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Die beste Art des Gedenkens

Alejandro Zambra aus Chile schrieb mit «Bonsai» eine kunstvoll verdichtete Liebesgeschichte

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Am Ende stirbt Emilia, Julio stirbt nicht. Der Rest ist Literatur.« - Literatur: Man könnte sich den Spaß machen, die Autoren und Bücher zu zählen, die in diesem kleinen Roman vorkommen. Es sind viele, denn Julio flüchtete sich schon immer gern in die literarische Welt, auch wenn er Prousts »Suche nach der verlorenen Zeit« noch nicht gelesen hatte, als er Emilia gegenüber damit prahlte. Das war am Beginn ihrer Beziehung, später machten sie es sich zur Gewohnheit, nachts - »vor dem Vögeln« - einander vorzulesen. Irgendwann aber ging das zu Ende. Emilia zog aus Chile nach Madrid, wie übrigens später María auch.

»Nun gut, sie ist unwichtig in dieser Erzählung. Wichtig ist Julio.« Er hat Emilia nie vergessen und hält es für die beste Art des Gedenkens, einen Bonsai zu ziehen. Aus einem der Lehrbücher, die er sich zu diesem Zweck besorgt hat, erklärt er uns, dass ein Bonsai als »künstlerische Nachbildung eines Miniaturbaums« aus zwei Elementen besteht: der Pflanze selbst und dem Gefäß. Dessen Auswahl sei fast eine Kunst für sich.

»Bonsai« heißt auch der Roman, den Julio schreibt und von dem er María so erzählt, als sei es das Werk eines berühmten alten Schriftstellers, Gazmuri, das er nur abzutippen hätte. Verwickelt? Durchaus. So einfach, fast lakonisch karg der Stil dieses jungen Autors ist, den der Verlag als einen der wichtigsten lateinamerikanischen Literaten seiner Generation bezeichnet, so viel Emotion ist in diesem Buch verdichtet. Als ob die Romanhandlung nur das Gefäß sei, in das ein Steckling gepflanzt wurde, der dann immer wieder beschnitten wird. Durch langwierige bedachte Reduzierung entsteht ein botanisches Kunstwerk. So hat es Alejandro Zambra anscheinend auch mit seinem Text gemacht. Was er zu einem ausufernden, gar kitschigen, Roman hätte wachsen lassen können, bringt er auf 90 Seiten unter. Verzicht auf Beschreibungen? Zurückhaltung trifft es wohl eher. Der Steckling als Schmerz in ihm selbst, der im Schreiben sublimiert, verwandelt werden sollte? Verwandelt so sehr, dass der wahre Kern eine fiktive Hülle bekam?

Ein Buch über die Trauer sollte sich nicht gleich als solches zu erkennen geben. Eine schmerzliche Rückschau auf die erste Liebe - der Autor hütete die Privatheit und scheute die Banalität. Julio und Emilia sind austauschbar, er wollte es so. Junge Leute einer globalisierten Generation. Dass sich ihre Geschichte an unterschiedlichsten Orten der Welt zutragen könnte, es verstört einen beim Lesen ein wenig. Auch dass vordergründig alles Sozialpolitische fehlt, das man in Büchern lateinamerikanischer Autoren meist findet. Aber es fehlt natürlich nicht, wenn man die Geschichte bedenkt, die Verhältnisse, in denen die Gestalten sich befinden - das Bohème-Prekariat hat sich längst weit über den künstlerischen Bereich ausgedehnt. Der Wunsch nach freier, kreativer Betätigung führt oft in andere Abhängigkeiten. Der Aufbruch aus einer restriktiven Gesellschaft und einem autoritären Elternhaus verbindet sich bald schon mit einem Gefühl von Bodenlosigkeit, ja Beliebigkeit. Zu Emilias Lebzeiten scheinen Julios Gefühle für sie nicht so stark gewesen zu sein, dass er nach lebenslanger Bindung strebte. Nun, da sie tot ist, findet er seinen Halt im Schmerz.

»Bonsai« war 2006 das literarische Debüt des damals 21-jährigen Autors, wurde zu einem Welterfolg und von Christian Jiménez verfilmt. Seitdem hat Zambra weitere Bücher veröffentlicht. Sein jüngstes, »Die Erfindung der Kindheit«, 2012 bei Suhrkamp erschienen, handelt von einem Jungen, der (wie der Autor) während der Pinochet-Diktatur aufwächst und in Verwicklungen gerät, die er kaum durchschauen kann.

Alejandro Zambra: Bonsai. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Suhrkamp. 90 S., geb., 12.

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