inhalt. Intellektuell traut man den Zuschauern sicherheitshalber wenig zu, wie auch die anfangs erwähnte Plasberg-Runde zur Geschlechterfrage belegte. Was ein Fachbereich wie die Gender-Studien an den Universitäten erforscht, wussten Plasberg-Zuschauer nach 75 Minuten nicht, dafür aber, dass Kubicki dem eingeladenen Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter ein »gendermäßiges Aussehen« vorwarf.

Über das eigentlich durchgängig wenig erstaunlich niedrige Niveau des »Talks« müsste der WDR ernsthaft diskutieren. Falsch dagegen ist es, solche Sendungen aus der ARD-Mediathek zu löschen, wenn einem aus der Öffentlichkeit Kritik entgegenschlägt.

Nachdem mehrere Frauenverbände den Plasberg-Talk zu Recht heftig kritisierten, griff der WDR zu seiner vermeintlich schärfsten Waffe und entfernte die Sendung aus der Mediathek, weil er wohl meinte, die Angelegenheit sei damit erledigt, die Erinnerung an die Ausgabe vom 2. März gelöscht. Nun allerdings muss sich die Rundfunkanstalt die Frage gefallen lassen, nach welchen Kriterien eine von Zuschauern kritisierte Sendung in den Giftschrank verbannt wird. Gegen ein Gesetz habe der »Talk« nicht verstoßen, wie der für Beschwerden zuständige WDR Rundfunkrat erklärte. Das Gremium, bestehend aus Vertretern der Parteien und anderer gesellschaftlicher Gruppen wie den Kirchen oder der Verbraucherzentrale, hielt sich mit seiner Kritik allerdings nicht zurück und nannte die Plasberg-Ausgabe »unseriös«. Der Programmausschuss, eine Untergruppe des Rundfunkrates, empfahl dagegen, die kritisierte Folge aus der Mediathek zu entfernen.

Wirklich verschwunden ist die Ausgabe, dank unbekannter Hilfe und Youtube, allerdings nicht aus dem Netz. Die Proteste sind nun umso größer, vor allem rechtskonservative Kreise schäumen angesichts eines angeblichen Siegs der »Gender-Front« und toben über die »Zensur« des WDR.

Auch in den Reihen der CDU versucht man, den Eklat nun so zu drehen, als wäre die Forderung nach einer vernünftigen Genderpolitik Ausgangspunkt einer tatsächlich falschen Entscheidung der Programmverantwortlichen. Worum es bei diesem durchschaubaren Manöver von rechts jedoch nicht geht, ist die Debattenkultur, die bei Sendungen wie »Hart aber fair« an den Tag gelegt wird. Am Ende geht es dem Aufschrei von rechts nämlich nicht um den Skandal der vorgenommenen Löschung, man will die Geschlechterdebatte an sich diskreditieren. Der WDR hat diesbezüglich tatkräftige Unterstützung geleistet.

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